Standortdaten: nicht anonym, aber wirkungslos!

veröffentlicht am: 25 Mrz, 2020

Seit einer Woche wird über die Nutzung von Standortdaten zur Coronabekämpfung berichtet. Was das bringen soll und welche Problem dabei entstehen, wird aber kaum diskutiert.

Bitte Abstand halten: 1,5 Meter

Dieser Abstand reicht aus um eine Übertragung des Coronavirus zu verhindern. Die Abstandsregel, von der zur Zeit überall geredet wird, ist nicht 10 Meter und auch nicht 30 Meter. Warum ist das relevant?
In etwa so genau erfassen GPS bzw. Funkzellen den Standort eines Smartphones. In Städten und geschlossenen Räumen ist das meist sogar noch ungenauer. Wer das nicht glaubt, kann das zumindest für GPS auch leicht nachprüfen und sich den blauen Kreis um den eigenen Standort in Google Maps ansehen. Ein Beispiel: ich sitze aktuell in meinem Zimmer – alleine also ohne jede Ansteckungsgefahr. Der Kreis reicht aber bis auf die Straße. Im Haus unter mir ist ein Supermarkt, auch der befindet sich im Kreis. Aus Sicht meines Standorts habe ich also gerade sicherlich mit einigen Menschen Kontakt – anstecken werde ich aber keinen davon.
In Israel sollten diese Techniken zur Kontaktnachverfolgung von Coronafällen verwendet werden. Auch in Deutschland kam letzte Woche die Forderung auf. Angeblich können dadurch Kontaktpersonen wesentlich schneller nachverfolgt werden. Der Großteil von angeblichen „Kontaktpersonen“ ist dabei aber nichts als Datenmüll. Standortdaten zur Coronabekämpfung sind also vor allem eins: wirkungslos

Anonymisierung?! Gibt es nicht!

Also alles halb so wild? Man könnte meinen die Preisgabe so unpräziser Daten ist dann also zumindest kein Problem. Außerdem sollen sie ja auch anonymisiert sein wie das Datenpaket, dass die großen Telekommunikationskonzerne Anfang letzter Woche „gespendet“ haben. Aber was bedeutet anonymisiert? Mein Name und meine Telefonnummer wurde vielleicht gelöscht und durch irgendeine zufällige Nummer ersetzt. Aber sind Daten, insbesondere Bewegungsdaten, deshalb schon anonym? Was nicht ausreicht um reale Kontaktpersonen zu identifizieren, reicht trotzdem aus um den Besitzer zu identifizieren. Bewegungsmuster sind eben sehr aussagekräftig. Nachts sind die aller meisten Menschen normalerweise bei sich zu Hause, tagsüber in der Arbeit. Wie viele Menschen gibt es die im gleichen Haus wohnen und die gleiche Arbeitsstelle haben? Und wie viele davon sind einmal die Woche z.B. beim gleichen Fußballtraining? Diese wenigen Informationen über einen Menschen reichen meist schon aus um herauszufinden, wer hinter angeblich „anonymen“ Daten steckt. Ab dann ist jeder Schritt nachverfolgbar und persönlich zuortbar. Die einzige Lösung die Daten weniger leicht rückverfolgbar zu machen ist ihre Genauigkeit zu reduzieren. Also beispielsweise nicht auf 30 Meter genau, sondern nur auf mehrere hundert Meter genau. Damit sinkt aber auch der eh schon geringe Nutzen zur Coronabekämpfung, denn hier kommt es ja auf eine möglichst hohe Genauigkeit an. Anonyme Bewegungsdaten gibt es also nicht.

In der Coronakise ist der Politik jedes Mittel recht

Das alles hat die Bundesregierung und das Robert-Koch-Institut jedoch nicht daran gehindert schon mal Interesse anzumelden. Anfang letzter Woche hielt der RKI Präsident die Nutzung von Standortdaten noch für „technisch und datenschutzrechtlich“ möglich und berichtete stolz von einem Team das entsprechende Auswertungen vorbereitet. Was genau der Nutzen der Daten sein soll? Wie eine tatsächliche Anonymisierung sichergestellt wird? Eine Debatte dazu war nicht vorgesehen. Stattdessen schickte die Telekom die ersten Daten los.
Nach einiger Kritik an den Plänen rudern sie nun zurück. Seit dem Wochenende hat man die Möglichkeit der Datenweitergabe individuell zu widersprechen. Das ist sicher sinnvoll, nur reicht das nicht aus. Auch in der Coronakrise muss man dem Staat auf die Finger schauen, wenn er nach unseren Rechten greift. Nicht jede Maßnahme ist unbedingt sinnvoll, geschweige denn von der Gesellschaft gewollt. Beim Durchdrücken der Polizeigesetze hat der Staat auch schon gezeigt, dass er sich im Zweifel auch über Widerstand hinwegsetzt. Ohne unseren Widerstand, wird er also beim nächsten Versuch sicher nicht aufzuhalten sein. Staatliche Überwachung bliebt staatliche Überwachung – trotz Corona.

Zu der Frage der Genauigkeit von Standortdaten:
https://netzpolitik.org/2020/zeig-mir-deinen-standort-und-ich-sage-dir-ob-du-vielleicht-krank-bist/

Zur Frage der Anonymisierbarkeit von Standortdaten:
https://netzpolitik.org/2020/unverhofftes-datengeschenk/

Zur Frage der Nützlichkeit von Standortdaten:
https://www.neues-deutschland.de/artikel/1134510.datenschutz-corona-app-nein-danke.html

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