Erklärung der Redaktion des SDAJ-Magazins POSITION

„Die SDAJ möchte, dass die Arbeiter Jugend ihre Zeit mit Pornos und Masturbieren verbringt anstatt mit Bildung, Agitation und Klassenkampf“ wütet es seit Mittwochnacht durch eine kleine Internetblase. Grund für die Vorwürfe ist ein Artikel aus der neuen Sex-Rubrik des Magazins POSITION. Das Magazin richtet sich an Jugendliche in Schule, Uni und Betrieb und versucht die Welt in der wir leben einfach verständlich aus marxistischer Sicht zu erklären und aufzuzeigen, wie wir sie zu einer besseren Welt machen können. Dafür besprechen wir in unserem Magazin nicht nur klassische „politische Themen“, sondern wollen die politische Dimension von allen Bestandteilen unseres Alltags aufzeigen. Dazu gehört für uns als Jugendmagazin (von Jugendlichen für Jugendliche gemacht) dazu, sich mit allen Themen zu beschäftigen, die uns als Heranwachsende bewegen.

Dazu gehört auch unsere Sexualität. Menschliche Sexualität hat eine biologische und eine gesellschaftliche Ebene, doch „unsere Bedürfnisse und Genüsse entspringen aus der Gesellschaft, wir messen sie daher an der Gesellschaft“ (Karl Marx). So wie der Mensch nicht nur isst, um ausschließlich mit Messer und Gabel zu hantieren, oder um ausschließlich seinen Hunger zu befrieden, so ist auch die menschliche Sexualität nicht allein auf ihren biologischen, noch allein auf ihren gesellschaftlichen Ursprung zurückzuführen. Deswegen beschäftigen wir uns in der POSITION immer wieder mit dem Verhältnis der Geschlechter innerhalb unserer Gesellschaft (Bsp.: gesellschaftliche Benachteiligung von Frauen), doch bisher viel zu wenig mit dem Verhältnis zwischen einzelnen Menschen (Bsp.: Liebe und Beziehung zwischen Individuen).

Doch als MarxistInnen wissen wir: Friedrich Engels‘ historisch-materialistische Herleitung der Entstehung menschlicher Beziehungen im Arbeitsprozess definiert die Familie primär gesellschaftlich und nicht biologisch. Sie ist geprägt durch Klassengesellschaft, Unterdrückung der Frau und Patriachat. Dazu kommt die vorherrschende prüde Spießermoral von Bürgertum und Kirche, der sich im Laufe unserer Geschichte immer wieder eine Bewegung zur Neudefinition sexueller Vorstellung und Normen im Sinne einer progressiven (Sexual-) Moral entgegenstellte. Müsste unsere Sex-Rubrik dann nicht auf die Vermittlung einer wie auch immer gearteten Moral von uns KommunistInnen zielen, wie es scheinbar einige unserer Internet-KritikerInnen verlange?

Schlagen wir nach nochmal nach bei Engels, der zusammen mit Marx den wissenschaftlichen Sozialismus begründet hat. Zum Begriff der Moral schreibt Engels im Anti-Dühring: „Und wie die Gesellschaft sich bisher in Klassengegensätzen bewegte, so war die Moral stets eine Klassenmoral; entweder rechtfertigte sie die Herrschaft und die Interessen der herrschenden Klasse, oder aber sie vertrat, sobald die unterdrückte Klasse mächtig genug wurde, die Empörung gegen diese Herrschaft und die Zukunftsinteressen der Unterdrückten.“ Wir fragen uns: Wie mächtig ist die klassenkämpferische Bewegung in unserem Land heute?

Auch wenn die Grünen und nicht klassisch-konservative Kräfte den Ton angeben, auch wenn die Kirche für unsere Generation nicht mehr die gleiche Rolle spielt, wie noch für unsere Großeltern, so findet in Fragen der Sexualität ein Roll-Back bzw. ein Rechtsruck statt. Und weiterhin wird Sexualität im Kapitalismus den Verwertungsinteressen des Kapitals untergeordnet. Der Verwertungslogik kommt eine Trennung der Sexualität von gesellschaftlichen Bindungen entgegen. Das wirkt vielleicht oberflächlich betrachtet befriedigend und enthemmter als die Spießermoral der Nachkriegs-BRD, doch offener oder reflektierter ist der individuelle als auch gesellschaftliche Umgang mit Sexualität nicht und der Aspekt sozialer Beziehungen und Bindungen wird vernachlässigt.

Warum also haben wir in der POSITION eine Sex-Rubrik gestartet? Wir gehen also davon aus, dass sexuelle Emanzipation eine gesellschaftliche Frage ist, dass also auch Schritte der sexuellen Befreiung innerhalb des kapitalistischen Gesellschaftssystems nicht über individuelle Lösungen, sondern über soziale Befreiung erlangt werden. Die Bewegung für soziale Emanzipation und für den Sozialismus bietet den gesellschaftlichen Fixpunkt von dem ein unverklemmter Umgang mit Sexualität ausgeht. Dieser offene Umgang ist Bedingung für die Reflexion eigener Bedürfnisse und des eigenen Handelns. Es gehört zur bürgerlichen Moral darüber zu schweigen. Engels forderte schon vor 135 Jahren, dass „die deutschen Arbeiter sich gewöhnen, von Dingen, die sie täglich oder nächtlich selbst treiben, von natürlichem, unentbehrlichen und äußert vergnüglichen Dingen“ endlich „unbefangen zu sprechen“.

Die Rubrik, die mit zwei von vierzig Seiten keinen Schwerpunkt des Heftes darstellt, will durch das offene Reden über Tabuthemen die gesellschaftliche Dimension von Sexualität erläutern. Denn das Roll-Back in Fragen der Sexualität wird von uns alltäglich reproduziert und ist Ausdruck der neoliberalen Ellenbogen-Mentalität. Wie der Sexualwissenschaftler Günter Amendt mal sagte „Der Typus der allzeit mobilen und flexiblen, leistungs- und risikobereiten Persönlichkeit mit stark asozialen Zügen wurde zum Ich-Ideal einer ganzen Generation von Aufsteigern“. Dagegen wollen wir ein Klima des offenen Umgangs innerhalb unserer Bewegung und Klasse anstoßen.

Wir wissen das ist nicht genug. Es reicht nicht, nur zu ermutigen, wir müssen auch ein materialistisches Verständnis von Beziehungen und Sexualität propagieren, denn
„es geht um die objektive Logik der Klassenbeziehungen in Liebesdingen“ (Lenin). Doch das kann die zweiseitige Rubrik nicht leisten. Die POSITION ist ein zweimonats-Magazin mit vielfältigen Themen. Wir können uns nicht in jeder Ausgabe den Platz nehmen alles von Null an neu zu erläutern. Doch wer ehrlich interessiert ist an unserer Arbeit zum Thema Sexualität, denen empfehlen wir unsere Schwerpunkt-Ausgabe aus dem letzten Jahr.

Mit diesem Statement wollen wir erklären, warum wir diese Rubrik gestartet haben und auch die nächsten Hefte so weiterführen werden. Wir wollen gerne dazu einladen, uns Kritik und Anregungen mitzuteilen.

Euer Zeitungskollektiv (Frankfurt, 26.10.19)

 

 

Du kannst die POSITION für 10€ jährlich abonnieren unter position@sdaj.org

Mehr zur Frage, was wir KommunistInnen mit dem Kampf um sexuelle Emanzipation zu tun haben, findest du in diesem Artikel unserer Schwerpunkt-Ausgabe zu Sexualität.

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POSITION #5/2019

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