Dieter W. Feuerstein – Kundschafter im Westen (POSITION #04/19)

Die Geschichte der Stasi-Überwachung wird so erzählt, als seien Geheimdienste ein Alleinstellungsmerkmal sozialistischer Staaten. Doch wir wissen, dass die Machenschaften des Verfassungsschutzes die Möglichkeiten des Kalten Krieges unlängst in den Schatten stellen. Doch gibt und gab es einen Unterschied zwischen Nachrichtendiensten? Wir haben uns darüber mit Dieter W. Feuerstein unterhalten. Dieter wollte als westdeutscher Abiturient zuerst in die Kommunistische Partei DKP eintreten. Doch es kam anders und er wurde „Kundschafter des Friedens“ für die Hauptverwaltung Aufklärung, dem Auslandsnachrichtendienst der DDR. Im Auftrag wirkte er in der CDU-Jugend in Hessen, der Jungen Union und war stellvertretender Sprecher des Wehrpolitischen Arbeitskreises der CDU. Durch sein gutes Studium fasste er Fuß in amerikanischen und deutschen Rüstungsbetrieben und kam als Projektverantwortlicher an wichtige Informationen der westdeutschen Luft- und Raumfahrt, wie unter Anderem den Bauplänen des Kampfjets „Tornado“. Für seine Aufklärungsarbeit wurde er mit dem Vaterländischen Verdienstorden der DDR sowie dem Leninorden, der höchsten staatlichen Auszeichnung der Sowjetunion geehrt. Nach dem Ende der DDR wurde er von westdeutschen Gerichten zu einer mehrjährigen Haftstrafe wegen Landesverrats verurteilt. Eine autobiographische Darstellung seines Wirkens hat er 2003 im Sammelband Kundschafter im Westen: Spitzenquellen der DDR-Aufklärung erinnern sich“ veröffentlicht 

 

Position: Was genau waren die Aufgaben der HVA? 

Dieter: In erster Linie den nicht befreundeten Staaten in allen Bereichen auf die Finger zu schauen; also gegnerische Dienste, der Politik, der Wirtschaft, dem Militär und vor allem der Rüstungsindustrie mit all ihren Technologien. Es ging darum alles aufzuklären, was die Staaten des Warschauer Vertrages hätte gefährden können. Aber auch das Retten von Menschenleben gehörte zur Aufgabe der HVA. Sie war beispielsweise federführend in der Organisation der Flucht von vor Folter und Mord fliehenden Menschen aus der, von den USA unterstützten, faschistischen Pinochet-Diktatur in Chile tätig. Hierfür wurden alle Wege bestritten: Über Land, über Luft, über See, mit gefälschten Dokumenten und durch Schmuggelaktivitäten. So konnte die spätere chilenische Präsidentin Michelle Bachelet und deren Eltern, die hoch gefährdete Genossen waren, aus Chile heraus- und in der DDR Exil finden, was wohl zu den wichtigsten Aufgaben der HVA gezählt werden darf. Das alles war natürlich nicht offiziell und streng geheim, weshalb es auch in der offiziellen Außenpolitik der DDR keine Erwähnung fand.  

 

Position: Worin genau unterschieden sich deiner Meinung nach die Ziele der Kundschafter des Friedens von denen des Verfassungsschutzes?

Dieter: Man muss die Beantwortung dieser Frage in Form und Inhalt aufteilen. In der Form bestehen die Aufgaben eines jeden Nachrichtendienstes grundsätzlich in der Absicherung der jeweiligen Herrschaftsform, also dem sogenannten Status Quo. In der politischen Bewertung, also dem Inhalt, muss berücksichtigt werden, dass es sich bei der DDR um einen Staat handelte, der sich die Konsequenz des zweiten Weltkrieges zum Leitmotiv gemacht hat. Unsere Ziele als Kundschafter bestanden aus unserer tiefen Überzeugung, dass wir auf der richtigen Seite gekämpft haben oder aber das wir ein Gespür dafür hatten, wer für Krieg und wer für den Frieden steht.

