Warum kämpfe ich und wofür? (POSITION #04/19)

Ausgabe 4/2019, POSITION – Magazin der SDAJ

Ein Interview mit dem Schriftsteller Mesut Bayraktar über die M&R-Künstlerkonferenz 

 

POSITION: Die Podiumsdiskussion, an der du im Rahmen der M&R-Künstlerkonferenz teilgenommen hast, trug den Titel »UTOPIE VON DER FREIHEIT DES MENSCHEN« − REVOLUTIONÄRE KUNST UND KULTUR HEUTE. Könntest du uns kurz erläutern, um welche Fragen sich die Diskussion drehte? 

 Wir haben ausgelotet, wo die Grenzen revolutionärer Kunst und Kultur heute liegen. Gibt es künstlerische Wege der Entgrenzung, die die Utopie von der Freiheit des Menschen vorscheinen lassen? Wenn du mich fragst, gibt es sie. Sonst wüsste ich nicht, warum ich schreibe. Die Widersprüchlichkeit des Kapitalismus heißt ja nichts anderes, als dass der Kapitalismus sich permanent selbst in Frage stellt, wie Krebs, der den Körper tötet, von dem er lebt. Die künstlerische Aufgabe liegt heute darin, die Brüchigkeit des Bestehenden erfahrbar zu machen. Literatur kann Sprache für die arbeitenden Klassen produzieren, denen die Ausdrucksmittel entzogen werden. Dort ist ein ungeheuerliches Ausdrucksbedürfnis zu finden.  

 

Wie groß war die Beteiligung junger Leute an der Konferenz? Denkst du, dass die Inhalte der Diskussion oder der Konferenz allgemein auch sie angesprochen haben? 

 Gering. Das lag auch daran, dass gleichzeitig das Festival der Jugend stattfand. Die Konferenz hat mich angesprochen, warum also nicht auch andere junge Menschen? In der Kunst findet der Mensch Geschmack an Menschlichkeit und über Kunst wurde viel geredet. Wenn heute jemand Menschlichkeit sucht, dann sind es die jungen Leute, von denen viele, eben weil sie nicht fündig werden, dieses Bedürfnis in Drogen, in der Kulturindustrie, im falschen Leben ertränken.  

 

Viele junge Leute leiden unter dem Druck und Stress in der Schule, auf der Arbeit oder anderswo, überall müssen wir gegen Angriffe auf unsere Rechte kämpfen. Warum denkst du, dass die Beschäftigung mit Themen wie denen auf der Künstlerkonferenz trotzdem wichtig ist? 

 Weil der Mensch in der Poesie und Kunst zu sich kommt, um zu fragen: Warum kämpfe ich und wofür? Noch nie begann eine Revolution ohne revolutionäre Inspiration, die ihr Mut gegeben hat, zur Tat zu schreiten. Der Klassenkämpfer kann nicht leben, ohne sich ein Bild von dem zu machen, was er tut, durch wie viel Grauen er watet und wie viele Wunden sein Körper vernarbt. Junge Leute müssen lernen, diesen Druck und Stress zu einer persönlichen Sache zu machen. Literatur schürt Zweifel an der Verzweiflung. Sie befreit von Einsamkeit. Ohne Konfrontation durch Kultur kann sich der Geschlagene nicht zur Wehr setzen. In der »Ästhetik des Widerstands« schreibt Peter Weiss: „Die Phantasie lebte, so lange der Mensch lebte, der sich zur Wehr setzte.“ Die jungen Leute brauchen Phantasie, um ihre Peiniger klug bekämpfen zu können. 

 

Das Interview führte Daniel, Trier 

 Mesut Bayraktar (29) studiert Philosophie in Stuttgart. Er ist Schriftsteller, Redakteur der Literaturzeitschrift „Nous.“ und schreibt u.a. für die „Melodie & Rhythmus“. 

