Hannover: Der „Bock“… hä?

Die SDAJ Hannover hat gemeinsam mit dem Stadtschülerrat die Schülerzeitung „Edelweiß – Zeitschrift für nazifreie Zonen“ herausgebracht. Wir dokumentieren hier den Leitartikel, der sich mit dem „Bock“, einer lokalen Nazi-Schülerzeitung befasst:

Was ist eigentlich dieser „Bock“, über den in der Zeitung und in der Schule ständig geredet wird? Was steht drin und wer gibt diese „Zeitung“ heraus?

Liebe Leserin, lieber Leser.  Wir haben uns in der Redaktion der Edelweiß lange mit dem sogenannten „Bock“ beschäftigt, um genau diese Fragen beantworten zu können. Wie nicht anders zu erwarten war, konnten wir feststellen, dass der „Bock“ nix weiter ist als dieselbe Leier, die wir von Nazis seit dem zweiten Weltkrieg immer mal wieder um die Ohren gehauen bekommen. Das ist vielleicht nervig – aber auch sehr gefährlich! Der „Bock“ gibt dieser alten Leier nämlich einen neuen Anstrich: Hochglanz-Papier, bunte Farben, nette Bildchen statt Hakenkreuz und Reichsadler – sieht hübsch aus, bleibt aber dasselbe. Ich kann den Müll im Papierkorb putzen und polieren, trotzdem bleibt er Müll.

Die Gruppe Neonazis bzw. „Nationalisten“, die den „Bock“ herausbringt, nennt sich „Besseres Hannover“. Diese Gruppe hat Kontakte zur Neonazi-Partei Nr. 1, der NPD. Im „Bock“ wird Werbung für politische Gedanken der NPD gemacht. „Ausländerintegration heißt bei uns Rückführung […]“ (Bock Nr.1, S.3). Mit „Rückführung“ ist die gewaltsame Abschiebung von ausländischen Mitbürgern und deren Familien aus Deutschland gemeint. Solche Aufhetzungen gegen „Ausländer“ sind wichtiger Bestandteil des Parteiprogramms der NPD. An anderer Stelle wird aber auch z.B. Werbung für den „Deutsche Stimme-Verlag“ gemacht, ein Medienunternehmen, das zur NPD gehört (Bock Nr. 4, S. 5).

Öko-Nazis

Der „Bock“ zeigt uns, dass Neonazis es gelernt haben, ihren Gedanken eine schicke Verpackung zu geben. Das klappt einerseits mit feschem Outfit, andererseits mit hippen Themen. Womit kann man heutzutage leicht Leute beeindrucken? Klar, mit dem Umwelt-und-Bio-Thema. Im „Bock“ heißt es: „In der Region gibt es genug Möglichkeiten, Biofleisch zu kaufen“ (Bock Nr. 4, S.7). Hä? Was haben denn jetzt gesunde Ernährung und Klimawandel mit Neonazis zu tun? Richtig. Gar nix, aber das Thema klingt gut.

„Nun war Adolf Hitler allerdings auch Vegetarier, Antialkoholiker und militanter Nichtraucher“ (Bock Nr. 4, S.12). Dieser Adolf Hitler scheint ja ein ganz netter und gesundheitsbewusster Kerl gewesen zu sein. Mal abgesehen davon, dass er ein Mitbegründer des Nationalsozialismus war, den zweiten Weltkrieg losgetreten hat und Millionen von Menschen in Arbeits- und Vernichtungslagern hat töten lassen.

Dass Umweltbewusstsein wichtig ist, wissen die meisten Menschen. Solche modernen Themen werden von Neonazis benutzt, um Schülerinnen und Schüler auf ihre Seite zu ziehen, nach dem Motto: „hm, wenn die sich für die Umwelt einsetzen, dann sind die ja vielleicht gar nicht so schlimm…“ Vorsicht! Neonazi-Organisationen sind keine nette Umweltpolizei! Das ist leicht zu verstehen, wenn man sich einmal die anderen Themen des „Bock“ anschaut:

