Schrei nach Gewalt

veröffentlicht am: 21 Mai, 2011

Die Marschrichtung hatte der Bundespräsident vorgegeben, kurz bevor er sich zum Besuch bei den Trägern der westlichen Wertegemeinschaft in den monarchisch regierten Emiraten am Persischen Golf auf den Weg machte: Ghaddafi sei ein „Psychopath“. Die Ferndiagnose zum von der EU neulich noch gehätschelten Oberst wurde in den deutschen Medien unisono aufgegriffen, ein Reichspropagandaministerium ist in solchen Fällen nicht nötig. Eine staatliche sprachregelnde Instanz ist heute nur noch selten notwendig, um „dem deutschen Volk bestimmte außenpolitische Vorgänge so zu beleuchten, daß die innere Stimme des Volkes selbst langsam nach der Gewalt zu schreien“ beginnt (Adolf Hitler am 10. November 1938 vor der deutschen Presse). Auf die Revolten in Tunesien und Ägypten reagierten die Medien pflichtgemäß und einhellig säuerlich. Insbesondere das Mubarakregime war schließlich nicht pathologisch, sondern hatte im „Krieg gegen den Terror“ nützliche, äußerst rationale Folterhilfe für den Westen geleistet.

Da ist Libyen ein anderer Fall: Der deutsche journalistische Schreibtischheld darf über dieses Land jede Phantasie, die er gerade so hat, verbreiten. Einzige Voraussetzung ist: Am Ende muß die Forderung nach einer „humanitären Intervention“ stehen, also einem Krieg gegen den Psychopathen. Hier sei als Beispiel der Berliner Tagesspiegel angeführt:

Am 26. Februar rief Caroline Fetscher zu eben einer solchen „humanitären Intervention“ auf. Unter der Attitüde einer Kritikerin der bisherigen Politik des Westens gegenüber Ghaddafi ruft sie zu den Waffen: „Militärisches Eingreifen“ heiße es, sei unmöglich, solange Europäer im Lande sind, humanitäre Hilfe sei gefragt. Das sieht Frau Fetscher anders und sie bringt daher Völkermord ins Spiel: „Wer mit solcher Hilfe nicht, wie im Fall Ruanda und andernorts geschehen, einmal mehr die Täter vor Ort füttern und ausstatten will, der muß sich endgültig verabschieden vom Wegsehen.“

So schreibt man sich langsam warm bis zum „Schrei nach Gewalt“, den am 8. März schließlich der Chef selbst von sich gibt. Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff dekretiert, eine Forderung des grünen EU-Parlamentariers Daniel Cohn-Bendit aufgreifend, unter dem Titel „Schrei nach Leben“ die Einrichtung einer Flugverbotszone in Libyen und fragt: „Was, wenn einer ihrer Vertreter diese Bitte vor dem UN-Sicherheitsrat und in der EU, übertragen von Al Dschasira für alle arabischen Staaten, wiederholt – darf sie ungehört bleiben?“ Die Frage ist rhetorisch, wie aus seiner Antwort hervorgeht: „Diese Bitte wäre die nötige Autorisierung für eine Aktion der Humanität.“ Just am Abend desselben Tages sprach diese Bitte vor Abgeordneten des EU-Parlaments in Strasbourg ein Gründungsmitglied des oppositionellen libyschen Nationalrates aus. Krieg ist schließlich kein Zufall. Nur eine Frage der Humanität.

Arnold Schölzel

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