Sanktionen bei Jugendlichen (POSITION #04/19)

Ausgabe 4/2019, POSITION – Magazin der SDAJ

15 Jahre Hartz IV

Seit 15 Jahren gibt es nun schon die sogenannte „Grundsicherungsleistung“ Hartz IV und die damit verbundenen Sanktionen gegen Betroffene, wenn sie einen Termin nicht wahrnehmen, sich zu spät arbeitslos melden, einer Maßnahme nicht nachkommen oder ein Jobangebot ablehnen. Was viele nicht wissen: Jugendliche unter 25 Jahren werden dabei wesentlich härter sanktioniert. Lehnen diese zum Beispiel eine Maßnahme ab, droht ihnen sofort eine Vollsanktion, sie erhalten dann also gar kein Geld mehr, nicht einmal für die Miete, was von den zuständigen Sachbearbeitern abhängt. Im Jahr 2017 waren monatlich ca. 3500 Jugendliche (auch Minderjährige) von diesen Vollsanktionen betroffen. Wir haben Tobi (22), jemanden der kurz vor so einer Vollsanktion steht, interviewt.


POSITION: Du lebst jetzt seit zwei Jahren von Hartz IV. Was bedeutet das konkret für dich?

Tobi: Das bedeutet, dass mir beispielsweise die Miete für mein WG-Zimmer bezahlt wird und ich monatlich etwas Geld bekomme, wenn ich die Auflagen des Jobcenters erfülle. Nur meine Stromrechnung wird nicht beglichen. Zum Glück haben wir in unserer WG keine Elektroheizung, sonst müsste ich diese Heizung von dem Geld bezahlen, dass ich für Kleidung und Lebensmittel bekomme. Um die Grundsicherung zu erhalten, muss ich zu Terminen erscheinen, mich auf Jobangebote bewerben und auf Maßnahmen gehen, die mir zugeschickt werden.

Was sind das für Maßnahmen, von denen du sprichst?
Tobi: Zum Beispiel musste ich einmal zu mehrwöchigen Kursen mit Bewerbungstrainings, bei denen mir die meiste Zeit irgendwelche sinnlosen Grundschulaufgaben vorgelegt wurden oder in einen Deutschkurs für Geflüchtete gehen. Weil ich mir dafür Krankmeldungen geholt habe und nicht mehr hingegangen bin, wurde ich sanktioniert und habe eine sogenannte „Zuweisung in eine Arbeitsangelegenheit“ erhalten. Das bedeutet, ich muss nun für 0,50 € pro Stunde „Mehraufwandsentschädigung“ für eine GmbH Unkraut zupfen, putzen und eine Minigolfanlage herrichten. Wenn ich das nicht mache, wird mir auch noch meine Miete gestrichen. Ich werde hier quasi unentgeltlich zur Arbeit gezwungen und dachte eigentlich, so etwas gibt es seit 1945 nicht mehr. Dabei möchte ich auch unbedingt arbeiten und schreibe dafür auch unzählige Bewerbungen – aber für 0,50 € Stundenlohn Unkraut zupfen hat mit Arbeiten nicht mehr viel zu tun.

Was bedeutet es, wenn man sanktioniert wird?

Tobi: Normalerweise bekommt jemand mit Hartz IV ja einen bestimmten Geldbetrag, von dem er leben soll. Dieser Betrag wurde penibel zuletzt vom Bundesverfassungsgericht durchgerechnet. Also wie viel Wasser trinkt ein Mensch, was isst er, etc. Anhand dessen wurde dann eine Summe berechnet, ca. 400 Euro. Wenn du sanktioniert wirst, fällst du unter diesen Betrag, der laut Staat die unterste Grenze zum Leben ist. Ich bin aktuell soweit sanktioniert, dass mir nur noch meine Miete bezahlt wird. Zum Leben erhalte ich aktuelle einen 18 Euro Lebensmittelgutschein für Real und dabei habe ich noch Glück: anderswo bekommen Leute einen Gutschein in der gleichen Höhe, müssen aber beim teureren Rewe einkaufen.

