Der «March of Peace», die große Abschlussdemonstration der Weltfestspiele 2010

Der gleiche Kampf – überall: Bei den Weltfestspielen in Südafrika

Die rechte Presse ließ kein gutes Haar an den Weltfestspielen: Ein organisatorisches Desaster, Geldverschwendung, eine Prestige-Veranstaltung der Regierung – das konnten wir in den Zeitungen lesen.

In vorderster Front der Festival-Gegner standen die Medien, die traditionell der reichen weißen Minderheit in Südafrika nahe stehen. Sie fotografierten die leeren Konferenzräume in der Mittagspause – und erklärten, die Beteiligung wäre katastrophal. Auf dem Festivalgelände waren Reporter von privaten Zeitungen und Sendern unterwegs, die ausschließlich nach Kritik und organisatorischen Problemen fragten.

Bekamen sie nicht die gewollten, diskreditierenden Antworten, fiel die Aussage der Delegierten unter den Tisch. Über Inhalte, über die Einmaligkeit einer solchen Veranstaltung oder gar die Chance, sich mit Jugendlichen aus aller Welt über ihre Lebensrealität auszutauschen, fand sich in den Medienberichten kein Wort. Wir mussten feststellen, auch in Südafrika hat der Kampf für Frieden, Arbeit und Bildung seine Feinde.

Wütende Rechte

Denn in Südafrika war das Festival schon bevor es stattfand zum Politikum geworden. Die rechte Opposition griff den regierenden afrikanischen Nationalkongress (ANC) dafür an, dass er zehntausende antiimperialistische Jugendliche eingeladen hatte. Und um jede inhaltliche Auseinandersetzungen zu umgehen, stürzten sich die Rechten auf jede organisatorische Panne, um Stimmung gegen das Festival zu machen. Und damit es auch etwas zu berichten gibt, sorgte die Rechte gleich selbst für ein paar organisatorische Schwierigkeiten. Nur ein paar Tage vor dem Festival haben alle Busunternehmer abgesagt.

Aber auch obwohl wir ein paar Stunden auf den Bus warten mussten, kommen wir irgendwann zu der Eröffnung der Weltfestspiele. Zuerst treffen wir auf gefühlte tausend Inder, Vietnamesen, Afrikaner und Araber, die alle ein Foto mit uns machen wollen. Lächeln hier, Fahne halten dort. Plötzlich hören wir ein rhythmisches Klatschen und verschwommene, einzelne Stimmen. Sie kommen näher. Sie werden mehr. Sie werden lauter. Ein riesiger Zug Südafrikaner und vereinzelte Delegierte anderer Länder (ihre Anzahl wird in den nächsten Tagen steigen) ziehen rhythmisch stampfend durch den Eingangsbereich des Stadions. Am Anfang überwältigt durch diese einzigartige, bewegende Art zu tanzen, zu singen, sind die Worte nicht ganz verständlich, doch spätestens nach der vierten Wiederholung kann man fast nicht anders als mit zu singen: „My mother was a kitchengirl, my father was a gardenboy. That’s why, that’s why I’m a communist.“ Und spätestens jetzt war uns allen klar, dass die Rechten und Reaktionäre allen Grund hatten, das Festival zu bekämpfen.

Gegen den Imperialismus

Denn die Weltfestspiele waren schon immer ein Treffpunkt für Jugendliche aus der ganzen Welt, um sich auszutauschen über den Kampf gegen die Unterdrückung und die Kriege des Imperialismus. Die letzten 3 Festivals haben in nicht-sozialitischen Staaten stattgefunden. Einen hohen Stellenwert hatte daher u.a. die Diskussion um die Ausrichtung und Beibehaltung des antiimperialistischen Charakters der Weltfestspiele.
Vom 13. bis 21.12.2010 trafen sich mehr als 15.000 Jugendliche aus etwa 150 Ländern in Südafrika. Unter dem Motto „Für eine Welt des Friedens, der Solidarität und des sozialen Wandels, lasst uns den Imperialismus besiegen“ haben wir gemeinsam diskutiert, uns kennen gelernt und gefeiert. „Dass es aber nicht nur um Austausch ging, sondern auch um einen gemeinsamen Kampf der Jugend gegen den Imperialismus, war allgegenwärtig.

