Mythos Fachkräftemangel

Können wir das Kapital jetzt davon überzeugen, genügend Ausbildungsplätze bereitzustellen?

(Foto: Arbeitgeberverband Gesamtmetall, CC BY 2.0)

Mit dem Argument des Fachkräftemangels versuchen GewerkschafterInnen häufig den Unternehmen zu erklären, dass es in ihrem eigenen Interesse sei, mehr Jugendliche auszubilden. Funktioniert diese Taktik, oder bedeutet sie, dass wir auf konsequente Forderungen verzichten?

Laut geht die Klage von Unternehmerverbänden und der Bundesagentur für Arbeit über den angeblich drohenden Fachkräftemangel und besonders über einen Mangel an Ingenieuren durchs Land. Doch bei über 100.000 fehlenden Ausbildungsplätzen und Millionen von Erwerbslosen fragt man sich, wo es denn da einen Mangel geben soll. Wenn es wirklich einen Mangel an Fachkräften gäbe, dann müssten sich die Arbeitsbedingungen, die Löhne und Gehälter doch eigentlich verbessern. Die Unternehmen müssten auch auf der Suche nach Nachwuchs sein, konsequent ausbilden und in der Regel ihre Azubis übernehmen. Die Realität sieht aber anders aus: auch unter qualifizierten Fachkräften herrscht nach wie vor hohe Arbeitslosigkeit, befristet Verträge sind an der Tagesordnung, die Gehälter – auch für qualifizierte Fachkräfte – stagnieren seit Jahren und Leiharbeit weitet sich immer weiter aus. Ganz zu schweigen von der Situation am Ausbildungsmarkt: Hunderttausende Jugendliche finden keinen Ausbildungsplatz in dem von ihnen gewünschten Beruf, viele landen in Warteschleifen – weil es eben nicht genug Ausbildungsplätze gibt. Auch die Übernahme im erlernten Beruf ist nicht die Regel, sondern die Ausnahme.

Was für ein Mangel?

Man muss sich mal vor Augen führen, was für die meisten Unternehmen das Wort Fachkräftemangel eigentlich bedeutet: Für viele Großunternehmen fängt ein Fachkräftemangel schon da an, wo sie auf 100 Ausbildungsplätze nicht mehr 5000, sondern nur noch 3000 Bewerbungen bekommen. Sie haben eine ganz genaue Vorstellung von ihren zukünftigen Azubis und stellen enorm hohe Anforderungen an die BewerberInnen. Wer diese Anforderungen nicht erfüllt, wird schnell als „nicht ausbildungsfähig“ abgestempelt. Wenn aber nun die Anzahl der „perfekten“ BewerberInnen etwas zurückgeht – sei es aufgrund der demografischen Entwicklung, oder der Unterfinanzierung und mangelnden Qualität des Bildungssystems – dann haben die Unternehmen Sorge, dass der Konkurrenzkampf unter den BewerberInnen zurückgeht. Sie haben also Angst, dass die gut qualifizierten BewerberInnen in eine Situation gelangen, in der sie Anforderungen an ihren zukünftigen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz stellen können. Dann müssten nämlich die Unternehmen tatsächlich die Arbeitsbedingungen und Löhne verbessern.

Unternehmer überzeugen?

Im Gespräch mit einem DGB-Funktionär über die Frage, ob der Fachkräftemangel auch für die Gewerkschaftsjugend ein geeignetes Argument sei, um mehr Ausbildungsplätze von den Unternehmen zu fordern, meinte dieser: „Gerade in einer Situation, in der die Arbeitgeber einen Fachkräftemangel beklagen, müssen wir doch an sie herantreten und sagen: wenn ihr zu wenig Leute habt, was seid ihr denn bereit zu tun, um die Jugendlichen zu qualifizieren, die einen Ausbildungsplatz suchen?“ Die Strategie von GewerkschafterInnen sei es häufig, zu überlegen: Welche Gründe sprechen denn auch für die Unternehmen dafür, mehr auszubilden? Wenn man diese Gründe für die eigenen Forderungen nutze, so hätten die Arbeitgeber weniger Möglichkeiten, die Forderungen zurückzuweisen – da sie ja quasi im Interesse des Unternehmens stünden. Die „einzige“ Gefahr, die er bei dieser Strategie sieht:

„Man muss schon aufpassen. Wenn man zu sehr auf die Argumente der Arbeitgeber eingeht, passiert es schnell, dass man die wirklichen Interessen der jungen ArbeitnehmerInnen aus dem Blick verliert. Man muss die Probleme der Unternehmen nutzen, darf sie aber nicht zu den eigenen machen.“

Ja, häufig kommt man dann in die Situation, dass die Unternehmer den Spieß umdrehen und es im Endeffekt wieder darum geht, was wir denn bereit sind für Abstriche zu machen, damit die Unternehmen mehr Ausbildungsplätze schaffen.

Grundsätzlicher Konflikt

Was passiert aber, wenn die Unternehmer nicht von einem Fachkräftemangel reden? Dann haben wir nichts in der Hand, um Ausbildungsplätze, gute Ausbildungsqualität und angemessene Vergütung zu fordern, oder?

Wenn wir unsere Forderungen davon abhängig machen, was die Kapitalisten bereit sind uns abzugeben – oder nur für unsere Forderungen argumentieren können, wenn wir Anknüpfungspunkte in der Sicht der Unternehmen finden – dann verlernen wir, aus unserer Sicht und auf Grundlage unserer Interessen zu argumentieren. Wir vergessen, dass es richtig ist, unser Recht auf qualifizierte Ausbildung und Übernahme zu fordern – egal, ob das nun gerade auch für die Kapitalisten sinnvoll ist. Denn vergessen wir nicht: Im Kapitalismus gibt es einen grundsätzlichen Konflikt zwischen den Interessen der Unternehmen, denen es um Profitmaximierung um jeden Preis geht, und unseren Interessen nach einer guten Ausbildung, Übernahme und einem Beruf, der uns ein Leben ermöglicht, in dem wir uns nicht zu Tode rackern. Deshalb müssen wir uns bewusst sein, dass wir für unsere Interessen eben auch kämpfen müssen – gegen die Interessen der Kapitalisten.

Jella, Hamburg

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