Arbeitende Jugend

gemeinsame Probleme, gemeinsame Interessen, gemeinsamer Gegner

Reportage Arbeiterjugend KüchentischWas haben eine Krankenschwester, eine Tischlerin, ein Busfahrer und ein Industriemechaniker gemeinsam? Auf den ersten Blick vielleicht nicht allzu viel, auf den zweiten Blick dafür umso mehr.

Nicole, Marina, Jakob und Max sitzen an einem Tisch und unterhalten sich über ihre Ausbildung. Und müssen dabei ein wenig übereinander schmunzeln, denn wenn einer der vier spricht verstehen die anderen größtenteils nur Bahnhof. Bei der einen geht es um viel medizinischen Krams, die andere hantiert in einer Bude mit drei Angestellten mit Holz und Leim , der dritte kutschiert mit „seinem“ Bus Menschen durch die Stadt und der letzte macht irgendwas mit Maschinen. Und dennoch steht die Frage im Raum: Haben Auszubildende in solch unterschiedlichen Berufen, haben die vier, nicht vielleicht doch mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede?

Ein Einkommen zum Auskommen?

Fragt man Nicole nach ihrem monatlichen Einkommen, schnaubt sie laut und verächtlich: „Nicht mal ansatzweise genug! Ich mein, ich mach die Ausbildung gern, wirklich, aber gerade dann ist es umso blöder. Ich geh im 2. Lehrjahr mit 730 Euro nach Hause. Wirklich bitter wird es immer dann, wenn die Geschäftsberichte rauskommen und mir klar wird, was unser privater Krankenhausbetreiber so an Gewinnen einfährt.“ Max, der Industriemechaniker, wirft beim Thema Ausbildungsvergütung einen leicht verstohlenen Blick in die Runde, etwas schief grinsend sagt er: „Ich glaube die Runde geht an mich. Ich bekomme knapp 1000 raus. Das klingt erstmal viel, aber erstens gibt es auch bei uns in der Metallbranche, gerade im Osten, Kollegen, die mit nicht viel mehr als Nicole heimgehen. Und zweitens kommt es doch darauf gar nicht so sehr an. Wichtig ist doch, sich anzusehen, wie viel, oder besser gesagt verdammt wenig ich im Vergleich zu dem verdiene, was der Betrieb so abwirft.“ Einfluss auf die Frage, wie viel ein Azubi verdient, hat u. A., wo in Deutschland man arbeitet, wie gut gewerkschaftlich organisiert der Betrieb ist und ob direkt über Streiks und Aktionen Druck ausgeübt werden kann. Doch ganz egal welcher Arbeitgeber: wenn er die Wahl hat, wird er seinen Auszubildenden und Angestellten immer weniger bezahlen und stets nie mehr als unbedingt nötig. Selbst wenn die Ausbildungsvergütung in großen Metallbetrieben im Vergleich zu mancher Vergütung im Dienstleistungsbereich höher ausfällt, ist sie geradezu lächerlich klein im Vergleich zu dem, was in diesen Unternehmen an Vorstandsvorsitzende, Aufsichtsräte und Eigentümer gezahlt wird. Max schaltet sich wieder ein: „Für mich kann es doch weder darum gehen mich mit meiner eigenen Ausbildungsvergütung zu Frieden zu geben, noch mich in irgendeiner Form besser zu fühlen als die anderen. Das hat doch nichts mit Solidarität zu tun, wenn ich nichts dagegen tu, dass andere nur 400 Euro oder weniger verdienen!“ Über lange Sicht gesehen fallen schlechte Vergütungen nämlich, egal in welcher Branche, allen Auszubildenden auf die Füße, da sie zum Negativ-Beispiel und Vorbild für alle anderen Arbeitgeber werden.

Sichere Zukunft? Von wegen!

Ein Gefühl, dass sowohl Max als auch Marina, Nicole und Jakob kennen, ist das Gefühl der Unsicherheit. Seit Jahren fahren die Unternehmer Angriffe auf sie, ihre Arbeitsbedingungen, ihren Kündigungsschutz, die Arbeitszeit, den Renteneintritt etc. Bei Nicole geht es um die Unterwerfung der öffentlichen Daseinsvorsorge und der medizinischen Versorgung unter das Diktat, mit einem Krankenhaus Profit erwirtschaften zu müssen. Jakob geht es ähnlich, selbst wenn das Busunternehmen, bei dem er beschäftigt ist, noch städtisch ist. Doch die Kommune spart an allen Ecken und Enden. Da liegt der Gedanke nah, dass es bald auch den öffentlichen Nahverkehr – und damit Jakob – trifft. Hinzu kommen schleichende und doch spürbare Verschlechterungen. „Habt ihr mal Teildienst gemacht?“ fragt Jakob in die Runde. Zwei schütteln den Kopf, nur Nicole, die angehende Krankenschwester, nickt mitfühlend. „Das ist echt mies“, redet Jakob weiter, „vor allem, wenn man etwas weiter außerhalb wohnt. Teildienst bedeutet, dass man zwar insgesamt am Tag nur sechs oder acht Stunden Dienst hat, das die aber aufgeteilt sind, z. B. vier früh, dann Pause, die nicht bezahlt wird, und abends nochmal vier. Eigentlich ist der ganze Tag im Eimer, man kann zwischen den Diensten nicht wirklich heim, das lohnt nicht. Genauso ein Schwachsinn ist es, dass die Busfahrer die Fahrkarten kontrollieren sollen. Es ist ohnehin schwer genug die Abfahrtszeiten einzuhalten und dann noch so was.“

