„Feuer unter‘m Arsch machen“

veröffentlicht am: 12 Jul, 2016

Wie wir mit allen Arbeiterjugendlichen gemeinsam um den Frieden kämpfen wollen. Interview mit Florian Hainrich.

POSITION: Die IG Metall hat auf ihrem letzten Gewerkschaftstag erneut beschlossen, für Rüstungskonversion zu sein. Warum ist euch das so wichtig?
Flo: Rüstungskonversion meint die Umstellung bisheriger Rüstungsproduktion auf zivile Produktion. Deutschland produziert heute Waffen ohne Ende. Ob Kleinwaffen aus Ingolstadt, U-Boote von der Kieler Werft, Raketenleitsysteme, Panzer von Rheinmetall Landsysteme und noch vieles mehr. Rüstungskonversion hat zum Ziel die Beschäftigten in den Rüstungsbetrieben mit einzubeziehen in die Friedensbewegung. Es geht darum dem Totschlag-Argument Arbeitsplatzverlust etwas entgegen zusetzen. Denn nicht die Menschen die dort arbeiten haben ein Interesse an Rüstung, das haben vor allem jene die daran verdienen.

Was ist denn das Interesse der KollegInnen vor Ort?
Flo: Zuerst einmal wollen wir alle natürlich keinen Krieg, über 80% der Deutschen lehnen Auslandseinsätze der Bundeswehr ab. Viele sind gegen Rüstungsexporte und Kriegsproduktion.
Trotz dieser Einstellungen möchte man natürlich seinen Arbeitsplatz nicht verlieren genau hier setzt die Forderung nach Konversion an. Gleichzeitig stellt sie auch die Frage „wer entscheidet, was produziert wird?“, die, die arbeiten oder die, die denen die Fabrik gehört. Es geht hier um Demokratie im Betrieb. Und zwar eine die weit über die bisherige Mitbestimmungsmöglichkeiten der betrieblichen Interessenvertretungen hinausgeht. Nur durch Druck gegen die Unternehmensleitungen und Besitzer ist das durchzusetzen, denn in der Rüstungsbrache winken dicke Profite.

Florian Hainrich, Leiter der AG Betrieb und Gewerkschaft beim Bundesvorstand der SDAJ, ehem. JAVi in einem Rüstungsbetrieb und Mitglied der IG Metall.

Seitdem ist aber nicht so richtig viel passiert.
Flo: Das stimmt. Die Beschlüsse sind bisher sehr geduldiges Papier. Aktionen müssten vor Ort beschlossen werden, groß angelegte Debatten brauchen organisatorische Unterstützung. Das passiert momentan nicht. Deshalb müssen wir das selbst in die Hand nehmen. Konversion darf nicht nur auf Konferenzen thematisiert werden, sondern muss von uns in die betrieblichen und gewerkschaftlichen Gremien eingebracht werden. Kolleginnen und Kollegen müssen überhaupt erst einmal informiert werden, und Jugendgremien müssen praktische Aktionen auf der Straße hinlegen.

Woran liegt es, dass dazu so wenig passiert?
Flo: Die Frage der Konversion ist nur mit erheblichen Druck gegen die Unternehmer durchzusetzen. Außerdem ist sie momentan auch unter den KollegInnen nicht unglaublich populär bzw. häufig gar nicht bekannt. Zusätzlich spielt hier ebenfalls eine Rolle, dass in den Gewerkschaften Sozialpartnerschaft existiert. Nach dem Motto: „Geht‘s meinem Betrieb gut – geht‘s uns allen gut“. Im Rüstungsbereich heißt das dann konsequent zu Ende gedacht, sich z.B. gegen Begrenzungen bei den Rüstungsexporten auszusprechen.

Vor zwei Jahren gab es großen Wirbel um die Zusammenarbeit des DGB mit der Bundeswehr. Wenn Krieg nicht im Interesse der Arbeiterklasse ist und Auslandseinsätze abgelehnt werden, warum macht der DGB dann so was?
Flo: Weil es derzeit keineswegs so ist das der DGB eine marxistische Analyse der Gesellschaft vertritt. Als Einheitsgewerkschaft gibt es im DGB natürlich Auseinandersetzungen und diese wiederum sind abhängig vom Kräfteverhältnis in der Gesellschaft und vom Bewusstseinsstand der KollegInnen.Beides ist ja nicht gerade zu unseren Gunsten. Das ermöglicht es Sozialpartnern ihre Politik in den Gewerkschaften durchzusetzen. Wichtig ist aber zu sehen, dass meisten Gewerkschaftler die eine sozialpartnerschaftliche Politik machen, ehrlich davon ausgehen, dass sie damit am besten fahren. Es ist keine groß angelegte Verschwörung gegen kämpferische Positionen, sondern häufig wird die Möglichkeit in Auseinandersetzungen zu siegen nicht gesehen.

Und was machen wir nun?
Flo: Einerseits Positionen und Personen, die Sozialpartnerschaft und Standortlogik predigen oder praktisch umsetzen, kritisieren. Anderseits aber vor allem selbst den Arsch hochbekommen! Nur wenn kämpferische Positionen in der betrieblichen Praxis relevant werden, wenn Aktionen in, vor und aus Betrieben stattfinden, wenn sich Gewerkschaftler aus Rüstungsunternehmen wieder ernsthaft mit Konversion befassen, haben wir die Möglichkeit auch das Handeln der Führung zu beeinflussen. Einheitsgewerkschaften wurden auch von KommunistInnen mit aufgebaut. Arbeiten wir daran, sie zu stärken und den Kampf auch ihn ihnen aufzunehmen!

KW28.1_3-16_th_interview_floUnd wie geht das? Ist ja nun kein kleines Ziel …
Flo: Wenn wir stärkere Gewerkschaften wollen, brauchen wir auch organisiertere und kämpferischere Gewerkschafter. Wie wir das unter den heutigen Bedingungen organisieren, müssen wir mit den KollegInnen zusammen entwickeln. Erst die gemeinsame Praxis, die gemeinsamen Kämpfe können dann ganz praktisch zeigen, was wir erreichen können, wenn wir in die Auseinandersetzungen gehen.

Irgendwelche Ideen wie wir das organisieren?
Flo: Sicher als erstes natürlich die Arbeit im Betrieb also die Mitarbeit in JAV, Vertrauensleutekörper, aber natürlich auch die Arbeit in den Jugendgremien der Gewerkschaften. Da das aber nicht reicht wollen wir im Rahmen unserer Kampagne auch offene antimilitaristische Treffen organisieren in denen verschiedene Menschen zusammenkommen sollen, die sich gegen Kriegspolitik und Rüstungswahnsinn stellen.

Gibt es da weitere Möglichkeiten?
Flo: In die Aktion kommen hilft an dieser Stelle immer: einen Kriegstreiber aus Politik oder Wirtschaft in der eigenen Stadt outen, mit den KollegInnen aus einem Rüstungsbetrieb in die Diskussion darüber kommen was sie produzieren wollen, Straßentheater und und und. Ideen haben wir schon viele, wir setzen aber drauf, dass die KollegInnen um uns herum noch viel mehr haben.

Und wozu soll das führen?
Flo: Wir wollen die Friedhofsruhe, die in Deutschland herrscht durchbrechen, nur wenn Kolleginnen und Kollegen selbst aktiv werden und erleben dass diese Aktivität auch etwas bringt und dann vielleicht auch noch Spaß macht, werden wir sowohl Sozialpartnern als auch Kriegstreibern Feuer unterm Arsch machen.

 

Die Fragen stellte Kurt, Hamburg

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Dieser Artikel erschien in
POSITION #3/2016
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