Interview: Die Novemberrevolution und ihre Auswirkungen auf Betriebe und Schulen (POSITION #4/18)

WIE HAT SICH DIE NOVEMBERREVOLUTION AUF DIE ARBEITERINNEN UND SCHÜLERINNEN AUSGEWIRKT? WIR HABEN UNS MIT LARA AUS DER SCHÜLI-AG UND FLO AUS DER BETRIEBS- UND GEWERKSCHAFTSPOLITISCHEN AG DER SDAJ UNTERHALTEN.

POSITION: WELCHE VERÄNDERUNGEN HABEN SICH DIE ARBEITERINNEN IN DER NOVEMBERREVOLUTION FÜR IHRE ARBEITSBEDINGUNGEN ERKÄMPFT?
Flo: Die Revolution hat die deutschen Kapitalisten in Panik versetzt und sie dazu gebracht, das Stinnes-Legien-Abkommen einzugehen. Die dahinterstehende Überlegung lässt sich vereinfacht gesagt so beschreiben: „Ihr bekämpft mit uns die Roten, dafür stimmen wir einigen eurer Forderungen zu!“ Zu nennen sind hier die Einführung des 8 Stundentages, Anerkennung der Gewerkschaften, Einführung von Tarifverträgen und betrieblicher Interessenvertretung (Arbeiterausschuss). Auch wurden in der Folge eine ganze Reihe von Sozialgesetzen erlassen, etwa die Einführung einer Arbeitslosenversicherung, Ausbau der Krankenversicherung oder der Erlass des sog. Betriebsrätegesetz. Trotzdem muss uns bewusst sein zu diesen Zugeständnissen waren die Kapitalisten nur bereit, um ihre Macht zu sichern und die Ausbeutung der Arbeiter auch weiterhin aufrechtzuerhalten.

 

STINNES-LEGIEN-ABKOMMEN Carl Legien: SPD-Funktionär und Vorsitzender der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands
Hugo Stinnes: Industriebesitzer aus dem Ruhrgebiet, der in den 1910er und 1920er Jahren ein großer Monopolist im Metallbereich war, dessen Gesamtunternehmen aber die Hyperinflation der 20er nicht überlebt hat
Im Stinnes-Legien-Abkommen besiegelten Gewerkschaftsvertreter um Karl Legien das Bündnis der Kapitalistenklasse mit der rechten Sozialdemokratie gegen die sozialistische Revolution. Die beteiligten Kapitalisten waren etwa Alfred Hugenberg, Carl Friedrich von Siemens und der namensgebende Hugo Stinnes.

HAT DIE NOVEMBERREVOLUTION AUCH VERÄNDERUNGEN IN DEN SCHULEN BEWIRKT?
Lara: Durchaus! Im Rahmen der Kämpfe der Novemberrevolution wurden beispielsweise die Vorschulen abgeschafft. Das waren richtig teure Privatschulen, auf denen Kinder reicher Eltern auf das Gymnasium vorbereitet wurden. Das war also ein Erfolg im Kampf gegen die Spaltung der Schülerschaft durch Mehrgliedrigkeit. Ein anderes Beispiel ist die Einführung auf ein Recht auf kostenfreie Bildung, die auch mit einer Einführung der Schulpflicht einherging. Schulpflicht klingt ja immer erstmal doof. Allerdings ist es schon ein Unterschied, ob nur diejenigen Bildung bekommen, deren Eltern die Kohle dafür haben, oder ob jedem die Möglichkeit zugesprochen wird, zumindest ein Minimum an Bildung zu bekommen

 

