Der offene Brief der SDAJ

veröffentlicht am: 26 Jan, 2016

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Liebe Alice Schwarzer,

du bist Herausgeberin, Redakteurin und Geschäftsführerin der Zeitschrift EMMA und selbst ernannte Ober-Frauenrechtlerin in Deutschland. In dieser Funktion hast du dich zu den Vorfällen in Köln in der Silvesternacht geäußert. Das seien „die Folgen der falschen Toleranz“, meinst du. Im österreichischen Pendant zur BILD, der Kronen-Zeitung, forderst du die Täter abzuschieben, wenn es möglich sei. Dein angebliches Anliegen, Frauen besser vor gewalttätigen und sexuellen Übergriffen zu schützen, ist ehrenwert. Doch das tust du damit nicht.
Du erklärst den vermeintlichen ethnisch-religiösen Hintergrund der Täter zur Ursache. Nun ist noch überhaupt nicht geklärt, wer die Täter sind, also lässt sich auch wenig über irgendwelche Migrationshintergründe oder Religionszugehörigkeit aussagen. Aber davon mal ganz abgesehen. Sexismus, sexuelle Belästigung bis hin zu Vergewaltigungen – all das ist in Deutschland alltäglich.
Aber statt darüber zu reden, stimmst du – wenn auch gewählter ausgedrückt – offenbar lieber in die rassistische Hetze mit ein und forderst mit deinen Äußerungen eine rechtliche Sonderbehandlung von Menschen ohne deutschen Pass. Damit ist keinem Opfer von Sexismus oder sexueller Gewalt geholfen. Geholfen hast du damit lediglich Pegida, NPD & Co., die selbiges seit Langem fordern und sich freuen, dass die Bundesregierung Mitte Januar beschlossen hat, entsprechende Gesetzesänderungen auf den Weg zu bringen. Für das gleiche Verbrechen werden MigrantInnen in Deutschland nun noch viel härter bestraft als Menschen mit deutschem Pass. Das ist gesetzlich verankerter Rassismus. Deine Worte sind geeignet ihn zu legitimieren. Glückwunsch. Ich wäre stattdessen dafür SteuerhinterzieherInnen wie dich viel härter zu bestrafen.
Laut Terre des Femmes wird in Deutschland alle drei Minuten eine Frau vergewaltigt. Weniger als ein Prozent der Täter wird verurteilt. Jede siebte Frau musste in ihrem Leben schon einmal eine Vergewaltigung, versuchte Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung erleben. Die eigene Wohnung ist bei sexualisierter Gewalt der häufigste Tatort, die Täter stammen entsprechend aus dem engeren Familien- und Bekanntenkreis. Bildung, Einkommen, Alter und Religionszugehörigkeit sind dabei statistisch völlig bedeutungslos. Da redet fast niemand drüber. Aber wenn deutsche Frauen von Ausländern angegriffen werden, dann ist das ein Angriff des Fremden auf die ganze deutsche Nation.
Es geht hier um ein gesellschaftliches Phänomen. Es beruht auf der gesellschaftlichen Schlechterstellung der Frau, die ihre Grundlage in der doppelten Unterdrückung und Überausbeutung von Frauen im Kapitalismus hat und sich in sexistischer Werbung und Rollenbildern, schlechterer Bezahlung am Arbeitsplatz, ungleicher Verteilung der Hausarbeit zwischen den Geschlechtern und eben auch in sexueller Gewalt an Frauen ausdrückt.
Jede Äußerung, die das skandaliert, jeder Schritt, diese Zustände, und seien es nur die Symptome, zu bekämpfen, ist begrüßenswert. Dein Kommentar zu Silvester ist leider nichts davon. Der hilft nur denen, die die ekelhaften Vorfälle am 31.12.2015 dafür nutzen wollen, ihre eigene rassistische Agenda ein Stück weiter durchzusetzen.

Jann, Essen &
das Zeitungskollektiv

Dieser Artikel erschien in
POSITION #1/2016
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POSITION #5/2019

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