Völkermord in Leningrad (POSITION #02/19)…

Völkermord in Leningrad (POSITION #02/19)
KOMMENTAR: VOR 75 JAHREN ENDETE DIE BELAGERUNG DER STADT, DIE HITLER “DEM ERDBODEN GLEICHMACHEN” WOLLTE. DARAN ZU ERINNERN, PASST DEN HERRSCHENDEN NICHT.

Der rechte Historiker Jörg Baberowski wird in den bürgerlichen Medien gerne zitiert, wenn es um die Geschichte der ehemaligen sozialistischen Staaten Europas geht. Er sagte in einer ZDF-Dokureihe über den Völkermord – den vor allem von der deutschen Wehrmacht ausgeführt wurde – Stalin hätte die Menschen in Leningrad währen der Blockade durch die deutsche Wehrmacht verhungern lassen.

In Zeiten anwachsender anti-russischer Stimmungsmache ist Baberowski mit seiner Verdrehung der historischen Täterrolle nicht alleine. So fragte nun zum Jahrestag der Befreiung Leningrads Silke Bigalke in der Süddeutschen Zeitung, „ob die Katastrophe hätte verhindert werden können. Ob Stalin diese Menschenleben fast ebenso leichtfertig zu opfern bereit war, wie es seine Gegner waren.“. Eine Begründung für diese Frage nennt sie nicht, eine klare Antwort auch nicht.

Mal eben wird gefragt, ob das Land, welches die größten Opfer im Kampf gegen den deutschen Faschismus im zweiten Weltkrieg geleistet hat, den Krieg gegen sich nicht doch selbst geführt hätte. Mal eben wird darüber geredet, ob nicht die Stadtverwaltung Leningrads Schuld daran sei, dass während der jahrelangen Belagerung der so viele Menschen verhungert sind.

Historisches Gedenken an dieses Kriegsverbrechen bedeutet daran zu erinnern, dass der Kessel durch die Besatzungstruppen und die Vernichtungsphantasien der deutschen faschistischen Führung den Mord an über einer Millionen EinwohnerInnen und VerteidigerInnen Leningrads zu verantworten hat. Doch das Gedenken an den Krieg gegen die Sowjetunion mitsamt der Lehre „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus“ passt nicht in die bundesdeutsche Erinnerungspolitik. Bereits vor drei Jahren, zum Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion, schwieg die deutsche Bundesregierung und wollte sich nicht vor den 27 Millionen sowjetischen Kriegstoten verneigen. Stattdessen schrieben die deutschen Leitmedien über heute angeblich notwendige Winterbekleidung für deutsche Soldaten an der „Ostfront“. Selbst der ehemalige Leiter der jährlichen NATO-Kriegskonferenz (auch „Münchner Sicherheitskonferenz“ genannt) Horst Teltschik spricht von einer militärischen Einweisung Russlands und warnt vor weiteren Provokationen. Mit einem Rest historischen Bewusstseins mahnt er: „Deutsche Truppen stehen heute in Litauen an der Grenze zu Russland! Sind wir uns dessen wirklich bewusst?”

Die anti-russischen NATO-Staaten geben zusammen 900 Milliarden für Rüstung aus. Das ist die Hälfte aller Rüstungsausgaben weltweit. Zum Vergleich: Russlands Rüstungsausgaben liegen aktuell bei knapp 66 Milliarden. Der deutsche Anteil dagegen liegt mit aktuell 1,2 % des BIPs bei ca. 44 Milliarden US-Dollar. Geplant ist eine Aufrüstung auf volle 2 %. Gepaart mit der neuen Rolle Deutschlands innerhalb der NATO gehört die Bundeswehr zu den wichtigsten NATO-Truppen. Ein Blick in die europäische Geschichte zeigt, wie gefährlich diese Entwicklung ist. Statt nun auch noch den deutschen Völkermord an Millionen Sowjetbürgern fälschlicherweise „den Russen“ in die Schuhe zu schieben, sollten wir Lehren aus der Geschichte ziehen. Eine davon lautet: Frieden mit Russland!

[Mark, München]
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Dieser Artikel erschien in
POSITION #2/2019
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