„Sich nicht gegeneinander ausspielen lassen“

gewerkschaftliche Betriebsarbeit und revolutionäre Strategie

Jan ist gelernter Holzbearbeitungsmechaniker, wurde nach der Ausbildung nicht übernommen und arbeitet daher als Ungelernter bei einem Baudienstleister. Er ist Mitglied der IG-Metall und im Ortsjugendausschuß (OJA) der IGM-Jugend. Darüber hinaus ist Jan auch bei der ver.di-Jugend und dort insbsondere rund um die Tarifauseinandersetzungen im Einzelhandel (Netto) aktiv. POSITION unterhielt sich mit ihm über die Perspektiven kämpferischer KollegInnen.

POSITION: In den letzten Jahren konnten bei Tarifauseinandersetzungen insgesamt mehr Beschäftigte als sonst mobilisiert werden. Worauf kommt es bei solchen Kämpfen an?
Jan: Es kommt vor allem darauf an, die gesamte Belegschaft in die Auseinandersetzung mit einzubeziehen. Das funktioniert am besten über Betriebsversammlungen und Treffen von Gewerkschaftsaktiven und Vertrauensleuten. Ziel sollte sein, mit der allen Beschäftigten die politische Diskussion zu führen und die praktische Tarifauseinandersetzung vorzubereiten. Die Forderungen und die Aktionen müssen geeignet sein, die ganze Belegschaft mitzunehmen. Das bedeutet auch der Tendenz vorzubeugen, die Forderungsfindung zu einem bloßen Ritual verkommen zu lassen. Viel zu häufig gibt es nur eine Abfrage nach dem Motto „Wie viel Prozent wollt ihr denn?“ anstelle einer Diskussion – auch um qualitative Forderungen wie Urlaub oder Arbeitszeit.
Im Einzelhandel sehen wir aktuell die Erfolge einer breiten Mobilisierung und Einbeziehung großer Teile der Belegschaften. In Baden-Württemberg konnte dank aktiver Belegschaften der Frontalangriff des Kapitals auf die Manteltarife abgewehrt und ein kleiner Lohnzuwachs erkämpft werden.
In Niedersachsen wurde vor dem Beginn der Auseinandersetzung der gewerkschaftliche Organisationsgrad im Einzelhandel erhöht. Das ist gut. Dieser Prozess war aber nicht in eine langfristige Strategie eingebettet, die KollegInnen auch zu aktivieren. Hier ist der Kampf um die Verteidigung des Manteltarifvertrags entsprechend auch noch nicht gewonnen. Der Organisationsgrad wurde nur als „Verhandlungsmacht“ gesehen, der die Verhandlungsposition verbessern sollte. Stattdessen muss aber der höhere Organisationsgrad zu einer Erhöhung der Kampfkraft genutzt werden. Nur Mitgliedsscheine zu machen, die KollegInnen aber nicht auch für ihre Interessen in Bewegung zu bringen, führt zu nichts. So schürt man die Mentalität „DIE Gewerkschaft wird das für UNS schon machen“. Dass hieraus keine Kampfkraft der Belegschaften entsteht, ist ja klar. Langfristig kann das sogar kontraproduktiv sein, weil sich die Leute wieder von der Gewerkschaften abwenden, wenn „DIE schlecht verhandelt“ haben.

POSITION: Warum setzen Gewerkschaften denn zum Teil auf „Verhandlungsmasse statt Kampfkraft“?
Jan: Leider fehlt uns in den Gewerkschaften oft die Erkenntnis, dass die Interessen von Unternehmern und den ArbeiterInnen objektiv nicht mit einander vereinbar sind. Oft werden beide Seiten aber als „Sozialpartner“ angesehen. Kurz gesagt, das Problem heißt Sozialpartnerschaftsideologie. Arbeiter und Unternehmer können niemals Partner sein. Im Kapitalismus sind wir gezwungen, unsere Arbeitskraft zu verkaufen. Mit unserer Arbeitskraft produzieren wir Waren. Unser Lohn ist immer nur ein Bruchteil von dem, was am Ende an Profit in die Taschen des Unternehmers fließt. Die Frage in jeder Tarifrunde ist also nicht, wie viel wir von den Gewinnen abbekommen, sondern wie viel wir uns von den Unternehmern abnehmen lassen. Denn alle Profite kommen aus der Ausbeutung unserer Arbeitskraft. Wer das erkannt hat, wird sich nicht auf eine Partnerschaft mit dem Kapital einlassen, sondern wird sich konsequent auf die Seite der Arbeiterklasse stellen.

POSITION: Das im Betrieb vorherrschende Bewusstsein ist aber eher von Standortlogik und der Angst um den eigenen Arbeitsplatz geprägt. Was bedeutet das für klassenorientierte KollegInnen?
Jan: Während meiner Ausbildung habe ich gelernt was es bedeutet, in einem Betrieb ohne jegliche Interessensvertretungsstrukturen zu arbeiten und was es heißt, wenn sich die KollegInnen gegeneinander ausspielen lassen. Solidarität muss über die Grenzen des eigenen Betriebs hinaus gehen. Sie muss auch zwischen dem arbeitenden Teil der Klasse und dem erwerbslosen Teil hergestellt werden. Häufig gibt es die reale Gefahr der Standortschließung, obwohl sicherlich oft auch nur damit gedroht wird, um den Beschäftigten Zugeständnisse abzupressen. Aber sich auf die „Standortsicherung“ einzulassen, bedeutet Erpressung der Beschäftigten und am Ende wird der Standort doch geschlossen. Zugeständnisse bringen hier nur die Unternehmer weiter. Wird aber schon der erste Angriff des Unternehmers energisch abgewehrt, stehen die Chancen auch den nächsten Abwehrkampf erfolgreich zu meistern, deutlich besser.

POSITION: Aber das kann ja doch nicht alles sein…
Jan: Grundsätzlich stehen wir als Arbeiter beim Verkauf unserer Ware „Arbeitskraft“ natürlich in Konkurrenz zueinander. Das erschwert solidarisches Handeln und entsprechende Haltungen als Vorstufe von Klassenbewusstsein. Durch eine kollektive gewerkschaftliche Interessenvertretung, haben wir die Möglichkeit diese Konkurrenz zeitweise auszuhebeln. Langfristig dürfen wir uns aber nicht mit den berühmten Krümeln vom Kuchen abspeisen lassen. Sicher werden unsere Arbeitsplätze nur dann, wenn die ganze Bäckerei, sprich die Produktionsmittel, nicht mehr einzelnen Unternehmern privat gehören, sondern der ganzen Gesellschaft. Erst dann kann auch die ganze Gesellschaft bestimmen, was produziert wird und unter welchen Arbeitsbedingungen. Erst dann werden wir nicht mehr jeden Euro und jede Stunde Freizeit erkämpfen und verteidigen müssen. Diese Gesellschaft ist der Sozialismus. Auch wenn es uns als eine sehr große Aufgabe erscheint, dies unter den Kolleginnen und Kollegen zu verbreiten, führt doch kein Weg daran vorbei.

Das Interview führte: Jann, Essen