Das wahrscheinlich größte Martí Denkmal

Das wahrscheinlich größte Martí Denkmal


Egal, wohin es mich auf den Straßen von Havanna führt, er ist überall. Auf jedem Denkmal, jedem an die Wand gesprühtem Zitat, in den lauthals gesungenen Liedern unserer cubanischen BrigadistInnen und als Namensgeber für etliche Gebäude – José Martí.

Doch was macht ihn zum Nationalhelden? War er nicht ein bürgerlicher Intellektueller, der, seiner Zeit sehr fortschrittliche Positionen vertrat, aber vor allem gute Gedichte und Artikel verfasste?

Er war viel mehr als das. Marti, der im Jahr 1853 geboren wurde, wächst heran in einer Zeit, in der Cuba von der spanischen Kolonialmacht unterjocht wird. Er beginnt früh, schon mit 15 Jahren, politische Gedichte und Artikel zu veröffentlichen, und sympathisiert immer mehr mit der cubanischen Unabhängigkeitsbewegung. Diese hatte zum Ziel, die nationale Souveränität Cubas zu erkämpfen. Kurz nach Beginn des ersten Unabhängigkeitskrieges wird Marti auf Grund seiner politischen Publikationen verurteilt, verlässt 1871 Cuba und muss den Rest seiner Strafe in Spanien absitzen. Danach bleibt er im Exil und setzt seine politischen Aktivitäten fort, studiert Jura und Philosophie, lebt und lehrt später in Mexico, Guatemala, Venezuela und den USA. Seine Vision war die eines freien Cubas und der Einheit aller lateinamerikanischen Staaten.

Im Museo "Batalla de Ideas"

Im Museo “Batalla de Ideas”


Sein Wille, den Kampf um die Freiheit Cubas zu führen, wächst. Im Jahr 1878 knüpft er wichtige Kontakte zur cubanischen Unabhängigkeitsbewegung, aber auch zum Comitee Revolucionarios Cubanos, mit ihrem Sitz in New York. Von da aus führt er die revolutionären Kräfte zusammen, gründet 1892 mit cubanischen Tabakarbeitern in Florida die cubanische Revolutionspartei (PRC). Er überredet die wichtigsten militärischen Führer, Gomez und Maceo, des zuvor verlorenen ersten Unabhängigkeitskrieges, den Kampf gegen Spanien wieder aufzunehmen. Am 24. Februar 1894 beginnt der 2. Unabhängigkeitskrieg.
Marti, der eine der Truppen anführt, fällt in der ersten Schlacht in Dos Rios. Cuba sollte auch ohne ihn die Befreiung von der spanischen Unterdrückermacht gelingen.

Doch Martis Vision der nationalen Souveränität Cubas, erfüllte sich nicht mit der Befreiung Cubas von Spanien. Nach dem Sieg über Spanien wird Cuba von den USA annektiert, und bleibt so weiterhin Spielball einer imperialistischen Weltmacht. Denn von da an herrschen von den USA eingesetzte Diktaturen. Die Folgen waren für Cuba das genaue Gegenteil von nationaler Unabhängigkeit – denn die USA darf sich sogar gesetzlich abgesichert in innere Angelegenheiten Cubas einmischen. Für das cubanische Volk war also noch nichts gewonnen. Oder auch ganz schön viel. Denn die Erfahrungen aus den zwei Unabhängigkeitskriegen und Martis Visionen eines freien Cubas stärkten die Einheit des Volkes, sowie die antiimperialistische Schlagrichtung. Dieser Wille des Volks hin zu einem freien Cuba gipfelt in der Revolution von 59, in der Batistas Diktatur gestürzt wird. Jedoch war die Frage von nationaler Souveränität immer noch nicht vollständig gelöst. In den zwei Jahren nach der Revolution wurde immer klarer, dass die Souveränität eines kleinen Inselstaats im kapitalistischen Weltmeer stark verbunden ist mit politischer und wirtschaftlicher Unabhängigkeit. Und das heißt notwendigerweise mit einem anderen Gesellschaftssystems, dass Cuba auf eine neue ökonomische Basis stellt. Insgesamt kann die Revolution von 59 und die Umwälzung zu einem sozialistischen Staat als eine aus der Geschichte hervorgebrachte, logische Konsequenz aus den historischen Erfahrungen des cubanischen Volks, betrachtet werden.

Und zu dieser Entwicklung trug Marti einen sehr entscheidenden Beitrag. Er war Revolutionär im Geist, und gilt heute als Vordenker der Revolution. Vielleicht hatte Marti nicht das sozialistische Cuba vor Augen, als einer seinerzeit für die Freiheit Cubas eintrat, jedoch säte er in den Köpfen der Menschen, die Gedanken von Einheit und Unabhängigkeit. Denn wie Marti schon sagte, ein Kampf ist nicht nur mit Kraft zu gewinnen, sondern vor allem mit dem Kopf.
So langsam wird auch mir die Wichtigkeit Martis Denkens immer klarer und ich verstehe die allgegenwärtigen Ehrungen. Cuba ist erst seit gut fünfzig Jahren eine souveräne Nation, ein geeintes Volk im Sinne Martis.

Ich glaube, wenn ich das nächste Mal an einem Martidenkmal vorbei gehe, werde ich sagen: Sehr geehrter Senor Marti, deine Gedichte sind ja auch ganz schön, aber vielen Dank fürs Denken.

Hannah, Havanna

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