Working Wistleblowers: Über Standards und Sexismus

35.2_4-16_akt_working-wistleblower-beide214 Stunden ohne Pause – Alles nach Vorschrift?
Mo (19) arbeitet in der Nürnberger Gastro-Kette ALEX

„Jeder ist ersetzbar“ antwortet der Chef, wenn langjährige Mitarbeiter kündigen, weil sie nicht mehr können. „Ihr seid in der Company nur Zahlen und ich muss eben die Richtigen liefern“ heißt es weiter. Überall wird gespaart, selbst Klopapier und Seife – dafür nur Mindestlohn, ob gelernter Systemgastronom oder Koch. Dazu müssen wir immer 15 Minuten vor Arbeitsbeginn anfangen und unseren Bereich auffüllen und vorbereiten – unbezahlt. Alle sind gestresst, entnervt und verschleppen körperliche Probleme von der Arbeit. Im Vorstellungsgespräch wurde das ALEX sozial dargestellt: „Bevor du länger als 10 Stunden arbeiten musst, stelle ich mich selber hin und mach deine Schicht“ tönte der stellv. Betriebsleiter. Doch am Wochenende oder bei Großevents arbeiten wir auch mal 14 Stunden ohne Pause, wie während der EM. Die Ruhezeiten zwischen den Schichten werden dann auch nicht eigehalten. So geht es, dass man nach so einem Tag 6 Stunden nach Schichtende wieder im Laden steht. Lohnabrechnungen bekommen wir generell nur auf Nachfrage und dann dauert es. An Urlaub ist nicht zu denken. Das alles für etwa 1.100€ Netto in Vollzeit. Obwohl wir unter den drei umsatzstärksten Läden der Kette mit rund 60 Leute beschäftigt sind, gibt es keinen Betriebsrat. Viele haben sich mit ihrer prekären Situation abgefunden, doch einig sind sich alle: So kann das nicht weiter gehen! Wir werden gemeinsam etwas tun müssen, geschenkt wird uns nichts.

Dieser Artikel ist aus der aktuellen POSITION, dem Magazin der SDAJ. Du kannst es für 10€ jährlich abonnieren unter position@sdaj.org
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Frauentag im Männerhort
Laura (22) aus Gießen ist im Industriebetrieb tagtäglich Sexismus ausgesetzt

Ich bin Werkzeugmechanikerin im ersten Lehrjahr eines großen Industriebetriebs. Gerade habe ich die Grundkenntnisse an der Drehmaschine erworben und helfe nun seit einiger Zeit dabei den enormen Zeitdruck für die Aufträge der Facharbeiterkollegen zu mindern. Ich werde, wie alle Azubis, als normale Arbeitskraft angesehen, die vor allem die einfachen Dreharbeiten erledigt. Jedoch nur zu einem Bruchteil des Lohnes der ausgelernten Kollegen, versteht sich, und zusätzlich noch immer wieder ausbildungsfremde Tätigkeiten. Doch dann, am 8. März, also am Frauentag, ist mir etwas Besonderes widerfahren: Meine Kollegin aus dem 3. Lehrjahr hatte Berufsschule, das heißt, ich war weit und breit die einzige Frau in der Produktion. Die angestaubten Rollenvorstellungen der Kollegen und die pubertären Sprüche meiner Mitauszubildenden kenne ich schon gut genug aus den Mittagspausen: „Meine Frau… am Herd… die Kinder…“ oder „Hauptsache geile Titten!“. An diesem Tag aber kam eine Diskussion mit einem Kollegen in der Wartung auf, es ging um den Frauentag, um Ungleichbehandlung und Lohnunterschiede. Er sagt: „Wäre ich der Chef, würde ich mir vor der Einstellung einer Frau auch erstmal die Sterilisation unterschreiben lassen.“ Ich denke mir: Achso, ja klar, entweder arbeiten gehen oder Kinder kriegen. Wie konnte ich das nur vergessen. Leider ist das schon viel zu oft Realität. – Nach der Arbeit gehe ich mit Genossinnen und Genossen zur Frauenkampftagsdemo in die Stadt: Es gibt noch viel zu tun!

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Dieser Artikel erschien in
POSITION #4/2016
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