Überakkumulation

veröffentlicht am: 3 Jan, 2012

Moderne Wirtschaftskrisen zeichnen sich dadurch aus, dass massenhaftes Elend mit einem Überangebot an Waren einhergeht. Marxistische Ökonomen vertreten die Auffassung, der offensichtliche Widerspruch zwischen Überangebot und mangelnder Nachfrage sei Erscheinungsform eines tieferliegenden Problems: Der Überakkumulation von Kapital.

Zu viel Kapital

Akkumulation ist die Rückverwandlung von Profit (Mehrwert) in Kapital oder, etwas unscharf ausgedrückt, die Reinvestition von Gewinnen. Der Begriff Überakkumulation bezeichnet eine Situation, in der die durch fortgesetzte Akkumulation aufgehäuften Kapitalmassen zu groß geworden sind, um noch ausreichende Profite abzuwerfen. Die Akkumulation der Profite führt zu einem Punkt, an dem sie selbst zum Hindernis für die Erzielung von ausreichenden Profiten wird. Krisen entstehen dieser Theorie zufolge aus einem zu viel an Kapital.

Nach marxistischer Auffassung ist die Quelle des Wertes der Waren – und damit auch der Profite – die menschliche Arbeit. Überakkumulation bedeutet, dass die Masse an Kapital im Verhältnis zu der von diesem Kapital angewandten Arbeit zu groß geworden ist, dass im Umkehrschluss der mittels Arbeit geschaffene Neuwert und somit letztlich auch der Profit im Verhältnis zu dieser Kapitalmasse zu klein wird. Verhältnismäßig kleiner Profit bedeutet verhältnismäßig geringe weitere Akkumulation, d.h. verhältnismäßig geringe Nachfrage nach Produktionsmitteln und Arbeitskräften. Die Folge ist eine Tendenz zu Überproduktion, Arbeitslosigkeit, Armut.

Kapitalvernichtung

Der (systemimmanente) Ausweg aus der Überakkumulationskrise ist die Kapitalvernichtung. Das überakkumulierte Kapital verliert ganz oder teilweise seinen Wert. Diese Vernichtung kann durch die physische Zerstörung von Produktionsmitteln und Warenvorräten von statten gehen, etwa im Zuge der Stilllegung von Fabriken oder der Entsorgung unverkäuflicher Güterbestände. Sie kann ebenso durch die Entwertung von Kapitalbestandteilen (Preisverfall) oder, im Falle des sogenannten fiktiven Kapitals, durch den kompletten oder teilweisen Wertverlust von Wertpapieren wie Aktien, Obligationen oder Schuldverschreibungen geschehen. Ausreichend große Kapitalvernichtung ist die Voraussetzung für eine wieder ausreichende Verwertung des verbleibenden Kapitals und damit für eine erneute zügige Akkumulation.

Die Frage, ob dieser Mechanismus mit Notwendigkeit zu einer erneuten wirtschaftlichen Belebung führt, ist auch unter Marxisten umstritten. Einige Theoretiker vertreten die Auffassung, dass die Überakkumulation und folglich das Ausmaß der erforderlichen Kapitalvernichtung so groß werden kann, dass die Möglichkeit der Reproduktion der Gesellschaft in Frage gestellt wird.

Die gelegentlich von verschiedener Seite geäußerte Idee, den schroffen Wechsel von beschleunigter Akkumulation, Überakkumulation und Kapitalvernichtung dadurch abzuschwächen, dass man das Wirtschaftswachstum generell auf ein „verträgliches“ Ausmaß begrenzt, ist nicht nur theoretisch problematisch. In der Praxis scheitert sie schon daran, dass in kapitalistischen Staaten den Unternehmern ihr Investitionsverhalten nicht vorgeschrieben werden kann.

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