„Jeder ist seines Glückes Schmied“

38-1_4-16_th_seinesglueckes2Das wird uns schon in der Grundschule eingetrichtert. Wenn du also nur genug ranklotzt, klappt das schon mit deinen Zielen und Wünschen. Aber was für Ziele eigentlich?

Mein Banknachbar in der Grundschule kommt aufs Gymnasium, ich auf die Hauptschule. Pech gehabt. Hätte ich etwas mehr gelernt, hätte ich das auch gepackt. Sein Vater ist Arzt, meiner Bäcker. Was für ein Zufall. Und jetzt kommt er zum Klassentreffen im Porsche vorgefahren. Warum er, warum nicht ich? Er hat alles, was ich wollte. Dabei habe ich geackert bis zum Umfallen, mich angestrengt. Für die Firma in eine andere Stadt ziehen? Kein Problem. Gute Leistung allein reicht schließlich nicht mehr. Flexibel muss man sein! Und dann kommt das schon, der Porsche, die Traumfamilie, der Managerjob – nur eben nicht bei mir. Da kann ich dran rumschmieden so viel ich will. Der Traumurlaub fällt auch mal wieder ins Wasser. Da bleibt mehr Zeit zu lernen, sich anzustrengen, was zu werden. Jeder ist seines Glückes Schmied – nicht zu vergessen!

„Wenn ich groß bin, werde ich Spießer!“ erzählt das kleine Kind in der Bankwerbung. Traumhafte Aussichten! So wird es uns von Kindesbeinen an eingeprägt: Wenn wir viel leisten und Erfolg haben, dann sind wir etwas, dann werden wir etwas. Also wollen wir alle gute Noten schreiben und auch mal Porsche fahren. Moment mal, wollen wir das? Nach ein paar Bier ist alles wieder easy: weiter schuften, weiter ackern, dann wird das schon.

Dieser Artikel ist aus der aktuellen POSITION, dem Magazin der SDAJ. Du kannst es für 10€ jährlich abonnieren unter position@sdaj.org
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Für die Herrschenden ist das ganz praktisch. Während wir uns den Kopf zerbrechen, warum der Traum vom Porsche geplatzt ist, lachen sie sich symbolisch ins Fäustchen. Was wir als unsere Wünsche und Ziele beanspruchen dürfen, wird früh bestimmt. Nicht über Leistung, sondern darüber, wessen Arbeitskraft die Unternehmen gerade brauchen. Das sind ein paar hervorragend ausgebildete Fachkräfte und eine Menge flexibel einsetzbarer, billiger Arbeitskräfte. Solche wie ich. Und damit wir alle schön brav weitermachen, uns anstrengen, jederzeit verfügbar sind, wird weiter das Märchen vom individuellen Glück verbreitet. Wäre ja schön blöd, uns einfach ehrlich zu sagen: du kommst aus der Arbeiterklasse, du hast sowieso keine Chance deinen Lebenstraum zu leben. Also kannst du es auch gleich bleiben lassen, brauchst dich nicht mehr anstrengen. Aber die Nachfrage nach billigen Arbeitskräften bleibt. Glücklicherweise gibt es ja ausreichend Möglichkeiten, uns einen Riegel vorzuschieben, falls wir zu übermütig werden: die Empfehlung fürs Gymnasium, das 1.0-er Abi – ohne das der Studienplatz in Medizin flöten geht – und das tolle Förderprogramm an der Uni, das mal wieder nur die anderen bekommen. So viel zum Thema Zufall, Leistung und Glück.

Jetzt sitzen wir da mit den unerfüllten Wünschen, Träumen und Bedürfnissen, die sich vielleicht nie als unsere entwickelt hätten, wenn sie nicht vom System als Standard festgelegt worden wären. Was uns bleibt, ist der Kampf für unsere wirklichen Interessen und Bedürfnisse. Und das kann nur der Kampf für eine andere Gesellschaft sein.

Jens, Nürnberg

Dieser Artikel erschien in
POSITION #4/2016
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