„Die Juden sind schuld“

Schon immer gab es Leute, die einen Sündenbock für Probleme in der Welt gesucht haben. Seit Jahrhunderten müssen dafür häufig Menschen jüdischen Glaubens herhalten. Diese Judenfeindlichkeit heißt auch „Antisemitismus“ und war ein Grundsatz des Nationalsozialismus in Deutschland unter Adolf Hitler 1933-1945. Wenn irgendetwas schief gelaufen ist, dann waren „die Juden“ daran schuld, weil sie einer anderen „bösartigen Rasse“ angehören würden. Das behaupten Neonazis auch heute noch – im „Bock“ wird an vielen Stellen gegen Juden aufgehetzt, hier nur ein Beispiel: „Gruppen und einzelne Personen genießen Sonderrechte, die für andere nicht gelten“ (Bock Nr. 3, S.4). Als Beispiel dafür wird der Journalist Michel Friedmann genannt, der selbst jüdischen Glaubens ist.

Wo ist der Denkfehler? Das Judentum ist wie das Christentum oder der Islam eine Glaubensrichtung! Menschen können ihre Religion frei wählen. Warum sollte ein Mensch plötzlich einer „minderwertigen Rasse“ angehören, weil er sich für eine bestimmte Glaubensrichtung entschieden hat? Fragt doch mal Eure Geschichtslehrer und –lehrerinnen. Die können Euch bestimmt genau erklären, wie solche Vorurteile gegenüber anderen Religionen entstanden sind.

Rassismus

Eine Gruppe von Menschen (zum Beispiel Neonazis) kann sich also gut darstellen, indem sie andere Gruppen niedermacht. Wenn irgendjemand Schuld hat, dann „die Juden“ oder seit neustem auch „der Islam“. Rechte Politiker wie Thilo Sarrazin kommen den Neonazis gerade recht. Sarrazin behauptet in seinem Buch, dass Deutschland „überfremdet“ werde. Außerdem seien Menschen aus arabischen Ländern oder dem mittleren Osten weniger intelligent und leistungsfähig als „Deutsche“. Sarrazin teilt – wie die Neonazis auch – Menschen in verschiedene „Rassen“ ein. Es wird behauptet, dass Menschen sich in ihren Fähigkeiten und Eigenschaften durch ihre Herkunft unterscheiden würden und es bessere und schlechtere „Rassen“ gäbe. Das nennt man Rassismus oder auch Fremdenfeindlichkeit. Der „Bock“ hetzt offen gegen Äusländerinnen und Ausländer. Er spricht von „[…] Angst vor Ali und seinen Kumpels“ (Bock Nr. 1, S.5), „[…] völkervernichtender Globalisierung“ (Bock Nr. 4, S.7) und beleidigt offen Menschen ausländischer Herkunft, wie etwa die Sozialministerin Aygül Özkan (Bock Nr. 4, S.3).

„Nation“, „Rasse“ und „Volk“

Die Schreiber des „Bock“ nennen sich „Nationalisten“. „Wir als Nationalisten sind frei und weil wir das sind, nennen sie uns Neonazis, aber meinen tun sie Dich, den Deutschen! […] Wir zeigen Dir dann die Hauptkampflinie. […] Zeigen Dir, wie gut es sich anfühlt, deutsch zu sein!“ (Bock Nr.4, S. 12/13).

Nationalismus ist eine Weltanschauung, in der Menschen ihr eigenes Land und dessen „Volk“ allem Anderen überordnen. Das bedeutet, dass Menschen anderer „Rassen“ vertrieben oder vernichtet werden sollen, da sie angeblich dem „Volkskörper“, also den „Deutschen“, schaden. Dass das Quatsch ist, kann man schnell erkennen, wenn man versucht zu bestimmen, was „deutsch sein“ eigentlich bedeuten soll. Die Menschheit ist seit ihrer Entstehung über Jahrtausende durch die ganze Welt gewandert. Deutschland, so wie es heute im Atlas zu finden ist, gibt’s erst seit ein paar Jahrzehnten. Die Grenzen der Länder haben sich immer wieder verändert. Wann bin ich eigentlich deutsch? Wenn mein Opa aus Griechenland kommt und meine Oma aus Deutschland, bin ich dann Ausländer, obwohl meine Familie hier seit 60 Jahren lebt? Meine Eltern kommen aus Ägypten, aber wir alle haben einen deutschen Pass. Bin ich dann Ausländer? Und wenn die Eltern meiner Mutter aus der Türkei kommen, die meines Vaters aus Norwegen, ich in Deutschland gelebt habe, aber nach China auswandere? Sind meine Kinder, die ich später mal bekomme, dann Chinesen?

