6,2 Millionen funktionelle Analphabeten in Deutschland

Bildung und Schule

Lesen und schreiben, das lernt man doch in der ersten Klasse. Auf 6,2 Millionen Deutsche trifft das aber leider nicht zu. Denn laut der neuen Level-One-Studie (LEO Studie) des Bundesministeriums für Bildung und Forschung können 6,2 Millionen Menschen in unserem Land nicht richtig lesen und schreiben. Sie sind funktionelle Analphabeten.

Diese Zahlen sind schockierend. 6,2 Millionen Menschen können nicht vollständig an der Gesellschaft teilhaben. Sie können keine Bücher lesen, keine WhatsApp-Nachrichten schreiben und sich nicht am politischen Leben beteiligen. Für ein reiches Land wie Deutschland ist das doch eigentlich unvorstellbar… Wie kann das sein? Daran ist vor allem das deutsche Gesellschafts- und Schulsystem Schuld.

Die ,,guten” Schüler kommen ins Gymnasium, die ,,mittelguten” Schüler kommen in die Realschule und die ,,schlechten” Schüler kommen in die Hauptschule. Wer aber gut oder schlecht ist, das entscheiden vor allem die Noten des Schülers. Es geht dabei vor allem um stures auswendig lernen. Man kann so schlau, kreativ oder fleißig sein, wie man will, wenn man es nicht schafft sich die 20 Vokabeln an einem Nachmittag ins Hirn zu prügeln, hat man verkackt. Und das kann ganz unterschiedliche Gründe haben: Wenn die Eltern zum Beispiel einen „niedrigeren“ Schulabschluss haben und einem bei den Hausaufgaben nicht helfen können, oder die Muttersprache nicht Deutsch ist und man sich deshalb nicht auf ein von klein auf trainiertes Sprachgefühl verlassen kann.

Aber das ist noch nicht alles: Jeder hat mindestens ein Fach in dem er nicht so gut ist. Stärken und Schwächen zu haben, ist ganz natürlich, und wenn die Klassen zu groß sind, kommt man häufig ohne Hilfe nicht mehr weiter, egal wie viel man lernt.
In den meisten Schulen gibt es aber keine richtigen Förderprogramme, was dazu führt, dass die Schüler sich selbst helfen müssen. Kinder mit reichen Eltern können sich ganz einfach einen professionellen Nachhilfelehrer leisten, während das bei Familien in denen das Geld knapp oder ein Elternteil alleinerziehend ist, nicht drin ist. Ganz konkret heißt das: Kinder mit reichen Eltern haben es leichter in der Schule, egal ob sie intelligent sind oder nicht.

Nachdem dann sortiert wurde, gibt es kaum noch eine Möglichkeit aufzusteigen. In der Hauptschule lernt man, wenn überhaupt, nur das, was man braucht um später mal einen schlecht bezahlten Job zu machen. Auch im Unterricht können die Lehrer nicht auf die Bedürfnisse jedes Schülers eingehen, die Klassen sind einfach zu groß und es mangelt an Lehrern. Der Stoff wird durchgeboxt und wer nicht mitkommt bleibt auf der Strecke. So kommt es, das ein Schüler der nicht richtig lesen und schreiben kann, nicht gefördert wird, und es am Ende seiner Schulkarriere immer noch nicht kann.

Was es bräuchte wäre eine Ganztagsschule, in der die Schüler kostenlose Nachhilfe und Förderung bekommen, und mit dem Stoff auch wirklich fertig sind, wenn sie nach Hause kommen (was Hausaufgaben überflüssig macht). Statt Dutzende von Milliarden Euros in das Militär zu stecken, um Krankenhäuser in Afghanistan zu bombardieren, sollte der Staat mehr in die Bildung investieren. Dann könnte man mehr Lehrer einstellen und Förderprogramme schaffen. Außerdem muss das dreigliedrige Schulsystem weg, und eine einheitliche Schulform her, in der jeder Schüler individuell nach seinen Stärken und Schwächen gefördert wird, und in der es kein Aussortieren gibt.

Auch nach der Schule darf die Förderung nicht aufhören. Es muss kostenlose Kurse für funktionelle Analphabeten geben, die von ausgebildeten Lehrern geleitet werden und Leute da abholen, wo sie sind (am Arbeitsplatz etc.).
Ein Beispiel dafür wie es besser sein könnte, ist das sozialistische Kuba. Hier geht die Analphabetenquote schon seit den 60ern gegen Null und die Förderung, auch für alte Menschen, hört nie auf. Kubanische Pädagogen haben außerdem das Programm “Yo, sí Puedo” (auf deutsch “Ja, ich kann”) gegründet, das Analphabetismus auch weiterhin konsequent bekämpft.

Dieses Programn wurde bereits in 30 Staaten angewendet und hat dort bedeutende Erfolge erzielt. Man sieht also, Analphabetismus, unser Schulsystem und auch unser Gesellschaftssystem sind nicht gottgegeben. Man kann etwas verbessern, man muss nur etwas dafür tun. Und das heißt konkret, man muss sich organisieren und aktiv werden gegen dieses unterfinanzierte, selektive Schulsystem.

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