Sozialpartnerschaft und Aufgaben der Gewerkschaft

veröffentlicht am: 9 Sep, 2016

Norbert Hansen hat es vorgemacht: Vom jahrelangen Vorsitzenden der Bahn-Gewerkschaft Transnet (heute EVG) wechselte er Ende 2008 ohne Umwege in den Vorstand des DB-Konzerns – als Personalchef. Auf die Frage eines Journalisten, ob ihn das Geld verführt habe (er bekam als DB-Vorstandsmitglied knapp eine halbe Million im Jahr), antwortete Hansen: „Nein. Ich kann und werde nie verstehen, warum man mit einem Einkommen, mit dem man ohne Schwierigkeiten seine Lebenswünsche erfüllen kann, immer noch mehr haben will. Viel wichtiger ist mir die Frage: Kannst du deine Ideale und Ziele, etwa die einer Sozialpartnerschaft, in der neuen Funktion weiterverfolgen? Wenn ich nicht davon überzeugt gewesen wä36-1_4-16_cb_sp-alle-haben-sich-lieb2re, hätte ich das auch für mehr Geld nicht gemacht.“

Die „Sozialpartnerschaft“ wie sie Hansen formuliert ist nichts anderes als alter Wein in neuen Schläuchen. Zwar als Konzept erst nach dem zweiten Weltkrieg entwickelt, steht dahinter die alte Vorstellung der Klassenzusammenarbeit: ArbeiterInnen und Chef hätten eigentlich ein gemeinsames Interesse, nämlich wahlweise „das eigene Unternehmen“, die „deutsche Wirtschaft“ oder gar „Deutschland“ voranzubringen. Denn dann ginge es allen gut. Auch Hansen wähnt sich sicher: „Denn eines galt für mich auch als Gewerkschaftsvorsitzender: Es kann keine Weiterentwicklung für Beschäftigte geben, wenn ein Unternehmen nicht erfolgreich ist.“

Hansens offenes Überlaufen auf die Seite des Kapitals war nur das I-Tüpfelchen – die Zitate zeigen, dass er schon lange vorher seine Vorstellungen entwickelt hatte. Die Ursachen dessen, dass sich solche Vorstellungen von „Sozialpartnerschaft“, also Klassenzusammenarbeit, bei Arbeiterinnen und Arbeitern (auch Hansen kam aus der Arbeiterklasse) entwickeln, müssen wir in der kapitalistischen Entwicklung selbst suchen: Die Herausbildung des Imperialismus und mächtiger Monopole Ende des 19. Jahrhunderts gab den Herrschenden neue Möglichkeiten, die Arbeiterbewegung im Zaum zu halten: Extraprofite, also solche die u.a. aus der Unterdrückung ganzer Nationen (ob ökonomisch oder militärisch) resultieren, gaben und geben den Monopolen den Spielraum, einzelne Abteilungen der Arbeiterklasse „zu bestechen“, darunter insbesondere jene Abteilungen, die Schlüsselpositionen innerhalb des Produktionsprozesses innehaben (z.B. Facharbeiter, Lokführer etc.): Deutlich höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen, besserer Kündigungsschutz u.a. (vor allem wenn sie nicht erkämpft wurden), verführen einen Teil der Klasse dazu, sich als Gewinner des Kapitalismus zu verstehen und ihn daher nicht mehr grundsätzlich in Frage zu stellen. Heute zählen zu dieser „Arbeiteraristokratie“ u.a. Facharbeiter und Vorarbeiter (insbesondere in den Großbetrieben), aber auch Hauptamtliche in den Gewerkschaften. Ihre Privilegien gegenüber dem Rest der Klasse sind noch immer enorm: Löhne, die weit über dem Durchschnittslohn liegen und bei Letzteren noch der faktisch lebenslange Kündigungsschutz.

Dieser Artikel ist aus der aktuellen POSITION, dem Magazin der SDAJ. Du kannst es für 10€ jährlich abonnieren unter position@sdaj.org

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Die Vorstellung der Klassenzusammenarbeit verschleiert die wahren Verhältnisse, denn Arbeiterinnen und Arbeiter werden als Klasse nie dieselben Interessen haben wie ihre Chefs: Hier das Interesse an der Abschaffung des Zwangs zur Lohnarbeit um überleben zu können, dort das Interesse eben jenen Zwang zur Lohnarbeit aufrechtzuerhalten und auszuweiten um möglichst umfassend davon profitieren zu können. Die Arbeiterklasse kann ihre Interessen nur durch Konfrontation und Kampf durchsetzen – und letztlich nur durch den Bruch mit dem kapitalistischen System. Jeder wirtschaftliche Aufschwung zeigt, wie falsch die Losung „Wenn es meinem Betrieb gut geht, geht es auch mir gut“ ist: Gerade dann werden Rationalisierungsmaßnahmen ergriffen und Löhne gedrückt. Es ist eine zentrale Aufgabe, die Vorstellungen von Klassenzusammenarbeit in der Gewerkschaft, in Betriebsrat und JAV und generell bei den Kolleginnen und Kollegen zurückzudrängen und offen zu kritisieren. Die Gewerkschaften müssen wieder zu Kampforganisationen der Arbeiterklassen werden, Kolleginnen und Kollegen in Konfrontation mit den Chefs führen und sie so im Klassenkampf schulen. Sie sind die größten Klassenorganisationen und potentiell in der Lage die Macht der Arbeiter gegen das kapitalistische System zu bündeln und mit ihm zu brechen.

António (28), Tübingen

Dieser Artikel erschien in
POSITION #4/2016
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