Das Interview führte Domi, Neumarkt

 

Dieser Artikel ist aus der aktuellen POSITION, dem Magazin der SDAJ. Du kannst es für 10€ jährlich abonnieren unter position@sdaj.org

SDAJ Aachen
SDAJ Augsburg
SDAJ Berlin
SDAJ Bochum
SDAJ Dortmund
SDAJ Dresden
SDAJ Düsseldorf
SDAJ Essen
SDAJ Frankfurt
SDAJ Gießen
SDAJ Göttingen
SDAJ Hamburg
SDAJ Hannover
SDAJ Kassel
SDAJ Kiel
SDAJ Köln
SDAJ Leipzig
SDAJ Lübeck Süd/Ost-Holstein
SDAJ Mainz
SDAJ Mannheim
SDAJ Marburg
SDAJ München
SDAJ Neumarkt
SDAJ Nürnberg
SDAJ Oldenburg-Bremen
SDAJ Osnabrück
SDAJ Ostwestfalen-Lippe
SDAJ Rostock
SDAJ Schwerin
SDAJ Siegen
SDAJ Solingen
SDAJ Stuttgart
SDAJ Trier
SDAJ Tübingen
SDAJ Ulm
SDAJ Witten
SDAJ Würzburg

POSITION #5/2019

mehr zum Thema

Wir streiken, wenn uns keine Beachtung geschenkt wird (POSITION #05/19)

Wir streiken, wenn uns keine Beachtung geschenkt wird (POSITION #05/19)

Widerstand gegen katastrophale Zustände an Augsburger Schule Die Fachoberschule in Augsburg ist einer der größten Schulen in ganz Schwaben. Das Gebäude betreten jeden Tag um die 2000 Menschen aller Altersstufen. Dennoch ist die Schule ziemlich schlecht aufgestellt....

Marxistischer Spickzettel (POSITION #05/19)

Marxistischer Spickzettel (POSITION #05/19)

Die sogenannte „Soziale Marktwirtschaft“ Ob im SoWi-, Wirtschafts-, oder Politikunterricht: Immer wieder läuft uns der Begriff der „Sozialen Marktwirtschaft“ über den Weg. Voller Begeisterung erzählen uns die Bücher in der Schule genau wiedie Wirtschaftsexperten im...

Likes & Dislikes (POSITION #05/19)

Likes & Dislikes (POSITION #05/19)

Guten Morgen, Du Schöne  „Wir können uns eigentlich nicht wundern, dass in der sozialistischen Gesellschaft Konflikte ans Licht kommen, die jahrzehntelang im Dunkeln schmorten und Menschenleben vergifteten. Konflikte werden uns erst bewusst, wenn wir uns leisten...

Wessen Welt? (POSITION #05/19)

Wessen Welt? (POSITION #05/19)

Erneuter Terroranschlag von Faschisten In Halle gab es den nächsten Terroranschlag von Rechtsextremen. Natürlich waren alles Einzeltäter. Natürlich gab es auch vorher keine Anzeichen, sodass man dieses schreckliche Attentat nicht verhindern konnte. Der...

Lass uns über’s Ficken reden! (POSITION #05/19)

Lass uns über’s Ficken reden! (POSITION #05/19)

Kommentar: Arbeitsbedingungen und sexuelle Unlust Ausbeutung belastet auch das Sexualleben Wenn es um sexuelle Unlust, also das fehlende Verlangen bzw. Bedürfnis nach körperlichem Kontakt geht, müssen zunächst einige Dinge klargestellt werden. So gibt es bspw. eine...

Öffentliche Bildung in privater Hand? (POSITION #05/19)

Öffentliche Bildung in privater Hand? (POSITION #05/19)

Das deutsche Schulsystem wird mehr und mehr privatisiert Wer in einer Familie aufgewachsen ist, die Sozialhilfe empfängt kennt sie vielleicht: Sogenannte „Bildungsgutscheine“. Obwohl laut ‚Bundesagentur für Arbeit‘ in Westdeutschland 13,5 und in Ostdeutschland 18,4...