Lass uns über’s Ficken reden! (POSITION #05/19)

Kommentar: Arbeitsbedingungen und sexuelle Unlust

Ausbeutung belastet auch das Sexualleben

Wenn es um sexuelle Unlust, also das fehlende Verlangen bzw. Bedürfnis nach körperlichem Kontakt geht, müssen zunächst einige Dinge klargestellt werden. So gibt es bspw. eine amerikanische Studie, nach der jede zweite Frau zwischen 18 und 59 Jahren an krankhaftem „Mangel an sexuellem Verlangen“ leidet. Da sich aber nicht sagen lässt, wieviel an sexueller Lust „gesund“ ist oder wie häufig ein Mensch Sex haben sollte, sind Statistiken hierüber mit großer Vorsicht zu behandeln. Leicht werden patriarchale Stereotype von der Frau, die ihren Mann sexuell zu befriedigen hat, reproduziert. Umgekehrt gilt das gleiche natürlich auch für die sexuelle Lust des Mannes, der einem weitverbreiteten Klischee nach doch eigentlich „immer können“ sollte. Unzufriedenheit über die Häufigkeit und Intensität der eigenen Erregung kann also auf falschen „Idealbildern“ beruhen. Dennoch legen Studien nahe, dass auch andere gesellschaftliche Einflüsse die Lust verringern und das Sexualleben stark belasten, allen voran: Stress. Zwei von drei Deutschen fühlen sich im Job gestresst. Viele berufstätige Frauen sind immer noch doppelt belastet, weil sie sich zusätzlich um Kindererziehung, die Pflege von Verwandten oder den Haushalt kümmern müssen. Steigender Leistungsdruck, der für viele schon in der Schule beginnt, ist auch im Arbeitsleben zu beobachten: Mehr als die Hälfte der Beschäftigten gibt an, häufig oder sehr häufig gehetzt zu arbeiten, mehr als 60% sagen, dass sie „seit Jahren immer mehr in der gleichen Zeit leisten“ müssten.

Die Unfähigkeit, zu entspannen

Wer nicht richtig abschalten kann, weil der Chef erwartet, am Abend bereits den kommenden Arbeitstag zu planen oder die Aufgabenbelastung so hoch ist, dass man jedes Mal mit der Frage nach Hause geht, wie das alles noch zu schaffen ist, kann sich nur schwer entspannen. Aber Entspannung, das Loslassen belastender Gedanken, ist Bedingung dafür, sich auf den bzw. die PartnerIn einlassen zu können und damit Lust am und auf Sex zu haben. Innere Unruhe blockiert die Hormonausschüttung genauso wie ein Gefühl des „Ausgelaugtseins“, der „Leere“, das insbesondere nach körperlich harter oder monotoner Arbeit eintritt. Sicher ist es richtig, an einem bestimmten Punkt, nachdem die Situation mit dem bzw. der PartnerIn ausführlich besprochen wurde, ärztliche Hilfe einzuholen, doch ohne die Änderung der Arbeitssituation stoßen viele Behandlungsmethoden schnell an ihre Grenzen. Und Jobwechsel, Reduzierung der Arbeitszeit oder -intensität können sich viele nicht leisten bzw. durchsetzen. Dabei kann sich der Teufelskreis sogar so ausweiten, dass das unbefriedigende Sexualleben wiederum psychische Probleme hervorruft oder verstärkt, die eine Ausübung des Berufs unmöglich machen und so die Gesamtsituation noch schwieriger wird. Im Ergebnis bedeutet dies, dass es auch um ein erfüllendes Sexualleben Willen wichtig ist, für eine Arbeitszeitreduzierung bei vollem Lohnausgleich, soziale Absicherung und Mitbestimmung beim Arbeitsumfang zu kämpfen.

Daniel, Trier

Drei intime Fragen an…

Askim (30) ist eine lesbische Frau. Wir haben nachgefragt, wie sich ihr Sexualleben gestaltet.

 

POSITION: Wirst/ Wurdest du in deinem Leben schon diskriminiert? Insbesondere weil du eine homosexuelle Frau bist?

Askim: Ja, ständig. Mobbing in der Schule aufgrund meiner Sexualität waren Alltag. Zu den vielen Sprüchen wie “Du hast noch nicht den richtigen Mann gefunden” oder “Das ist doch nur eine Phase” kann ich mittlerweile gut kontern. Aggressive Diskriminierung geht meist von der toxischen Männlichkeit aus. Da bekommt man schon so Sprüche wie “Du musst doch nur mal richtig durchgefickt werden” bis hin zu Vergewaltigungsdrohungen. In einer patriarchalischen Gesellschaft lässt die bloße Existenz einer Liebes- und/oder Sexualbeziehung ohne Penis das vorherrschende Weltbild ins Wanken geraten und wird deshalb mit großer Aggressivität begegnet. Die Bilder, von einem lesbischen Paar die in einem Londoner Bus brutalst verprügelt wurden, gingen in den sozialen Medien viral.