 

Dieser Artikel ist aus der aktuellen POSITION, dem Magazin der SDAJ. Du kannst es für 10€ jährlich abonnieren unter position@sdaj.org

SDAJ Aachen
SDAJ Augsburg
SDAJ Berlin
SDAJ Bochum
SDAJ Dortmund
SDAJ Dresden
SDAJ Düsseldorf
SDAJ Essen
SDAJ Frankfurt
SDAJ Gießen
SDAJ Göttingen
SDAJ Hamburg
SDAJ Hannover
SDAJ Kassel
SDAJ Kiel
SDAJ Köln
SDAJ Leipzig
SDAJ Lübeck Süd/Ost-Holstein
SDAJ Mainz
SDAJ Mannheim
SDAJ Marburg
SDAJ München
SDAJ Neumarkt
SDAJ Nürnberg
SDAJ Oldenburg-Bremen
SDAJ Osnabrück
SDAJ Ostwestfalen-Lippe
SDAJ Rostock
SDAJ Schwerin
SDAJ Siegen
SDAJ Solingen
SDAJ Stuttgart
SDAJ Trier
SDAJ Tübingen
SDAJ Ulm
SDAJ Witten
SDAJ Würzburg

POSITION #5/2019

mehr zum Thema

Wir streiken, wenn uns keine Beachtung geschenkt wird (POSITION #05/19)

Wir streiken, wenn uns keine Beachtung geschenkt wird (POSITION #05/19)

Widerstand gegen katastrophale Zustände an Augsburger Schule Die Fachoberschule in Augsburg ist einer der größten Schulen in ganz Schwaben. Das Gebäude betreten jeden Tag um die 2000 Menschen aller Altersstufen. Dennoch ist die Schule ziemlich schlecht aufgestellt....

Marxistischer Spickzettel (POSITION #05/19)

Marxistischer Spickzettel (POSITION #05/19)

Die sogenannte „Soziale Marktwirtschaft“ Ob im SoWi-, Wirtschafts-, oder Politikunterricht: Immer wieder läuft uns der Begriff der „Sozialen Marktwirtschaft“ über den Weg. Voller Begeisterung erzählen uns die Bücher in der Schule genau wiedie Wirtschaftsexperten im...

Likes & Dislikes (POSITION #05/19)

Likes & Dislikes (POSITION #05/19)

Guten Morgen, Du Schöne  „Wir können uns eigentlich nicht wundern, dass in der sozialistischen Gesellschaft Konflikte ans Licht kommen, die jahrzehntelang im Dunkeln schmorten und Menschenleben vergifteten. Konflikte werden uns erst bewusst, wenn wir uns leisten...

Wessen Welt? (POSITION #05/19)

Wessen Welt? (POSITION #05/19)

Erneuter Terroranschlag von Faschisten In Halle gab es den nächsten Terroranschlag von Rechtsextremen. Natürlich waren alles Einzeltäter. Natürlich gab es auch vorher keine Anzeichen, sodass man dieses schreckliche Attentat nicht verhindern konnte. Der...

Lass uns über’s Ficken reden! (POSITION #05/19)

Lass uns über’s Ficken reden! (POSITION #05/19)

Kommentar: Arbeitsbedingungen und sexuelle Unlust Ausbeutung belastet auch das Sexualleben Wenn es um sexuelle Unlust, also das fehlende Verlangen bzw. Bedürfnis nach körperlichem Kontakt geht, müssen zunächst einige Dinge klargestellt werden. So gibt es bspw. eine...

Öffentliche Bildung in privater Hand? (POSITION #05/19)

Öffentliche Bildung in privater Hand? (POSITION #05/19)

Das deutsche Schulsystem wird mehr und mehr privatisiert Wer in einer Familie aufgewachsen ist, die Sozialhilfe empfängt kennt sie vielleicht: Sogenannte „Bildungsgutscheine“. Obwohl laut ‚Bundesagentur für Arbeit‘ in Westdeutschland 13,5 und in Ostdeutschland 18,4...