"image25" by notsojustme is licensed under CC BY 2.0

Die Legende von der Seelenpartnerschaft

veröffentlicht am: 12 Sep, 2020
Lieben im Kapitalismus

Auf dieser Welt leben rund 7,8 Milliarden Menschen- und einer davon ist dein Seelenpartner. Zumindest behauptet das eine ganze Reihe von A- bis C-Promis, Klatschzeitungen und InfluencerInnen und das nicht erst seit der hundertsten „Spiritualismus-Welle“. Und warum auch nicht? Die Vorstellung, dass es da irgendwo einen Menschen gibt, der perfekt zu uns passt, ohne dass wir groß was tun müssen, ist beruhigend und angenehm. Man flüchtet sich in ein romantisches Vollendungsszenario, in dem am Ende des metaphorischen Films „Leben“ ein großes „Happy End“ steht. Aber warum ist das problematisch?

Ganz einfach: Immer, wenn Menschen heute dazu gebracht werden sollen zu glauben, irgendein höheres Bewusstsein bestimmt über ihr Leben werden sie in eine passive Rolle gebracht. Was juckt mich der Stress auf der Arbeit, hohe Mieten und so fort, wenn ich irgendwann meinen Seelenpartner treffe und nur darauf warten muss, dass sich alles einrenkt? Diese romantischen Illusionen dienen der Realitätsflucht, die zuweilen angenehm ist und deshalb so viele AnhängerInnen findet.

Liebe im luftleeren Raum?

Das bürgerliche, sentimental gefärbte Ideal der Kleinfamilie verdeckt, dass auch die Partnerwahl oft genug und vorrangig von ökonomischen Abhängigkeiten bestimmt wurde. Für die doppelt unterdrückte Frau im Kapitalismus gab es zumeist keine reale Wahl des Ehepartners, sie wurde vielmehr durch niedrigere Löhne (so sie arbeiten konnte) und die unbezahlte Reproduktionsarbeit in die Abhängigkeit ihres Ehemannes gezwungen. Und auch heute, obwohl sich die Situation unbestreitbar durch die erkämpften Errungenschaften der proletarischen Frauenbewegung ein wenig verbessert hat, ist die Lebenspartnerschaft oft, nicht immer, eine Folge dieser ökonomischen Abhängigkeit. Geschichtlich war also auch das, was wir Liebe nennen, nie im luftleeren Raum. Natürlich gibt es aber noch eine Menge anderer Faktoren, die eben das Gefühl „Liebe“ prägen und die wir hier nicht alle auflisten können.

Beziehungen in Bewegung

Als MaterialistInnen wissen wir: Eine Seele haben wir nicht. Es rettet uns weder irgendein höheres Wesen, noch eine Art Schicksal, das über uns herumwabbert und alles regelt. Was für Menschen wir sind, welche Vorlieben und Abneigungen wir entwickeln, wie wir in bestimmten Situationen handeln entscheidet sich eben vorrangig dadurch, in welchem Umfeld wir aufwachsen, mit wem wir Zeit verbringen, eben durch unsere soziale und ökonomische Situation. Wir kommen nicht auf die Welt und haben irgendwo unser Gegenstück, dem wir dann schicksalhaft begegnen. Das Leben ist keine romantische Komödie, die während der „Prime-Time“ auf Sat1 läuft. Man muss sich auf sein Gegenüber einlassen, an sich arbeiten und trotzdem begegnet man Widersprüchen. Wir treffen nunmal nicht die eine Person, die perfekt zu uns passt, mit der wir sofort auf einer „Wellenlänge“ sind. Widersprüche resultieren bei quantitativer(grob gesagt ist die Anzahl gemeint) Steigerung regelmäßig in qualitativen Sprüngen, doch sie lösen sich nicht auf. So ist es auch in einer Beziehung: Sie ist niemals statisch, sie ist immer in Bewegung, sie wird manchmal mit der Zeit besser, manchmal schlechter, oft genug löst sie sich wieder auf. So wie sich unsere ökonomischen und sozialen Umstände verändern, verändern wir uns auch als Menschen, manchmal voneinander weg. Aber macht nicht das auch den Reiz aus?

Max, Solingen

Dieser Artikel erschien in der aktuellen Position, dem Magazin der SDAJ.

SDAJ Aachen
SDAJ Augsburg
SDAJ Bamberg
SDAJ Barsbüttel
SDAJ Berlin
SDAJ Blankenfelde-Mahlow
SDAJ Bochum
SDAJ Bonn
SDAJ Bremen-Oldenburg
SDAJ Cottbus
SDAJ Dresden
SDAJ Düsseldorf
SDAJ Essen
SDAJ Frankenberg
SDAJ Frankfurt
SDAJ Gießen
SDAJ Göttingen
SDAJ Hamburg
SDAJ Hannover
SDAJ Karlsruhe
SDAJ Kassel
SDAJ Kiel
SDAJ Köln
SDAJ Landau
SDAJ Leipzig
SDAJ Limburg-Weilburg
SDAJ Lübeck Süd/Ost-Holstein
SDAJ Mainz
SDAJ Mannheim
SDAJ Marburg
SDAJ München
SDAJ Neumarkt
SDAJ Neuss
SDAJ Nürnberg
SDAJ Osnabrück
SDAJ Ostwestfalen-Lippe
SDAJ Rostock
SDAJ Schwerin
SDAJ Siegen
SDAJ Solingen
SDAJ Stralsund
SDAJ Stuttgart
SDAJ Trier
SDAJ Tübingen
SDAJ Ulm
SDAJ Witten
SDAJ Würzburg

POSITION #5/2019

mehr zum Thema

Krisenupdate – same procedure as everytime

Krisenupdate – same procedure as everytime

Same procedure as everytime 3,3 Millionen Menschen sind laut „Institut für Wirtschaftsforschung“ weiterhin auf Kurzarbeit, und auch was die Arbeitslosenzahlen angeht, liegen wir bei 6%. Da hat nur die Saisonarbeit ein bisschen was nach oben korrigiert. Das fickt schon...

mehr lesen

Die USA haben gewählt Einen Politikwechsel im Weißen Haus wird es unter Biden nicht geben Der 46. Präsident von “Mordamerika” (Peter Hacks) wird Joseph Robinette “Joe” Biden Jr. Dies musste zuletzt auch Donald Trump einsehen, nachdem immer mehr seiner Klagen gegen...

mehr lesen
Mensa in der Krise

Mensa in der Krise

Mensa in der Krise Krasser Schulstress, kaum Freizeit und viel zu viele Hausaufgaben. Das ist für uns SchülerInnen in diesem Schulsystem Alltag. Vor Allem in Zeiten der (Wirtschafts-)Krise wird immer mehr SchülerInnen eins klar: Dieses Schulsystem richtet sich nicht...

mehr lesen