Wie hast du Sex und schützt du dich dabei?

Askim: Das Problem ist, dass der einzig wahre Sex als “Penis in Vagina” definiert wird. Deshalb sind viele Menschen sehr verwirrt und können sich Sex ohne Penis nicht vorstellen. Die Möglichkeiten beim lesbischen Sex unterscheiden sich kaum von den Möglichkeiten heterosexueller Paare. Ob Oral, Finger oder Spielzeug, allein die Unterschiedlichkeit der Genitalien bietet verschiedene Spielräume bei lesbischem oder heterosexuellem Sex. Leider wird zu lesbischem SaferSex sehr wenig geforscht. Es gibt die sogenannten “Lecktücher” (dental dam), die beim Oralverkehr über die Vulva gelegt werden können. Allerdings wurde zur Sicherheit von den Tüchern nicht bei weitem so viel geforscht und getestet, wie es bei Kondomen der Fall ist. Bei einem ONS schütze ich mich immer oder praktiziere die risikoreicheren Sexualpraktiken nicht. Derzeit schütze ich mich nicht, da ich in einer langjähren Beziehung bin.

Hast und benutzt du Sexspielzeug?

Askim: Ja, allerdings kommt das nicht so häufig zum Einsatz und wenn, dann als Abwechslung beim Sex. Und unter Sexspielzeug darf man sich nicht immer nur den Dildo vorstellen. Viele Sexspielzeuge stimulieren die Klitoris, der „Satisfyer“ zum Beispiel durch Druckwellen.

Das Interview führte

Davy, Halle

 

 

 

Tabuthema – Nachgefragt: Sexdauer 

Dieses Mal fragt Alex, 18: Ich habe das Gefühl, dass ich beim Sex nicht lange genug durchhalte Wie lange dauert Sex eigentlich? Muss ich mir Sorgen machen, wenn er bei mir kürzer ist? Und gibt es Tricks, damit ich länger kann? 

Wie lange dauert wohl Sex? So richtiger Sex; mit Penis in Scheide…, denn für andere Arten von Sex gibt es keine Studien, weder für anale Penetration, noch für Stimulation ohne Penisse. Wie viel Zeit man sich vor zwischen und nach dem Sex fürs Streicheln, Saugen, Küssen, Reden, Kitzeln, Schlagen, Kratzen, Lecken, Kuscheln oder Lachen lässt, wird weder abgefragt noch verglichen. Auch wenn der Quickie immer mal wieder hoch im Kurs steht, ist es für die meisten schon wichtig, dass der/die Andere sich Zeit für einen nimmt. Da kommt es aber auf die Zeit insgesamt an, nicht in erster Linie um den reinen (Vaginal-) Verkehr. Was den angeht, gibt es, laut Studien, schon konkrete Vorstellungen: Mindestens 7-13 Minuten und nicht länger als eine halbe Stunde soll er sein. Die Deutschen denken, dass es bei ihnen im Schnitt 16 Minuten sind. Das stimmt nicht. Misst man nach dauert die reine Penetration, je nach Studie, nur zwischen 3 und 5 Minuten.  So richtig unzufrieden sind wir damit aber auch nicht. Ergo: unsere Wahrnehmungen und Wünsche können und dürfen gerne weiter von den jeweiligen Realitäten abweichen. 

Wünscht man sich doch mal längeren Sex, kann man(n) schon was machen: Im Großen und Ganzen hilft es die Reibung der Eichel zu reduzieren, z.B. durch Gleitgel. Auch kann man den Penis weniger weit zurückziehen: kleinere aber tiefe Stöße stimulieren sie oft ähnlich stark und ihn oft weniger intensiv. Für einen Orgasmus ist es hilfreich alle möglichen Muskeln anzuspannen – Muskeln in Beinen, Po und Oberkörper weitestgehend zu entspannen, wirkt daher gegen frühe Orgasmen beim Mann. 

„Zu früh“ kommen ist übrigens auch eher was Subjektives. Männer mit der Diagnose ejaculatio praecox haben im Schnitt 2:32 Minuten Sex; die Kontrollgruppe auch nur 3:02 Minuten. Nur sehr wenige kommen regelmäßig nach wenigen Sekunden. Hier gibt es auch Medikamente, die mit Diagnose vom Urologen verschrieben werden können. Es ist also wirklich nicht nötig, sich selbst den Sex durch blöde Gedanken zu verderben. 

Wir sprechen mit Fred, der sich in seinem Studium der sozialen Arbeit auf Sexualität und Geschlechtlichkeit konzentriert hat und in verschiedenen Einrichtungen als Sexualpädagoge gearbeitet hat.

 

 

 

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