Lesestoff: Die Befreiung und ihre Grenzen

veröffentlicht am: 19 Dez, 2010

Empfehlungen für den Reisekoffer nach Südafrika

2010 ist für Afrika kein Jahr wie jedes andere. Nicht nur weil Südafrika Ausrichter der FIFA-Weltmeisterschaft ist oder Gastgeber der Weltfestspiele der Jugend und Studierenden. Vor 50 Jahren war das Jahr der großen Befreiung in Afrika: 1960 erkämpften 18 Kolonien die nationale Unabhängigkeit von ihren europäischen Unterdrückern. Einzig das faschistische Portugal zwang den Befreiungsbewegungen in Angola, Mosambik und Guinea-Bissau einen mehr als zehnjährigen Krieg auf, der erst 1974 endete. In den weißen, formal von Europa unabhängigen Siedlerkolonien – gelang die Befreiung von rassistischer Herrschaft noch viel später: in Simbabwe 1980, in Namibia 1990 und schließlich in Südafrika 1994. Grund genug, in diesem Jahr 2010 etwas genauer auf das post-koloniale Afrika zu schauen und in die folgenden Bücher.

Denis Goldberg in Deutschland

Denis Goldberg in Deutschland

Ein Leben für die Freiheit

Im berüchtigten „Rivonia-Prozess“ 1964 war der Kommunist Denis Goldberg mit Nelson Mandela und anderen als „Angeklagter Nr.3“ zu viermal lebenslänglich verurteilt worden. Als „Bombenleger“, „Terrorist“ und „Verräter an der weißen Rasse“ wollte ihn das südafrikanische Rassistenregime für immer im Knast versenken. Nach 22 Jahren Haft als politischer Gefangener und 24 Jahren in Freiheit dachte er „es sei an der Zeit, über mein Leben im südafrikanischen Befreiungskampf, im Exil, in Freiheit und schließlich wieder zuhause in Südafrika zu schreiben“. Seine Autobiografie „Der Auftrag – Ein Leben für die Freiheit in Südafrika“ ist fesselnd zu lesen, ohne all den Denkmalsockel-Pathos, die Selbstrechtfertigungen oder Entschuldigungen, die manch deutsche Kommunistenbiografie so unlesbar machen. „Ich bereue nichts, gar nichts, außer einem Fehler: Ich wurde gefangen genommen.“ Eine nachahmenswerte, unaufdringlichrevolutionäre Haltung prägt das ganze Buch. Die spannendsten Passagen sind jene, über die z. T. illegale Parteiarbeit im bewaffneten Untergrund, wo das Verhältnis zum Politischen und die Grenze zwischen Befreiungskampf und Terrorismus gefunden werden musste oder die über die „emotionale Wüste“ des Gefängnisses, wo der Kampf um Klopapier und Nachrichten zum Kampf um die Menschenwürde wird. Interessant sind aber auch die Schilderungen aus der Zeit, wo Denis „back home“ im „neuen Südafrika“ als Regierungsberater erleben muss, wie manch gute Absicht und manch guter Plan, das Leben von noch mehr Menschen zu verbessern, in den Mühlen des Staatsapparates zermalmt wurden.

Genauso interessant ist übrigens auch die Autobiographie seines Freundes und ANC-Geheimdienstchefs Ronnie Kasrils „Steckbrieflich gesucht – Undercover gegen Apartheid“, für die Denis Goldberg 1997 das Vorwort geschrieben hat: „ein echter Thriller“, wie er selber sagt.

Die Grenzen der Befreiung…

Der höchst streitbare Sammelband „Südafrika – Grenzen der Befreiung“ ist eine vielschichtige Bilanz der aktuellen Lage in Südafrika. Alte und neue Konflikte in Südafrika werden beleuchtet: Vom Kampf um soziale Grundrechte über den Wandel des Rassismus bis hin zu den gesellschaftlichen Auswirkungen der FIFA-Weltmeisterschaft 2010. In den 16 Autorenbeiträgen geht es u.a. um die Grundversorgung mit Strom und Wasser, um die Wohnsituation, Landlose und Landreform, Frauenrechte und -bewegung, (neue) Fremdenfeindlichkeit, Aids und Gesundheitspolitik, die Erinnerungspolitik, um Wurzeln und Strukturen der Apartheid, die bis in die Gegenwart wirken. Der Sammelband „versucht herauszufinden, warum es dem neuen Südafrika nicht gelungen ist, die gesellschaftlichen Bedürfnisse der ausgegrenzten Mehrheit zu erfüllen“. Beantwortet wird diese Frage nicht durch die „Expertenbrille“ von außen, sondern aus südafrikanischer Sicht.