IHR BEIDE HABT BENANNT, WELCHE VERBESSERUNGEN DIE NOVEMBERREVOLUTION FÜR DIE ARBEITERINNEN UND SCHÜLERINNEN BRACHTE. WIE HABEN SICH DIESE VERBESSERUNGEN ENTWICKELT? GIBT ES SIE AUCH HEUTE NOCH?
Flo: Schon direkt nach Ende der Revolution greifen die Kapitalisten die Inhalte des Stinnes-Legien-Abkommens massiv an und kämpfen auch in der Weimarer Republik mit aller Härte gegen jede Errungenschaft der arbeitenden Klasse. So gestattete die Arbeitszeitverordnung vom 21. Dezember 1923 neben dem Achtstundentag auch den 10 Stundentag. In der Arbeitszeitverordnung von 1938 werden die Mitbestimmungsrechte der Betriebsvertretungen beseitigt. Konsequenterweise sind es Kapitalisten wie der oben erwähnte Alfred Hugenberg, die in der Folge auf eine neue Interessenvertretung setzen: auf die Faschisten. Sie beseitigten dann alle erkämpften Errungenschaften und zerschlugen sowohl Gewerkschaften und Arbeiterparteien. Nach 1945 müssen diese Errungenschaften neu erkämpft werden. Gleichzeitig hat ein anderer Bestandteil aus dem Stinnes-Legien-Abkommen aber überlebt und wir müssen uns heute noch mit ihm auseinandersetzen: die sogenannte Sozialpartnerschaft, also die Idee, dass es ein Bündnis von Kapital und Arbeit geben könnte. Gerade die Erfahrungen der Novemberrevolution sollten verdeutlichen, dass die Kapitalisten uns immer nur so viel zugestehen wie sie es müssen. Jede Errungenschaft kann wieder in Frage gestellt werden. Nur wenn wir sie enteignen und die arbeitenden Menschen selbst die Macht in ihren Händen haben, können wir das verhindern. Aktuell gibt es insbesondere verstärkt Angriffe auf den 10- bzw. 8-Stunden-Tag. Österreich hat mit seinem Vorstoß, den 12-Stunden-Tag wieder einzuführen, diese Debatte auch in Deutschland neu entfacht und es gibt einige Politiker, die das nun auch fordern Diese Angriffe müssen wir abwehren.

Lara: Ich würde sagen: Jein. Zum Glück ist es immer noch so, dass es ein Recht darauf gibt, eine gewisse Zeit lang eine Schule zu besuchen. Man erkennt aber schon einen Trend zur Re-Privatisierung. Auch wenn der Besuch der Schule an sich kostenlos ist, sind die Begleitkosten immens hoch. Von Kleinkram wie Hefte und Schnellhefter über Bücher- und Kopiergeld bis hin zu Mensapreisen (eine kostenlose Verpflegung gibt es ja an Schulen nicht). Abgesehen von diesen Kostenfaktoren findet die „Elite“-Bildung immer mehr im privat finanzierten Bereich statt. Privatschulen nehmen immer mehr zu und es ist ein Trend zu beobachten, dass nicht mehr Gymnasien die Institutionen der höheren Bildung sind, sondern eben Privatschulen. Diese Entwicklungen sind ein gutes Beispiel dafür, dass keine unserer Rechte unangegriffen bleiben.

 

WAS KÖNNEN WIR AUS DER NOVEMBERREVOLUTION FÜR UNSERE HEUTIGE ARBEIT IN DER SCHULE BZW. IM BETRIEB LERNEN?
Flo: Erst einmal, dass sich Bewusstsein relativ schnell verändern kann. Vergessen wir nicht, dass am Anfang des Weltkrieges die absolute Mehrheit der deutschen Sozialdemokratie und der Gewerkschaften den Krieg befürwortet hatte. Nur wenige Jahre später haben es trotz des Festhaltens der Führungen dieser Organisationen Arbeiter und Soldaten selbst in die Hand genommen, den Krieg zu beenden. Ebenso können wir aus den Erfahrungen mitnehmen, dass gewerkschaftliche Organisierung alleine nicht ausreicht – das Fehlen einer klassenbewussten Arbeiterpartei bzw. ihre sehr späte Gründung als KPD war eine der Gründe für die Möglichkeit der Niederschlagung der Revolution. Aber auch wie wichtig es ist, die Kolleginnen und Kollegen selbst entscheiden zu lassen. Durch sie verwirklicht in Form der Arbeiter- und Soldatenräte erklärt sich auch ein Teil ihrer Mobilisierungskraft und sie zeigt bereits in die Zukunft über die kapitalistische Gesellschaft hinaus.

Lara: Das lässt sich größtenteils auch auf die Arbeit an den Schulen übertragen. Wichtig ist es vor allem, dass wir nur organisiert gewinnen können. Außerdem müssen wir uns immer im Klaren sein, dass uns Verbesserungen nicht geschenkt werden, sondern dass wir sie uns gemeinsam erkämpfen müssen. Diese Verbesserungen werden immer Angriffen ausgesetzt sein, die wir abwehren werden müssen.

[Das Interview führte Anki, Nürnberg]
_____
Dieser Artikel ist aus der aktuellen POSITION, dem Magazin der SDAJ. Du kannst es für 10€ jährlich abonnieren unter position@sdaj.org