„Fremd im eigenen Viertel“ – Der Kampf um Giesing

1860-Fans gegen Gentrification in Giesing

Die SDAJ ist aktiv gegen Verdrängungsprozesse im Münchener Stadtteil Giesing. Ein Interview mit Chris von der Münchener Ost-Gruppe.

POSITION: Worin äußert sich in Giesing die sog. Gentrifizierung?

Chris: Wir sind seit längerem in Giesing aktiv. In dieser Arbeit und in den Gesprächen mit den Leuten im Viertel haben wir bemerkt, dass sich unser Viertel sehr stark verändert. Giesing ist heute nicht mehr das urige Arbeiterviertel, als das wir es kennen.

Der Bäcker um die Ecke ist plötzlich geschlossen, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte. Hier gibt es viele Altbauten, die in den letzten Jahren saniert wurden. Da ziehen jetzt Architekturbüros und trendige Läden ein. Wir selbst haben in unserer WG einen Brief der Hausverwaltung bekommen – die wollen die Miete um 20% erhöhen, ohne ersichtlichen Grund. Früher gab es hier viele kleine Kneipen. Die machen jetzt reihenweise zu. Und stattdessen machen teure Szene-Bars auf. Da läuft dann Lounge-Musik und es gibt nur Cocktails. Also, das Leben hier wird immer teurer, so dass die alteingesessenen Bewohner einfach verdrängt werden. Sie müssen in andere Läden gehen, in andere Kneipen, und am Ende müssen sie einfach umziehen. Da ändert sich auch die ganze Lebensart, man wird fremd im eigenen Viertel.

POSITION: Und die Stadtverwaltung? Schaut die einfach zu?

Chris: Noch schlimmer, die Politik der Stadtverwaltung unterstützt die Verdrängung. Es gibt einige ganz gezielte städtebauliche Maßnahmen, die das Viertel aufwerten sollen. Das Problem ist aber, dass genau dadurch die Mieten immer weiter steigen. Das ließe sich natürlich ganz einfach vermeiden, wenn die Stadt München zumindest einen Teil der Gebäude selbst kaufen und vermieten würde – dann könnte sie die Mieten stabil halten. Aber die Stadt kümmert sich lieber darum, dass die Unternehmen Profite machen.

POSITION: Darum geht es also – um Profite?

Chris: Ja. Das Geschäft, das man mit einer Kneipe machen kann, ist vielleicht nicht so groß – aber hier geht es im Grunde genommen um alle Kneipen, Läden und Wohnungen im Viertel. Man kann sich das so vorstellen: Zuerst werden die Häuser saniert – natürlich auch ein Geschäft für die Baufirmen. Und dann werden die Wohnungen, Läden usw. entweder viel teurer vermietet oder sie werden verkauft. Das ist natürlich stark vereinfacht, aber das ist der Kern der Gentrifizierung. Und das heißt: Solange Wohnraum einfach gekauft und verkauft werden kann, solange entscheidet der Markt darüber, wie unser Viertel aussieht und ob wir dort leben können. Das ist eben Kapitalismus.

POSITION: Aber bei euch gibt es ja auch Gegenwehr…

Chris: Von der Gentrifizierung sind bei uns beinahe alle betroffen, mehr oder weniger stark. Die Leute sind unzufrieden mit dem, was hier passiert. Viele haben den Prozess schon längst bemerkt, sie wissen aber einfach nicht, wie sie sich wehren können.

Es gibt jedoch schon einige Ansätze von Widerstand. Um den Kampf gegen Gentrifizierung aufzunehmen, hat sich die „Aktionsgruppe Untergiesing“ gegründet. Diese Gruppe macht zum Beispiel Sprayaktionen, um die Bewohner des Viertels für das Thema der Verdrängung zu sensibilisieren. Und es gibt die Initiative „Rettet die Birkenau!“, die dagegen kämpft, dass zwei denkmalgeschützte Häuser abgerissen werden, um Luxusappartements zu bauen.

POSITION: Es tut sich also etwas in eurem Viertel. Was macht ihr als SDAJ-Gruppe, um den Widerstand zu stärken?

Chris: Oft fehlen konkrete Ansatzpunkte, um Widerstand gegen die Gentrifizierung zu leisten. Das wollen wir als SDAJ natürlich ändern, und zwar auf zwei Ebenen: Zum einen wollen wir dazu beitragen, dass die Menschen verstehen, dass die Gentrifizierung letztlich nur eine Auswirkung der Aktivitäten von Unternehmen und ihren politischen Vertretern ist. Wir werben also für klassenkämpferische Positionen. Zum anderen wollen wir natürlich dazu beitragen, dass die unterschiedlichen Gruppen und Einzelpersonen gemeinsam aktiv werden. Wir haben im letzten Jahr eine Podiumsdiskussion organisiert, bei der es darum ging, was Gentrifizierung ist und wie man sich wehren kann. Diskutiert haben der Wissenschaftler Andrej Holm und Vertreter von verschiedenen Gruppen und Initiativen. Da waren ungefähr 200 Leute da, im Saal herrschte eine regelrechte Aufbruchsstimmung. Nach dieser Podiumsdiskussion haben wir ein Bündnis gebildet, in dem neben der SDAJ auch die Aktionsgruppe Untergiesing und „Rettet die Birkenau!“ vertreten sind. Wir haben gemeinsam schon die ersten Aktionen gemacht.

Und wir haben die Zeitung „Unser Viertel“ initiiert, auch wenn das keine SDAJ-Zeitung ist. Wir geben sie gemeinsam mit der Aktionsgruppe Untergiesing heraus, aber wir rufen jeden und jede im Viertel auf, selbst Artikel zu schreiben. Das funktioniert teilweise schon, wir bekommen Leserbriefe, aber auch andere Beiträge. Die Zeitung kommt ziemlich gut an, wir kommen mit vielen Leuten ins Gespräch. Und natürlich schreiben wir nicht nur über Gentrifizierung, sondern auch über Rassismus im Viertel, über die Polizeistrategie vor Ort oder über teure Kindergartenplätze. Mit dieser Zeitung wollen wir dem Widerstand eine Plattform geben.

Unsere Gruppe hat sich in diesen Aktivitäten weiterentwickelt, auch wenn es natürlich noch Schwächen und Probleme gibt. In der nächsten Zeit geht es für uns unter anderem darum, dass wir unsere Arbeit im Bündnis mehr mit eigenständigen Aktionen der SDAJ-Gruppe verbinden. Aber im Rahmen der Strike-Back-Kampagne gibt es da viele Möglichkeiten…

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