Barrieren für das gemeinsame Lernen aus dem Weg räumen

Wie ist es, an einer Schule zu sein, die sich selbst als inklusiv bezeichnet? Um das zu erfahren haben wir mit Paul aus Kassel gesprochen. Er geht in die 10. Klasse an der offenen Schule Waldau (OSW).

POSITION: Was genau bedeutet es, wenn sich deine Schule als „inklusiv“ bezeichnet?
Paul: Konkret heißt das, es gibt in jedem Jahrgang eine Klasse, in der auch 1-3 SchülerInnen mit Beeinträchtigungen, körperlicher oder geistiger Art, unterrichtet werden. Dort gibt es dann eine zusätzliche Lehrkraft für diese SchülerInnen und, wenn der Bedarf dafür gegeben ist, auch noch zusätzliche Alltagsbegleiter, die den entsprechenden Schülerinnen zur Seite stehen. Letztendlich ist es dann so, dass die SchülerInnen mit Beeinträchtigung zwar mit in der Klasse sitzen, aber unterschiedliche Aufgaben bearbeiten, eben die, die sie bewältigen können.

Quelle: Wikimedia

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POSITION: Wie wird dieses Schulmodell angenommen? Wie ist die Stimmung unter den SchülerInnen?
Paul: Naja, es ist verschieden. Es gibt SchülerInnen mit Einschränkungen, die relativ gut sozial anerkannt sind. Es gibt aber auch SchülerInnen, da merkt man, dass sich nicht genug gekümmert wird, dass sie nicht richtig aufgenommen werden. Es funktioniert eben nach dem Prinzip: entweder es klappt mit dem sozialen Anschluss oder nicht. Im schlimmsten Fall geht das bis hin zu Mobbing. Und gegengesteuert wird auch nicht groß. Die Lehrer kriegen oft nichts mit und die Alltagsbegleiter sind ja auch nicht immer da. Und in der SchülerInnenvertretung (SV) sind die SchülerInnen mit Beeinträchtigung auch nicht vertreten.

POSITION: Wird der Titel „ inklusive Schule“ auch zur Außerdarstellung, als Werbung für die Schule genutzt?
Paul: Klar, die Schule wirbt schon damit. Die OSW ist eine staatliche Schule, eine integrierte Gesamtschule, und außerdem Versuchsschule des Landes Hessen, darüber wird das Alles finanziert und deshalb geht das. Ich denke, für die Eltern, die sich über verschieden Schulen informieren, spielt es schon eine Rolle wenn sie lesen, dass hier Inklusion betrieben wird. Das klingt erst mal gut.

POSITION: Und funktioniert es? Wird der Vorsatz der Inklusion deiner Meinung nach richtig umgesetzt?
Paul: Eigentlich nicht. So, wie unser Schulsystem ist, mit all dem Stress und Lerndruck, ist es ja schon für Menschen ohne Beeinträchtigung nicht immer leicht. Gerade im sozialen Bereich läuft dann oft einiges schief. Inklusion kann nicht funktionieren, wenn alles auf Konkurrenz angelegt ist. Dann ist es doch klar, dass es meistens zum Schaden der Schwächeren geht und das sind dann eben die SchülerInnen mit Beeinträchtigungen. Auch die Art, wie gelernt wird, ist nicht gerade hilfreich. Momentan ist das klassischer Frontalunterricht, bei dem die SchülerInnen mit Beeinträchtigung mit drin sitzen. Trotz zusätzlicher Unterstützung müssen sie andere Aufgaben bekommen, weil sie sonst nicht mitkommen. Es ist ein Problem, dass der Unterricht so gestaltet ist, dass viel Förderung notwendig ist, um ihm folgen zu können. Und das betrifft nicht nur die SchülerInnen mit einer Behinderung. Es wird hier der zweite Schritt vor dem ersten gemacht: es werden einfach alle gemeinsam in eine Klasse gesetzt und dann wird gehofft, dass schon alles gut wird. So ist das aber doch kein gemeinsames Lernen. Man könnte und müsste viel mehr in Richtung Projektarbeit und kleineren Arbeitsgruppen gehen, dann können wir alle auch voneinander lernen.

POSITION: Und warum wird das nicht gemacht?
Paul: So einfach würde das auch nicht gleich funktionieren. Als allererstes müssten Schritte gegangen werden, um die Klassengemeinschaft zu stärken. Das, was es da bisher gibt, das reicht einfach nicht. Keine gemeinsamen Projekte, keine Diskussionen zum Thema Inklusion oder Behinderung. Das ist ja auch nicht Teil des Konzeptes. Es soll ja eben explizit nicht versucht werden SchülerInnen mit Beeinträchtigung durch eine Sonderbehandlung zu integrieren, sondern sie als etwas ganz Normales, Selbstverständliches anzunehmen. Doch nur, weil man sich das so überlegt, funktioniert es nicht automatisch. Niemand kommt aus einem luftleeren Raum in die Schule. Auch meine MitschülerInnen und ich haben schon Vorurteile gehört und bringen gewisse Einstellungen mit. Und die sind eben nicht immer: Klar, Behinderung ist ganz normal. Es sollte deshalb Zeit für die Klassengemeinschaft geben, um einander kennen zu lernen. Und wenn das geschafft ist, wenn auch Vorurteile überwunden sind, dann kann man wirklich gemeinsam Lernen. Doch das ist im aktuellen Schulsystem, auch an unserer Schule, nicht vorgesehen.

Das Interview führte Tatjana, Rostock

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POSITION #2/2016
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POSITION #5/2019

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