Es gibt keine „Rassen“, weil es nicht den Deutschen, den Türken oder den Chinesen gibt. Wir alle haben unsere Wurzeln überall. Wir alle unterscheiden uns und trotzdem verbindet uns eines: wir sind Menschen! Wir leben in einer vielfältigen Gesellschaft. Und wir lassen uns nicht von Neonazis in „bessere“ oder „schlechtere Rassen“ trennen!

Schwierige Themen

Neonazis spielen sich gern als Weltverbesserer oder Rebellen auf, die für Recht und Ordnung sorgen. Sie und schreiben auch im „Bock“ davon: ausländischen Mitbürgern wird vorgeworfen, grundsätzlich kriminell zu sein. Dabei tun die Neonazis selbst so, als wären sie gesetzestreu. Im Jahr 2010 wurden in ganz Deutschland fast 16.000 rechtsextreme Straftaten verübt (Quelle: Statisitia).
 
Spätestens wenn der „Bock“ den Kapitalismus kritisiert, wird klar, dass komplizierte Themen angesprochen werden, mit denen sich viele Schülerinnen und Schüler noch nicht beschäftigt haben. Der „Bock“ versucht, jungen Menschen diese Themen zu erklären, aber natürlich nach seiner eigenen Sicht. Mit dabei sind dann Erklärungen, die Rassismus, Antisemitismus oder Nationalismus enthalten.

Beispiele, die viele kennen, sind Behauptungen darüber, dass „Ausländer“ uns die Arbeitsplätze wegnehmen würden, dass jüdische Menschen ihr Leben lang nur Geld anhäufen würden, dass Muslime weniger intelligent wären als Nicht-Muslime.  Diese Behauptungen sind nachweislich falsch! Mit solcher Hetze und Verblödung haben die Neonazis es darauf abgesehen, ihren Rassismus auf Kinder und Jugendliche zu übertragen, die noch nicht erkannt haben, dass diese Sicht saugefährlich ist, weil sie uns Menschen in „gut“ und „böse“, in „Deutsche“ und „Ausländer“, spalten soll. 1933 haben viele Menschen in Deutschland solche Vorurteile geglaubt. Adolf Hitler konnte dadurch den zweiten Weltkrieg beginnen, der weltweit unvorstellbar viele Millionen Tote gefordert hat.

Der „Bock“ – ein vergeblicher Versuch

Viele kennen den Spruch „Bunt statt braun“ oder „Hannover bleibt bunt“. Damit ist gemeint, dass alle Menschen, egal welcher Herkunft oder Religion, zusammenleben können und sollen. Braun steht in diesem Fall für Neonazi-Organisationen. Im „Bock“ steht: „Hannover bleibt bunt? Wer will denn schon die Nanas abschaffen?“ (Bock Nr. 4, S.10). Was im ersten Moment lustig klingt ist nichts anderes als eine ziemlich dämliche Antwort auf dieses Motto. Mit dieser Art von Humor versuchen Neonazis nett, sympathisch und lustig zu wirken. „Hannover bleibt bunt“ ist eine klare Ansage: wir wollen keine Nazis! Solche Aussprüche lächerlich zu machen ist die einzige verzweifelte Möglichkeit für Neonazis, damit umzugehen. Das bedeutet für uns, dass wir immer, ob an der Schule, in der Freizeit im Job oder sonst wo, Position gegen Nazis einnehmen müssen. Traut Euch, offen zu sagen, dass Ihr keinen Bock auf Nazis habt und lasst Euch nicht einschüchtern!

Alte Suppe aus neuen Dosen

Liebe Leserin, lieber Leser!

Der „Bock“ ist eine „Zeitung“, die versucht, Nazi-Politik an Euch Schülerinnen und Schüler zu verkaufen. Mit jugendlicher Sprache, lustig wirkenden Texten und einer schicken Verpackung werden Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus so herübergebracht, dass es schwierig ist, zu erkennen, wie gefährlich diese Inhalte sind. Zu spät ist es dann, wenn Du darauf hereingefallen bist. Schau hinter die Kulissen des „Bock“ und lass Dich nicht verarschen. Lass uns gemeinsam gegen Neonazis kämpfen!