Der marxistische Spickzettel

veröffentlicht am: 17 Apr, 2020

Goethes „Faust“- mehr als nur konservative Bildungsikone

Das in über 35 Jahren Arbeit entstandene Drama „Faust I“ handelt vom Gelehrten Heinrich Faust, der, verzweifelt über die ausbleibende Befriedigung seines Verlangens zu erkennen „was die Welt/ Im Innersten zusammenhält“ einen Pakt mit einem Teufel schließt. In der Folge der Ereignisse verliebt Faust sich in die Kleinbürgerin Margarete (also known as „Gretchen“), die von ihm schwanger wird und geprägt durch ihr fundamentalistisch-christliches, kleinbürgerliches Umfeld sich gezwungen sieht, ihr Kind umzubringen, und dafür hingerichtet wird.

Oder um es mit Brecht kurz zu machen: „Im Grunde genommen ist es die Liebesgeschichte eines Intellektuellen mit einer Kleinbürgerin. Das muss ja mit dem Teufel zugegangen sein.“

Vor dem Hintergrund von Goethes Zeit ist das Werk als aufklärerische,  humanistische Kritik am Irrationalismus und der Rückwärtsgewandtheit sowohl des Kleinbürgertums als auch von Teilen der Intelligenz zu verstehen. Sie beide wenden sich in scheinbar ausweglosen Situationen den reaktionären Elementen, also dem Teufel Mephisto auf der einen, dem herrschaftssichernden Christentum des ausgehenden Feudalismus auf der anderen Seite, zu. Da wo das kritische Hinterfragen und der Wille zur Erkennbarkeit der Welt wegfallen, beginnt im „Faust“ der tragische Teil.

Faust im historischen Kontext

Spannend ist jedoch auch der historische Umgang mit Faust. So wurde er zur Zeit des Faschismus in Deutschland radikal umgedeutet. Heinrich sei dabei der tragische, deutsche Held, wohingegen Mephisto wahlweise Agent der bolschewistischen oder jüdischen Weltverschwörung sei und den tugendhaften Faust zum Fall bringe. Auch prägte in dieser Zeit Schauspieler Gustaf Gründgens die wohl bekannteste deutsche „Faust“-Inszenierung, die 1960 in relativer Kontinuität zur Darstellung des Faust zu Zeiten des Faschismus verfilmt wurde. Alles, was von dieser Art der Inszenierung abwich wurde heftig kritisiert, vor allem wenn es aus der DDR kam. Ein Beispiel dafür ist eine Faust-Aufführung mit Ernst Busch als Mephisto, die vom SPD nahen Vorwärts-Verlag 1955 als Ergebnis der „ostzonalen Hexenküche“ und ihrer Weltanschauung bemäkelt wurde.

Das zeigt auch den Unterschied zur Rezeption im Sozialismus: Wo man im Westen vordergründig immer um eine „unpolitische“ Aufführung in Verbindung mit einer Vergötterung Goethes und seiner „unverfälschten Worte“ bemüht war, ging es im fortschrittlichen Deutschland darum, dass auch Kunst nicht statisch und losgelöst von Geschichte existiert. So hat man die fortschrittlichen Elemente des Stücks vorangestellt, namentlich das humanistische Menschenbild, eine frühe dialektische Weltsicht, die Religionskritik und auch die Darstellung der Klassenwidersprüche im Faust.

Dialektik, Klassen, das passt alles nicht in den westdeutschen, konservativen „Faust“, der, vermeintlich unpolitisch und längst zur nationalen Bildungsikone ausgehöhlt, gut ein wenig Widerspruch im Klassenzimmer ertragen kann.

Max, Köln

 

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