"Van Pelt holding the Holly Beer Bong" by Ted Van Pelt is licensed under CC BY 2.0

Warum baller ich mich weg?

veröffentlicht am: 6 Sep, 2020
Das gefährliche an Drogen ist die Gesellschaft

Als der Neurowissenschaftler David Nutt 2008 nachwies, dass Pferdereiten gefährlicher ist als Ecstasy-Konsum, wurde er kurz darauf als britischer Regierungsberater gefeuert. Die Innenministerin echauffierte sich, dass die Gefahren legaler und illegaler Sachen doch nicht vergleichbar seien. Tatsächlich ist sich die Fachwelt längst einig, dass die Frage, ob eine Droge verboten ist oder nicht, nichts damit zu tun hat wie gefährlich sie ist. Drogen, das sind nicht nur bestimmte Substanzen, die in unserem Gehirn wirken, sondern das können auch bestimmte Verhaltensweisen sein, bspw. Glücksspiel, Sex, oder eben Pferdereiten.

Die Gründe für Drogenkonsum sind vielfältig und reichen von religiösen Motiven über Genussmittel und Medikation, bis zur Linderung von Schmerz. Keine Frage, wenn Menschen nicht im Vollbesitz ihrer geistigen und physischen Fähigkeiten sind, können sie sich und andere gefährden. Wenn Drogen der Flucht aus der Realität dienen, können sie eine bequeme Alternative zur Veränderung selbiger sein. Langfristig problematisch wird Drogenkonsum aber vor allem dann, wenn man eine Abhängigkeit entwickelt. Als Abhänigkeit beschreid David Nutt einen Verhaltenszustand, indem durch Vorgänge im Gehirn Menschen dazu genötigt werden, Dinge zu tun, die sie eigentlich nicht tun wollen.

Drogenabhängigkeit wird in unserer Gesellschaft noch immer vornehmlich auf die Willensschwäche der Konsumenten oder die starke Wirkung der jeweiligen Droge geschoben. Würde das stimmen, dann müssten Schmerzpatienten, die mit Opioiden behandelt werden, regelmäßig abhängig werden. Um eine Abhängigkeit zu entwickeln müssen hingegen v.a. bestimmte persönliche Veranlagungen vorhanden sein. Menschen die in ihrer Kindheit schmerzhafte Erfahrungen gemacht haben, oder denen menschliche Bindungen fehlen, neigen bspw. eher dazu abhängig zu werden.

Dass Drogenabhängige nicht automatisch Junkies bleiben, zeigen wiederum die sogenannten „Rat-Park Experimente“ des Psychologen Bruce Alexander und seiner Kollegen besonders eindrücklich. In einem der Experimente wurde Ratten über 2 Monate täglich Morphin injiziert. Anschließend kam ein Teil der Junkie-Ratten in ein Rattenparadies mit 200-facher Größe der üblichen Laborkäfige, Ratten beiderlei Geschlechts, Überfluss an Nahrung und Spielzeug. Ein anderer Teil kam in einen reizarmen Standardkäfig. Beiden Gruppen wurde sowohl Leitungswasser als auch mit Morphin versetztes Wasser angeboten. Das Ergebnis: Die Paradies-Ratten bevorzugten trotz Entzugserscheinungen das Leitungswasser, die Käfig-Ratten erhöhten hingegen ihren Drogenkonsum.

Das zeigt, Drogen sind nicht per se unwiderstehlich, Abhängigkeit ist nicht irreversibel und die Umweltbedingungen sind bestimmend dafür ob Drogenkonsum langfristig problematische Folgen hat. Der „Krieg gegen Drogen“ und die Prohibitionspolitik sind als gesellschaftliche Rahmenbedingungen offenbar gescheitert. In der Geschichte der Menschheit gab und gibt es zudem nicht eine abstinente Gesellschaft. Um die Gefahren des Drogenkonsums einzudämmen geht es also nicht darum den Konsum an sich zu verhindern, sondern darum sichere Rahmenbedingungen zu schaffen – d.h. auch für das „Paradies auf Erden“ (Lenin) zu kämpfen, den Sozialismus.

Paul, Essen

Dieser Artikel erschien in der aktuellen Position, dem Magazin der SDAJ.

Paul Rodermund

Paul Rodermund war 2013 bis 2016 Bundesvorsitzender der SDAJ. Er ist promovierter Neurowissenschaftler und arbeitet als wissenschaftlicher Projektmanager in der Krebsforschung.

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