 

Position: Wofür wurden die Informationen verwendet, die du in Deutschen Rüstungsbetrieben gesammelt hast?  

Dieter: Es ging darum, die Verteidigungsfähigkeiten der Warschauer Staaten zu erhöhen.

 

Position: Ging es der DDR darum, notfalls Verteidigungssysteme der BRD umgehen zu können?  

Dieter: Nein, in keinster Weise. Damit stehe ich als Zeitzeuge zur Verfügung. Ich hatte damals die Möglichkeit einen gewaltigen Karrieresprung im Bereich der Luftverteidigungssysteme hinzulegen, was mir die Aufklärung über den Eurofighter ermöglicht hätte. Der Eurofighter wurde vor allem entwickelt, um eventuell angreifende Flugzeuge abzufangen. Doch ich erhielt klare Befehle, meine berufliche Tätigkeit beim Luftangriffssystem Tornado beizubehalten. Dieses Beispiel zeigt, dass zu keiner Zeit die Absicht bestand, den Westen zu überfallen. Logischerweise hätte man sich sonst an den Bauplänen des Eurofighters bedient.

 

Position: Ging es der HVA denn nicht darum, die BRD zu schwächen und zu sabotieren? 

Dieter: Nein. Im Gegenteil. Frei nach Marx sei dazu gesagt: Eine destabile Situation des Gegners bedeutet immer ein erhöhtes Kriegsrisiko. Dieser Aspekt muss unbedingt dialektisch betrachtet werden, daher war einer der wesentlichen Aufgaben der Außenpolitik der DDR die Förderung der Entspannungspolitik. Manch einer mag das widersprüchlich finden und empfindet beispielsweise den Bau der Berliner Mauer als aggressiven Akt. Die Wahrheit aber brachte der US-Präsident John F. Kennedy auf den Punkt, indem er am 13.08.61 einerseits seinen Urlaub unbehelligt fortsetzte und andererseits die Ereignisse mit den Worten „Eine Mauer ist immer noch besser als ein ein Krieg“ kommentierte.

 

Position: Bereits als Jugendlicher hast du dich in den Dienst der Deutschen Demokratischen Republik gestellt. Warum?

Dieter: Von einer Sache zutiefst überzeugt sein, heißt auch immer nach der höchstmöglichen Effizienz zu streben. Einerseits die Geschichte der illegalen Arbeit und andrerseits die objektiven und subjektiven Voraussetzung die ich mit brachte, führten bei mir zur Erkenntnis, dass wenn alles klappt,ich an entscheidender Stelle mehr bewirken kann, als das Tragen der Roten Fahne am 1. Mai. 

 

Position: Wenn du eine Lüge über das Ministerium für Staatssicherheit aus den Köpfen des Mainstreams treiben könntest, welche wäre das? 

Dieter: Nur eine Lüge? Ich muss hier jetzt etwas abstrakt antworten: In der BRD gibt es eine Fülle von Sauereien. Sklavenhaltung auf niederbayrischen Erdbeerfeldern, Betrugsaffären von Banken die Menschen in Obdachlosigkeit treiben, Pfusch in der Medizin, Verstrickungen zwischen Neonazimorden und dem Verfassungsschutz, man könnte diese Liste unendlich lang weiterführen.  Erstaunlicherweise nimmt die Öffentlichkeit diese Dinge als Individualversagen oder Machenschaften einzelner Unternehmen und Institutionen zur Kenntnis aber eine Gesellschaft in der die Dominanz der privaten Profitlogik abgeschafft wurde, also eine sozialistische, muss offensichtlich für alles herhalten, was im Staate stinkt. Und die Stasi gibt dann den idealen Buhmann dafür ab. 

 

Das Interview führte Domi aus Neumarkt

 

 

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