Karibik Feelings, oder: wie aus Haiti das gemacht wurde, was es heute ist

veröffentlicht am: 9 Apr, 2011

Bild: UNDP/Logan Abassi (CC BY 2.0)

Haiti ist ein bemerkenswerter Fleck auf der Erde. Bemerkenswert arm, aber auch mit einer bemerkenswerten Geschichte. Bleiben wir kurz bei der Armut. Bestandsaufnahme: keine Industrie – check. Unterernährung – check; Analphabetenquote bei 50 Prozent, Bürgerkrieg, check-check. Kommen wir zur Geschichte des Landes und vielleicht wissen wir dann auch mehr, wo das ganze Elend so herkommt.

Nach der französischen Revolution kam es auch auf Haiti zu Aufständen. Die Sklaven hatten die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte ernster genommen als es angedacht war und so wollten auch sie eine Republik einrichten. Es kam, wie es kommen musste: Frankreich schickte Truppen und ein blutiger Bürgerkrieg entbrannte. Revolution ist halt kein Deckchensticken. Weil aber die Kolonialherrschaft schwach war, konnten die Franzosen vertrieben, die Sklaverei für abgeschafft und Haiti 1804 endgültig für unabhängig erklärt werden. Damit war Haiti nicht nur eine der ersten Republiken in der Region, es war auch die erste schwarze, ehemalige Sklavenrepublik.

Dass das nicht ging, war den Herren dieser Welt schon damals genauso klar wie heute. Daher geriet Haiti unter massivem internationalen Druck, dem es nur durch Anbindung an Frankreich entkam – also durch Zahlung ungeheuerer Entschädigungssummen versteht sich. Damit wären wir beim Anfang der Verschuldung, die zur derzeitigen Armut Haitis führte. Es begann eine verheerende Entwicklung, die man allgemein „Integration in den Weltmarkt“ nennt. Statt Aufbau der Republik musste der Schuldenberg abgestottert werden. Dafür braucht man Geld, und um da dranzukommen, verkauft man Rohstoffe, die woanders weiterverarbeitet werden und in der Regel nur dort die Leute reich werden lässt. Außerdem nimmt man Kredite auf, und presst mit Steuern aus der eigenen Bevölkerung heraus, was so geht. Dass auf dieser Basis dann nichts mehr geht, liegt auf der Hand. Das interessierte auch keinen, außer die Imperialisten sorgen sich mal um die eigene Sicherheit, dann rückten die USA gleich mit Militär ein oder installierten einen Diktator. Elend ja, aber bitte möglichst ruhig, hieß die Devise.

Und in genau diesem abgewirtschafteten Staat passiert im Januar 2010 ein furchtbares Unglück: Ein Erdbeben. Und plötzlich sind die kapitalistischen Staaten wieder da. Kommen mit Geld und der ganzen Kriegsmaschinerie, die sich schließlich auch eignet, in Katastrophengebieten für Ordnung zu sorgen. Ist das alles Menschenfreundlichkeit? Wohl eher nicht. Wie unser Gang durch die traurige Geschichte der Insel gezeigt hat, ist Haiti jedem westlichen Staat herzlich egal, solange es sich nur an die Regeln hält, kein zweites Cuba wird und auch sonst nicht aufmuckt. Und dazu fließen jetzt eben auch Spendengelder. Und um das ganze abzusichern, schicken die USA eben nicht nur Sanitätssoldaten, sondern besetzten den Flughafen und fahren mit dem Flugzeugträger vor, statt mit dem Lazarettschiff. Da wird wieder deutlich, dass sich die Politik gegenüber Haiti nicht verändert hat.

Carlos, Hamburg

Dieser Artikel erschien in POSITION – Magazin der SDAJ #3/2010.

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