Umgang mit Drogenabhängigen

veröffentlicht am: 10 Sep, 2020
Die niedrigschwellige Drogenhilfe-ein fortschrittlicher Umgang mit Drogenabhängigen?

Als niedrigschwellige Drogenhilfe werden alle szenenahen, sozialraum- und akzeptanzorientierten Hilfsangebote bezeichnet, die eine erste Anlaufstelle für Drogenabhängige in besonders prekären Lebenslagen, wie zum Beispiel Wohnungslosigkeit, darstellen. Dazu gehören Streetwork-Projekte, also aufsuchende Sozialarbeit, Konsumräume, in denen die Abhängigen unter geschützten Bedingungen und mit sauberen Besteck Drogen konsumieren können und Notschlafstellen. Ich habe zwei Jahre neben dem Studium in einer Notschlafstelle mit Konsumraum und Streetwork-Angebot in Frankfurt am Main gearbeitet. Bis in die 90er Jahre galt die Stadt bundesweit als Drogenhochburg, in den Parks und auf den Straßen tummelten sich zahlreiche Abhängige, konsumierten mit dreckigem Besteck, viele starben auf offener Straße. Lange war die einzige Antwort der Stadt Polizeieinsätze, die das Problem jedoch nur kurzfristig verlagerten. Eine wirkungsvolle Lösung musste gefunden werden. Dabei spielte vor allem der ordnungspolitische Aspekt eine wichtige Rolle für die Stadt, da die Drogenszene nicht dem gewünschten Stadtbild der Finanzmetropole entsprach. Für viele SozialarbeiterInnen, SoziologInnen und PsychologInnen, die an der Entwicklung des Frankfurter Weges mitwirkten, war ein humaner Ansatz mit einem Konzept, dass an der Lebenswelt der Hilfsbedürftigen anknüpft, bei der Suche nach einer Lösung wichtig.

Meine Erfahrungen in der niedrigschwelligen Drogenhilfe

Die Arbeit hat oft den Eindruck reiner Elendsverwaltung gemacht. Die Menschen bekamen zwar das Mindeste gestellt, Infos wie es weiter geht oder konkrete Hilfe gab es jedoch wenig. Im Streetwork haben wir die Anschaffenden mit Kondomen und Gleitgel versorgt und ihnen Schlafplätze angeboten. Zusätzlich haben wir Zählungen durchgeführt, die unter anderem an die Polizei weitergegeben wurden. Die Übernachtungsstelle war in einem schlechten hygienischen Zustand. Die Reinigung wurde von Abhängigen selbst übernommen, die das im Rahmen von Ein-Euro-Jobs durchführten, was in einer Notschlafstelle mit Menschen, die oft zahlreiche Krankheiten haben, ein Risiko darstellt. Die meisten MitarbeiterInnen waren studentische Aushilfen oder komplett fachfremde Kräfte. Das Geld, das für die Hilfe der Drogenabhängigen ausgegeben wurde war oft so knapp, dass ab Oktober im Konsumraum die sauberen Nadeln rationiert werden mussten. Die Einrichtung war baufällig, die MitarbeiterInnen bekamen gegen den kalten Wind einen Pullover geschenkt. Therapieplätze und Entzugskliniken waren so rar, dass sich die Abhängigen oft mehrere Wochen um 6 Uhr dort melden mussten, ob sie auch wirklich den Platz wollten. Eine Hürde, die für Viele nicht zu schaffen war.

Der Schein erschwert das Bewusstsein

Die niedrigschwellige Drogenhilfe versucht da anzusetzen, wo die Hilfsbedürftigen aktuell stehen. Die Einführung von Konsumräumen hat dafür gesorgt, dass sich die Zahl der Drogentoten drastisch reduziert hat, da dort sofort Erste Hilfe geleistet werden kann. Doch wird auch dieses Hilfsangebot im Kapitalismus durchgeführt, der die Kostenfrage immer an erste Stelle stellt. Der ordnungspolitische Aspekt steht im Vordergrund. Solange die Abhängigen nicht gesehen werden, am besten durch Verlegung der Szene an den Stadtrand, sie nicht auf offener Straße sterben und ihr Besteck nicht liegen lassen, ist der Auftrag soweit beendet.

Josephine, Bochum

Dieser Artikel erschien in der Position, dem Magazin der SDAJ.

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POSITION #5/2019

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