Mit Vorbildcharakter

veröffentlicht am: 28 Apr, 2016

Der Kampf um mehr Personal an der Charité

Zeitdruck, Arbeitshetze, Schuften im Schichtdienst am Rande des Zusammenbruchs – die Missstände im Pflegebereich sind fast schon sprichwörtlich. Ob Medikationsfehler auf Grund zu hoher Belastung oder Keiminfektionen, weil für die Desinfektionsmaßnahmen nach Standard die Zeit fehlt – Personalmangel geht direkt zu Lasten der Pflegenden, aber auch der Patienten. Ein Teufelskreis, den die Kolleginnen und Kollegen am Berliner Universitätsklinikum Charité nun schon seit fast einem Jahr zu durchbrechen versuchen. Sie kämpfen für eine tarifvertragliche Regelung zur Personalbemessung, und reagieren damit auf die Entwicklung hin zu immer prekäreren Arbeitsbedingungen in der Pflege.

Im Bereich der stationären Altenpflege ist die Privatisierung öffentlicher Daseinsvorsorge bereits Alltag. Private Heimbetreiber, aber auch Heime in der Verantwortung kirchlicher Träger und anderer Wohlfahrtsverbände gelangten als erstes aufgrund von Personalmangel in die Schlagzeilen, als die konkreten Auswirkungen – vernachlässigte, verwahrloste, unterversorgte Patienten – publik wurden. In diesem Bereich gibt es inzwischen ein System zur Mindestpersonalausstattung. 50 % der so errechneten Vollzeitstellen müssen mit Fachkräften besetzt werden. Ob der Rest mit Hilfs-, Service- oder Haushaltskräften aufgefüllt wird, steht den Heimbetreibern frei. Auch Auszubildende zählen in diesen Bereich mit hinein, weshalb hier auch die strukturelle Ursache dafür liegt, dass sie oftmals als Pflegekräfte statt als Lernende im Heimalltag verplant werden.

Quelle: flickr / Linksfraktion

Quelle: flickr / Linksfraktion

Wo stehen im Vergleich dazu die Krankenhäuser? Hier ist der Organisationsgrad der Beschäftigten traditionell höher und wesentlich mehr Einrichtungen nach wie vor in öffentlicher Hand. Doch auch hier wird seit Jahren zur Kostenersparnis (Pflege-)Personal abgebaut. Krankenhäuser werden privatisiert, oder müssen sich betriebswirtschaftlichen Überlegungen beugen. Sie sollen sich rechnen und Gewinn abwerfen. Besonders schlimm wurde die Situation mit Einführung der sog. Fallpauschalen. Seitdem steht dem Krankenhaus pro Patient nur ein festgeschriebener Betrag für die Behandlung zu. Mit veranschlagt sind hier auch die Kosten für das Pflegepersonal. Doch niemand kontrolliert, ob die Kliniken das ihnen überwiesene Geld auch tatsächlich für Personal aufwänden. So steigt die Anzahl der Kliniken, in denen die Arbeitsbedingungen immer unzumutbarer werden. Gegen diese Zustände organisieren die KollegInnen der Charité kollektiv ihre Gegenwehr. Die Verhandlungen über den Tarifvertrag „Gesundheitsschutz“ ziehen sich nun schon seit 9 Monaten hin und wurden bereits 2015 mit vielbeachteten Streiks begleitet. Im Rahmen dieser Verhandlungen machen die KollegInnen die Personalausstattung in beispielhafter Art und Weise zum Gegenstand einer innerbetrieblichen Auseinandersetzung. Die Beschäftigten wehren sich dabei bereits jetzt gegen die Fallstricke, die den KollegInnen in den Altenheimen tagtäglich zum Verhängnis werden, etwa die Regelung, dass nur 50% des Personals mit Fachkräften besetzt werden müssen. Im Zentrum aber steht die Frage: sollen und müssen Krankenhäuser wie Unternehmen und damit nach betriebswirtschaftlichen Maßstäben geführt werden, um etwaigen Aktionären hohe Renditen zu garantieren? Die KollegInnen am Charité verneinen das, zu ihrem eigenen Wohl und dem ihrer PatientInnen.

Tatjana, Rostock

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Dieser Artikel erschien in
POSITION #2/2016
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