Und zwar aus der Sicht derer, die immer noch in Armut leben und zur Durchsetzung ihrer Interessen in ganz verschiedenen sozialen Bewegungen aktiv sind. Zu Wort kommen vorrangig Autorinnen und Autoren, die zur „intellektuellen, nicht-institutionellen, neuen Linken“ Südafrikas gerechnet werden. Das macht die Stärke dieses Sammelbandes aus und die Herausforderung für uns Kommunistinnen und Kommunisten.

… und ihre Bedingungen

Allerdings stehen dabei weder große wirtschaftliche Kennziffern im Zentrum des Sammelbandes, noch globale „Sachzwänge“, sondern die Menschen mit ihren Lebenslagen, Bedürfnissen, Hoffnungen, Erfahrungen und Vorstellungen. Für Realpolitiker (auch revolutionäre) ist das mitunter etwas unbequem – und manchmal auch ungerecht. So kommen die objektiven Rahmenbedingungen und Kräfteverhältnisse für wirkliche, soziale Befreiung in Südafrika in den Beiträgen der Autorinnen und Autoren deutlich zu kurz. Ebenso die Besonderheiten des Kapitalismus in Afrika, vor deren Hintergrund die Sonderrolle Südafrikas erst deutlich wird. Dazu empfehle ich unbedingt das sehr faktenreiche Buch des marxistischen Ökonomen Jörg Goldberg, in dem der Frage nachgegangen wird, warum Afrika in wirtschaftlicher „Rückständigkeit“ verharrt und was Weltbank, IWF, WTO und die großen, transnational agierenden Konzerne damit zu tun haben.

Weiterlesen…

  • Denis Goldberg, „Der Auftrag – Ein Leben für die Freiheit in Südafrika“, 304 S., 19,80 €. Mit interaktiver DVD zur Verwendung in Schulen und in der politischen Bildungsarbeit.
  • Ronnie Kasrils, „Steckbrieflich gesucht – Undercover gegen Apartheid“, 360 S., 4,50 €
  • Jens Erik Ambacher & Romin Khan (Hg.), „Südafrika – Die Grenzen der Befreiung“, 264 S., 16,80 €
  • Jörg Goldberg, „Überleben im Goldland – Afrika im globalen Kapitalismus“, 250 S., 16,90 €

Alle Bücher können beim Neue Impulse Versand bestellt werden.

Lothar Geisler, Marxistische Blätter
Dieser Artikel erschien in POSITION – Magazin der SDAJ #3/2010.

Merken

SDAJ Aachen
SDAJ Augsburg
SDAJ Barsbüttel
SDAJ Berlin
SDAJ Bochum
SDAJ Bonn
SDAJ Bremen-Oldenburg
SDAJ Cottbus
SDAJ Dresden
SDAJ Düsseldorf
SDAJ Essen
SDAJ Frankfurt
SDAJ Göttingen
SDAJ Hamburg
SDAJ Hannover
SDAJ Kassel
SDAJ Kiel
SDAJ Köln
SDAJ Landau
SDAJ Leipzig
SDAJ Limburg-Weilburg
SDAJ Lübeck Süd/Ost-Holstein
SDAJ Mainz
SDAJ Mannheim
SDAJ Marburg
SDAJ München
SDAJ Neumarkt
SDAJ Neuss
SDAJ Nürnberg
SDAJ Osnabrück
SDAJ Ostwestfalen-Lippe
SDAJ Rostock
SDAJ Schwerin
SDAJ Siegen
SDAJ Solingen
SDAJ Stuttgart
SDAJ Trier
SDAJ Tübingen
SDAJ Ulm
SDAJ Witten
SDAJ Würzburg

POSITION #5/2019

mehr zum Thema

Ideenreiche Formen des Widerstands

Ideenreiche Formen des Widerstands

Der Kampftag der Arbeiterklasse wurde auch dieses Jahr auf die Straße getragen POSITION: Der DGB hat sich für einen Online-Livestream am 1.Mai entschieden. Was hat dich und viele andere GewerkschafterInnen dazu veranlasst, doch auf die Straße zu gehen. Hattet ihr...

mehr lesen
#Coronoliday? Nix da!

#Coronoliday? Nix da!

Gute Lernbedingungen-Eine Frage des Geldbeutels Nur weil SchülerInnen aufgrund der Corona-Pandemie nicht physisch in der Schule anwesend sein konnten, hieß das noch lange nicht, dass sie Ferien hatten – im Gegenteil, die Osterferien schienen in einigen Städten...

mehr lesen
75 Jahre Befreiung vom Hitlerfaschismus

75 Jahre Befreiung vom Hitlerfaschismus

Wie die Herrschenden die Geschichte umdeuten und warum wir heute noch kämpfen müssen Am 08. Mai 2020 jährt sich zum 75. Mal der Tag der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches und damit der endgültigen Niederlage des deutschen Faschismus im 2. Weltkrieg....

mehr lesen