„Und das ist wohl das Wunderbarste der Weltfestspiele für mich gewesen: Wir sind viele aus aller Welt, wir wollen dasselbe, und dafür stehen wir ein und kämpfen“ — Hannah (Köln)

72 Delegierte kamen aus Deutschland, von der SDAJ, den Gewerkschaften, der FDJ und der Antifa. In den nächsten Tagen hatten wir die Gelegenheit, etwas mehr darüber zu erfahren, wie der Kampf gegen Imperialismus und Krieg in anderen Teilen der Welt geführt wird. Wer weiß in Deutschland schon, dass z.B. beim Bau des bekannten Dubai Towers 30.000 Bauarbeiter für bessere Arbeitsbedingungen gestreikt haben, dass es in Vietnam im vergangenen Jahr über 700 Streiks in der Privatwirtschaft gegeben hat, oder dass die USA weltweit über ein Netz von 800 Militärbasen verfügen, gegen die selbst auf den Philippinen demonstriert wird?

Mandela und Castro

Immer wieder ging es natürlich um den Kampf der Südafrikaner gegen die Apartheid. Erst 1994 konnte das Terrorregime der Rassentrennung beseitigt werden, die Erinnerung an diese Kämpfe ist noch überall lebendig. Wir hörten aus erster Hand, wie der ANC damals die Gegenwehr organisierte. Und wir besuchten Soweto, ein Armenviertel, das für den Widerstand eine große Bedeutung hatte. Denn hier fand 1976 eine Demonstration von Schülerinnen und Schülern gegen das rassistische Schulsystem statt, bei der 600 Demonstranten erschossen wurden.

Eines der ersten Opfer war der 13 jährige Hector-Peterson, dessen Bild weltweit bekannt wurde. Nach ihm ist auch das Museum in Orlando West, einem Stadtteil Sowetos, benannt, dass wir bei unserer Tour besucht haben. Es war beeindruckend zu sehen wie der Aufstand der Jugendlichen in Soweto dem Widerstand gegen die Apartheid wieder neuen Aufschwung gegeben hat und wie entschlossen die Jugendlichen trotz höchster Lebensgefahr für ihre Freiheit kämpften.

Im Museum wird bspw. ein junger Schüler zitiert, der nach der Demonstration zu seinem Vater sagt „Papa, morgen gehst du nicht zur Arbeit. Übermorgen und den Tag danach auch nicht. Und nur um sicher zu sein, dass du wirklich nicht gehst, stellst du bitte dein Auto in den Garten.“

Auf dem Festival war die südafrikanische Delegation mit ihren Tanzeinlagen und ihrer Hilfsbereitschaft überall präsent. Unzählige freiwillige Helfer sorgten dafür, dass das Festival überhaupt möglich wurde. Das Bild Nelson Mandelas, des Kämpfers gegen die Apartheid, war allgegenwärtig.

Und noch ein zweites Bild war überall zu sehen: Das Fidel Castros. Denn auch in Südafrika gibt es viele Gründe, sich an die Solidarität Cubas zu erinnern. Kuba half nicht nur bei der Ausbildung südafrikanischer Guerillakämpfer sondern verhinderte auch militärische Übergriffe Südafrikas gegen andere Länder.

In den 80ern griff Südafrika Angola an. Angola fürchtete vernichtet zu werden und bat international um Hilfe. Unterstützung kam vor allem von der Sowjetunion und Kuba. Mit über 50.000 kubanischen Soldaten konnte 1987 in einer entscheidenden Schlacht in Cuito Cuanavale, einer Stadt im Süden Angolas, die südafrikanische Armee geschlagen werden.

Das Beispiel und die Solidarität Cubas sind für fortschrittliche Kräfte in der ganzen Welt ein wichtiger Bezugspunkt. Nicht nur verschiedenste Regierungsvertreter hoben die besondere Verbindung zu Kuba bei jeder Gelegenheit hervor, der Schlacht in Cuito Cuanavale wurde auch ein ganzer Tag der Weltfestspiele gewidmet.

