Dem Rüttgers sein Schlecker: Widerstand gegen Leiharbeit im Uniklinikum Essen

veröffentlicht am: 14 Jul, 2011

Das Uniklinikum Essen. (Foto: Friedemann Schütz, CC-BY-SA 2.5)

Langer Atem führt zum Erfolg: Sich nicht spalten lassen ist die richtige Strategie im Kampf gegen prekäre Arbeitsverhältnisse.

Ein Gastbeitrag von Alexandra Willer, Personalratsvorsitzende beim Uniklinikum Essen und stellvertretende ver.di-Vertrauensleutesprecherin.

Leiharbeit wird in allen Branchen immer mehr ausgeweitet. Häufig sehen die Stammbelegschaften die Einführung von Leiharbeit in ihrem Betrieb aber gar nicht als Angriff auf ihre eigenen Arbeitsbedingungen. Dies macht es schwer, gemeinsamen Widerstand zu entwickeln.

Auch das Uniklinikum Essen (UK) im Jahr 2005 eine 100%ige Tochterfirma gegründet: die UK Essen Personalservice GmbH (PSG). Einziger, und auch vom UK erklärter Zweck war die Einsparung von Lohnkosten. Vermittels des Leiharbeitstarifes wurden Beschäftigte aus fast allen Berufen zu niedrigeren Löhnen bei der PSG eingestellt, um sie dann an die Mutter – nämlich das UK selbst – zurück zu verleihen. Seitdem sind von den ca. 3000 Beschäftigten des UK über 300 KollegInnen über die PSG eingestellt worden.

Widerstand trotz Gegenwind

Der Personalrat und die ver.di-Vertrauensleute haben sich von Anfang an dagegen gewehrt. Das war nicht einfach, weil uns viele vorgeworfen haben, dass so was eben heutzutage normal sei und wir Betonköpfe. Uns wurde immer wieder gesagt, dass noch viel massivere Einschnitte nötig wären, wenn man so einen Weg nicht gehen würde. Da sei es doch besser, dass „die Neuen“ etwas weniger bekommen – sie wüssten ja schließlich, worauf sie sich einließen.

Wir haben diese Spaltung nie mitgemacht. Uns war klar, dass durch die PSG eben nicht nur „die Neuen“ schlechtere Arbeitsbedingungen hinzunehmen hätten. Wenn die KollegInnen für die gleiche Arbeit weniger Lohn bekommen, setzt das auch die Stammbelegschaft unter Druck. Und es schwächt natürlich unsere Kampfkraft. Wir haben dann z.B. eine Plakatserie mit jeweils drei Leuten mit untergehakten Armen überall plakatiert: „Wir alle sind das Klinikum – Weg mit der PSG“.

Wir sind teilweise sogar persönlich angefeindet worden, weil wir als Personalrat die Einstellungen der PSGler abgelehnt haben und sie über ein formales Verfahren bis zu sechs Monaten rauszögern konnten. Wir würden Arbeitslose länger in der Arbeitslosigkeit lassen, UK-Beschäftigte dürften keinen Urlaub nehmen, weil die PSG-Kraft noch nicht da wäre usw. Für uns war das aber die einzige Möglichkeit, real Widerstand gegen die Einführung der Leiharbeit zu leisten.

Nach ca. 2 Jahren waren in fast allen Bereichen PSGler, und die Ungerechtigkeit bekam ein Gesicht. Auch die Stimmung in der Belegschaft änderte sich.

Nicht locker gelassen

Als dann der Schlecker XXL-Skandal an die Öffentlichkeit kam und in NRW der Landtagswahlkampf begann, nutzten wir das für unseren Protest. Am Schluss sind wir jedem Politiker, der irgendwie für uns zuständig war, solange auf den Pelz gerückt, bis er sich der Sache annahm. Das UK ist schließlich öffentliches Eigentum und die Landesregierung hat die Rechtsaufsicht. Ob der Essener Hauptbahnhof eingeweiht oder das Essener Museum eröffnet wurde: unser ver.di-Einsatzkommando war schon da . Ex-NRW-Regierungspräsident Rüttgers sah sich mit Plakaten konfrontiert: „Dem Rüttgers sein Schlecker ist das Uniklinikum Essen!“

Dies war auch deswegen nötig, weil leider die Mobilisierung unter den betroffenen 300 PSGlern erst ganz am Schluss möglich war. Sie waren ja alle erst mal für 2 Jahre befristet eingestellt worden. Erst Anfang 2009 trauten sich die Ersten überhaupt sich zu wehren. Sie waren aber über das riesige Uniklinikum-Gelände verstreut. Meistens kannten sie höchstens eine handvoll anderer PSGler, das machte es natürlich schwierig. Und auch als unter den UK-Beschäftigten die Stimmung kippte, äußerte sich das leider nicht in einem größeren aktiven Widerstand. Ein harter Kern von ver.di-Aktivisten hat – ganz entgegen unserer eigentlichen Überzeugung, wie Widerstand laufen sollte – viel stellvertretend für die Betroffenen gemacht. In Krankenhäusern in der BRD liegt der durchschnittliche gewerkschaftliche Organisationsgrad bei 5-15 Prozent. Bei uns sieht es noch etwas besser aus, aber nicht viel. Dass wir 2006 mit bis zu 600 Kolleginnen und Kollegen 16 Wochen ununterbrochen für einen Tarifvertrag gestreikt haben, und das in einem Uniklinikum, dass hat uns sicher auch für diesen Abwehrkampf Mut gemacht.

Langer Atem zahlt sich aus

Unser steter Tropfen hat den Stein gehöhlt. Der harte Kern von ver.di-Leuten hat die ganzen Jahre zusammen gehalten. Wir haben uns immer wieder gegenseitig Mut gemacht durchzuhalten, wenn der Eine oder die Andere weichgekocht war doch einen Kompromiss einzugehen. Wir haben uns gegenseitig versichert, dass nicht wir sondern der Klinikumvorstand im Unrecht ist.

Jetzt, da die PSG bis spätestens zum 30. Juni diesen Jahres Geschichte sein soll und die PSGler Arbeitsverträge beim UK bekommen werden, haben uns viele zu unserem langem Atem gratuliert. Wir finden schon, dass die Überführung in einen „guten Tarifvertrag“ in heutigen Zeiten eine kleine Sensation ist. Aber wir sind auch gewappnet, welche Schweinereien sich der Vorstand als nächstes ausdenkt. Wie es auf einem vor kurzem erschienenen ver.di-Jugend-Aufkleber steht: „Kapitalismus zuckt noch!“

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