Produktivkraftentwicklung und Arbeitszeit

Die 30-Stunden-Woche als Gebot der Stunde

Das Kapital ist ständig bestrebt, die produzierten Güter und Dienstleistungen günstiger und zu einem niedrigeren Preis (also „wohlfeiler“, wie Marx sagt) anzubieten. Die Konkurrenz zwischen den einzelnen Kapitalisten nötigt es zu diesem Schritt. Daher wird ein Teil des Mehrwerts, den sich die Kapitalisten aneignen, dazu verwendet, die Produktionsmittel zu modernisieren und zu verbessern. Ziel dabei ist, den gleichen oder einen größeren Ausstoß an Waren mit geringerem Einsatz menschlicher Arbeitskraft zu bewältigen.

Wirtschaftswachstum und Produktivitätsentwicklung
Das Verhältnis zwischen der Menge an produzierten Waren und der Zahl der Beschäftigten wird als Arbeitsproduktivität bezeichnet. Diese ist im Vergleichszeitraum von 1991 bis 2011 pro Erwerbstätigen um 22,7 % gestiegen. Vergleicht man das Verhältnis zwischen der Menge an produzierten Waren zu den geleisteten Arbeitsstunden, also die Stundenproduktivität, so sieht man, dass dieses sogar um 34,8 % gestiegen ist.
Die Entwicklung der Nachfrage nach Arbeitskräften ergibt sich aus dem Verhältnis des Wachstums von Stundenproduktivität und Brutto-Inlands-Produkt (BIP), also der Warenproduktion und Dienstleistungen einer Volkswirtschaft. Dieses ist im Vergleichszeitraum um 25,7 % gestiegen. Einfach lässt sich nachrechnen: Das Wachstum des BIP blieb also etwa 9 % hinter dem Wachstum der Produktivität pro Stunde zurück

Bildschirmfoto 2016-04-13 um 12.18.16Massenarbeitslosigkeit als Folge
Etwa seit Mitte der 1970er Jahre gibt es in der Bundesrepublik das Phänomen der Massenarbeitslosigkeit. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit liegt die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland aktuell bei 2,9 Millionen. Doch mit den Zahlen ist Vorsicht geboten. Nach Berechnungen der Linkspartei hingegen liegt die tatsächliche Zahl bei 3,65 Millionen. Woher kommt diese hohe Arbeitslosigkeit?
Die rechnerisch durchschnittliche Wochenarbeitszeit aller Erwerbsfähigen in der Bundesrepublik betrug 2014 etwa 28,7 Stunden pro Woche. Die herrschenden kapitalistischen Verhältnisse machen daraus aber 40 Stunden und mehr für viele Beschäftigten in den Stammbelegschaften und 0 Stunden für mehr als 3 Millionen Menschen, die in die Arbeitslosigkeit gedrängt wurden.

Runter mit der Arbeitszeit – hoch mit den Löhnen!
Es entspricht der Kapitallogik, dass die Unternehmen den Rückgang des notwendigen Arbeitsvolumens mit Massenentlassungen beantworten. Die Versorgung der Erwerbsfähigen, die auf 0‑Stunden/Woche gesetzt wurden, also der Arbeitslosen, wird vergesellschaftet. Schließlich zahlen nicht die Bosse das Arbeitslosengeld, sondern die arbeitenden Menschen über ihre Steuern.
Die so geschaffene Schar an Arbeitslosen, also die (industrielle) Reservearmee dient den Herrschenden wunderbar als Druckmittel gegenüber den arbeitenden Menschen, die jederzeit Angst davor haben müssen, auch ihren Job zu verlieren. Es wären ja genug andere da, die dringend eine Arbeit suchen. Lieber buckeln statt morgen auf der Straße stehen denken sich da viele. So gelingt es sogar in großen Bereichen, die tatsächlichen Arbeitszeiten weit über die tarifvertraglichen oder gesetzlichen Grenzen hinaus auszudehnen. Mit der Folge, dass abermals Arbeitsplätze abgebaut werden.
Diese Situation schreit geradezu nach einer allgemeinen Verkürzung der Wochenarbeitszeit. Und angesichts einer Steigerung der Unternehmensgewinne um mehr als 80 % seit 1990 muss die Forderung lauten: 30 Stunden pro Woche bei vollem Lohnausgleich!

Gewerkschaftliche Strategien
Doch auf die Erpressung der Bosse reagieren viele Betriebsräte und Gewerkschaften mit Zugeständnissen. In der Hoffnung Arbeitsplätze zu sichern, wird auf Teile der Lohnforderungen verzichtet. Dabei ist diese Strategie ökonomisch nicht haltbar und die Realität beweist regelmäßig, dass die Kapitallogik keine Kompromisse kennt. Dennoch folgt auf die Ansage der Unternehmen, Personal abbauen zu müssen, oftmals diese Regelantwort.
In den 1980er-Jahren wurde offensiv und kämpferisch mit den Angriffen der Kapitalisten auf Arbeitsplätze und Arbeitszeiten und der Forderung nach Arbeitszeitverkürzung umgegangen. Mit Streiks wurde um die 35-Stunden-Woche gekämpft. Doch heute trauen sich Gewerkschaften und die Arbeiterbewegung nicht zu, den sich immer mehr verschärfenden Angriffen etwas entgegen zu setzen. In gewerkschaftlichen Gliederungen, in den Betrieben und Behörden spielt die Diskussion um Arbeitszeitverkürzung keine Rolle oder findet überhaupt nicht statt.

Kampf um Arbeitszeitverkürzung
Dabei ist diese Diskussion dringend notwendig und naheliegend. Doch dort, wo gewerkschaftliche Basisarbeit stattfindet, passiert diese oftmals zu Zeitmanagement, Betriebsverfassungsrecht und Konfliktlösungsstrategien. Sehr wenig geht es in den gewerkschaftlichen Bildungsangeboten jedoch um politischer Ökonomie, Vertrauensleute‑Arbeit oder die Systematik unserer Arbeitswelt, den Kapitalismus.
Wir müssen erreichen, dass sich die Arbeiterbewegung wieder offensiv mit der Forderung nach Arbeitszeitverkürzung auseinandersetzt, die Produktivkraftentwicklung schreit danach. Die Diskussion um die 30-Stundenwoche, auf betrieblicher Ebene und im Vertrauensleutekörper, bietet dazu gute Ansätze. Und auch gerade im Bereich der betrieblichen Ausbildung bietet die Arbeitszeit‑Debatte Anknüpfungspunkte. Die Zahl der Ausbildungs- und Übernahmeplätze ist eine politische Größe. Sie hängt eng mit der wöchentlichen Arbeitszeit zusammen.

Bernd, Darmstadt
Bernd ist Sekretär für Betrieb und Gewerkschaft der DKP Hessen, Betriebsrat bei T-Systems in Darmstadt und Mitglied der örtlichen Arbeitskampfleitung

Der Artikel ist aus der POSITION #2-16. Du kannst unser Magazin ab 10€ im Jahr abonnieren. Oder Du lässt Dir erst einmal eine Ausgabe zuschicken. Schreib uns einfach eine Mail an position@sdaj.org

Dieser Artikel erschien in
POSITION #2/2016
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