Keine Servicestelle

Fight for your right! Die Interessensvertretungskolumne

Sebastian hat keine Lust auf Kaffee und Kuchen mit der Geschäftsführung. In der Auszubildendenvertretung ist er trotzdem.

„Gehst du zur AV-Wahl? Weißt du, wozu eine AV nötig ist?“ Die Wahl der Auszubildendenvertetung (AV) bei der Telekom steht an – auch im Ausbildungsstandort Kiel. Sebastian macht Werbung für die Wahl. Und das ist auch nötig: Außer der alten AV und den neuen KandidatInnen interessiert sich kaum jemand dafür.

„Viele halten die AV für eine der tausend Servicestellen bei der Telekom, an die man sich wenden kann.“ Die alte AV ist daran nicht ganz unschuldig. Die Azubis kriegen nur wenig davon mit, was in der AV läuft. Trotzdem sitzt das Problem tiefer: „Bei der Telekom ist die Interessenvertretung sehr institutionalisiert. Es finden viele Gespräche statt – aber das ist eher, wie wenn zwei Behörden sich um einen Kuchen streiten. Da feilscht der Ober-AVler mit dem Ober-Geschäftsführer.“ In solchen Verhandlungen gibt es oft Erfolge und Verbesserungen für die Beschäftigten. Aber wie solche Verhandlungen ablaufen, davon bekommen die KollegInnen kaum etwas mit. Und das heißt auch: Sie sehen überhaupt keinen Grund, selbst für ihre Interessen aktiv zu werden. „Von der alten AV kam ganz viel Stellvertretergehabe: Wir kennen eure Probleme und kümmern uns drum.“ In der Gewerkschaft sieht das nicht viel anders aus. Die Beschäftigten der Telekom sind gut organisiert, es gibt eine offensive Mitgliederwerbung. Es ist selbstverständlich, bei ver.di zu sein. Ich habe den Wisch unterschrieben, ich zahle meine Beiträge, und wenn zum Streik aufgerufen wird, gehe ich mit. Aber mehr auch nicht, so sehen es die meisten – das ist mehr als in vielen anderen Betrieben. „Aber man könnte doch auch im Betrieb viel mehr machen“, sagt Sebastian. Zum Beispiel die Cafeteria – die gibt es nämlich nicht, obwohl insgesamt rund 300 Leute an dem Standort arbeiten. Oder die Übernahme. Telekom bildet aus, übernimmt aber wenig, und wenn, dann oft in die unternehmenseigene Leiharbeitsfirma. Daran ließe sich nur etwas ändern, wenn die Azubis selbst aktiv werden, wenn sie Druck auf die Geschäftsführung aufbauen. An der Versammlung, auf der die ver.di-Mitglieder die Liste für die AV-Wahlen bestimmt haben, waren diesmal 35 Leute, 20 Azubis haben für die AV kandidiert.Viel mehr als sonst. Die Diskussionen haben geholfen, das Interesse ist gestiegen. Auch Sebastian wurde gewählt. Warum er kandidiert hat? „Die AV-Arbeit ist keine schöne Arbeit – ich habe keine Lust, mich zu Kaffee und Kuchen mit der Geschäftsführung zu treffen. Aber es gibt Probleme, und wenn man Leute dahinter hätte, könnte man da auch was machen.“ Es geht darum, dass die KollegInnen selbst aktiv werden – denn so lernen wir, auch höhere Forderungen durchzusetzen.
„Wir müssen klarstellen, dass wir eine Interessenvertretung sind und keine Servicestelle“, sagt Sebastian. Zum Beispiel mit Aktionen für die Übernahme aller Azubis.

Olaf, Frankfurt