Marina und Max wiederum sind dem Gutdünken ihrer Chefs und Unternehmenseigner unterworfen, sowohl was die allgemeine Firmenpolitik, als auch was Fragen wie etwa die Übernahme angeht. Aber gerade in kleinen Handwerksbetrieben gehen die Willkür des Chefs und die eigene Ohnmacht zum Teil noch darüber hinaus. Marinas Stimme wird ein bisschen belegt, wenn sie von ihrem Ausbildungsbetrieb erzählt, den sie nach dem ersten Lehrjahr verlassen hat, weil es einfach nicht mehr ging: „Ich hab lange gebraucht, um meinen Chef zum Psychopathen zu erklären, obwohl es so offensichtlich war. Er schrie, kriegte bei der kleinsten Kleinigkeit Wutanfälle oder machte blöde Sprüche. Oft ging es nicht darum, dass ich etwas lerne, sondern einfach nur darum mich nieder zu machen. Ja, es ist wirklich so, egal für wie selbstbewusst du dich hältst, als hilfloser Lehrling ist es für deinen Chef ein Leichtes dich klein zu kriegen. Anfangs war ich mir sicher, dass ich das trotzdem packe, dass ich durchhalte. Aber als sich des Chefs Bemerkungen immer häufiger um meine Unterwäsche drehten, bin ich gegangen.“ Nicole, Marina, Jakob und Max sind diejenigen, die dafür sorgen, dass ihre Chefs ihr Auskommen haben, die aber im Betrieb nach Meinung ihrer Chefs nichts gelten, die machen sollen, was man ihnen sagt. So unterschiedlich die konkrete Unsicherheit bei ihnen auch ist, sie alle eint, dass ihre Chefs von genau dieser Unsicherheit profitieren. Mit einer qualifizierenden Ausbildung im zu erlernenden Beruf hat das selten was zu tun.

Verkauf der eigenen Arbeitskraft

Das wichtigste, gemeinsame Element zwischen Marina, Max, Nicole und Jakob ist jedoch die Tatsache, dass alle vier selber arbeiten gehen und nicht für sich arbeiten lassen. Nicole besitzt kein Krankenhaus, Jakob kein Busunternehmen, Marina keinen Handwerksbetrieb und Max mit Sicherheit keinen Großbetrieb in der Metallbranche. Damit geht es ihnen wie Millionen anderen, die täglich aufstehen, arbeiten und damit den Reichtum von ganz, ganz wenigen Menschen immer wieder aufs Neue sichern. Diese Menschen, denen Krankenhäuser, Unternehmen und Betriebe gehören, profitieren nicht nur davon, dass das kapitalistische System, in dem wir leben, sie eindeutig begünstigt und alle anderen nicht. Sie profitieren auch davon, dass der ganze für sie arbeitende Rest viel zu selten realisiert, dass er eigentlich die Mehrheit bildet – egal wo die Einzelnen arbeiten oder in welchem Bereich sie ihre Ausbildung machen.

Fazit:

Auf den ersten Blick sind die Tätigkeiten in den unterschiedlichen Ausbildungsberufen vieleicht sehr unterschiedlich. Doch wirft man einen zweiten, genaueren Blick auf die Situation wird schnell klar: die Gemeinsamkeit liegt vor allem in dem täglichem Kampf darum, von den Leuten, die von unserer Arbeit am meisten profitieren, von den Handwerksmeistern, Vorstandsvorsitzenden, Anteilseigner, Konzernbesitzer, Unternehmern und Kapitalisten, möglichst wenig über den Tisch gezogen zu werden. Da wir nun mal in einem System leben und arbeiten, das darauf angelegt ist, Firmenchefs zu begünstigen und uns schuften zu lassen, ist es nur konsequent, wenn wir uns zusammenschließen und organisieren, auch und gerade über Firmen-und Branchengrenzen hinaus. Marina, Nicole, Jakob und Max haben zumindest das schon hingekriegt.

Tatjana, Rostock

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