Gegen die Besatzung

Auch die Delegation aus Westsahara erhielt die Solidarität, die sie verdiente. Trotz erbitterten Widerstands wird Westsahara noch heute von Marokko besetzt und die Bevölkerung unterdrückt. Einige Delegierte aus Westsahara wurden bereits vor ihrer Ausreise aus Marokko festgenommen, viele weitere erwarteten das gleiche Schicksal für ihre Heimreise. Alle Delegationen erklärten sich solidarisch mit dem Kampf der Befreiungsfront der Westsahara, POLISARIO – mit einer Ausnahme: Die marokkanischen Delegierten verteidigten die Besatzung. Immer wieder provozierten sie: Mit Plakaten „Sahara belongs to Morocco – since ever“, selbst mit Handgreiflichkeiten. Am Ende wurde die marokkanische Delegation vom Festival ausgeschlossen.

Sport & Kultur

Zum ersten Mal in der Geschichte des Festivals war Sport fester Bestandteil des Programms. Die deutsche Delegation war sowohl beim Fußballturnier, als auch dem 5km Wettlauf mit von der Partie.

Unsere Fußballmannschaft ist zwar bereits nach der Gruppenphase ausgeschieden, aber wer kann es uns verübeln bei Spielgegnern wie den heroischen palästinensischen Freiheitskämpfern oder der klassenbewussten griechischen Arbeiterschaft?

Bei einem Festival mit solchen Ausmaßen kamen natürlich auch Musik & Party nicht zu kurz.
Auf dem Festivalgelände war eine riesige Bühne aufgebaut auf der die bekanntesten südafrikanischen Künstler auftraten.
Auch Gruppen aus der ganzen Welt traten auf, so z.B. aus Palästina, Nordkorea und Kuba.

Nach 22:00 Uhr ging es in den Unterkünften der Delegierten weiter.

„Gute Stimmung war garantiert. Wo kann man sonst mit Jugendlichen aus 150 Ländern der Welt Party machen?“ — Kerem (München)

Spektakulärer Abschluss

Beim zweitägigen antiimperialistischen Tribunal, einem absoluten Höhepunkt des Festivals, wurden die Verbrechen des Imperialismus in der ganzen Welt verurteilt – zum Beispiel die unzähligen Aggressionen der USA gegen Cuba. Die Rolle des deutschen Imperialismus wurde unter anderem von den Namibianern thematisiert: Sie schilderten, wie sich die Bundesregierung noch heute weigert, eine Entschädigung für den Völkermord der deutschen Kolonialisten zu leisten. Eine umfangreiche Beweissicherung – anhand von Fotos, Videos und Zeugenaussagen – ließ keinen Zweifel daran, dass es der Imperialismus ist, der in allen Ländern der Welt die Verwirklichung unserer Grundrechte verhindert.

Der letzte Tag der Weltfestspiele begann mit einem großen „March of Peace“ zu den Union Buildungs, den Regierungsgebäuden in Pretoria. Mehr als 10.000 Jugendliche aus über 100 Ländern der Welt demonstrierten gemeinsam gegen Imperialismus und Krieg.

Der «March of Peace», die große Abschlussdemonstration der Weltfestspiele 2010
Der «March of Peace», die große Abschlussdemonstration der Weltfestspiele 2010

Die am Anfang noch existierenden Länderblocks lösten sich bald in einem einzigen, internationalen Block auf. Dafür sorgten insbesondere die südafrikanischen GenossInnen, die lauthals durch die Demo zogen. Auf der abschließenden Kundgebung wurde auch die Abschlusserklärung des Festivals verlesen, in der es heißt „Die Zukunft ist in unserer Hand und es hängt von der Jugend der Welt und ihrer Stärke ab, eine Welt des Friedens und der Solidarität aufzubauen, in der die Macht und der produzierte Wohlstand den Menschen und der Jugend gehört.“

Wir hatten auf den Weltfestspielen zehn Tage lang die Gelegenheit, Leute zu treffen, die in ihren Ländern den gleichen Kampf führen wie wir hier: Für eine Gesellschaft jenseits von Ausbeutung, Krieg und imperialistischer Unterdrückung. Wir konnten mit ihnen diskutieren und feiern und wir haben gesehen, dass unser gemeinsamer Kampf Erfolg haben muss. Bei uns und in Afrika. Ein Delegierter aus Ghana sagte uns: „Die Imperialisten sollen wissen, dass sie zwar rennen, aber sich nicht verstecken können, dass sie töten, aber niemals den Geist des revolutionären Afrikas brechen können. Sie können das Potential Afrikas unterdrücken, aber nicht verhindern.“

SDAJ WFS-Redaktion

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