Working Whistleblower (POSITION #01/19)…

Working Whistleblower (POSITION #01/19)
WIR ERKLÄREN DIR NICHTS! WARUM KANNST DU NICHTS?

Mireille (21) macht eine Ausbildung zur Hotelfachfrau

„Wir behandeln unsere Azubis fair“ heißt es in der Werbung meines Betriebs. Doch schon im ersten Lehrjahr habe ich mitbekommen, wie das in der Realität aussieht. Ich erinnere mich gut daran, wie eine Kollegin mir auf eine Frage antwortete, dass sie mir gleich eine mitgibt. Sie war Mitte 50 und hatte kein Verständnis dafür, dass ich Kritik an der Ausbildung hatte. Wenn sie zu bestimmten Sachen in unserer Arbeit gefragt habe, antwortete sie meist mit Sprüchen wie „Weil wir das seit 30 Jahren so machen“ oder „Frage nicht, mach lieber deine Arbeit“. Doch diese Arbeit ist an vielen Punkten eine Zumutung. Zwar prahlt mein Unternehmen damit, dass die Arbeitszeit von uns ordentlich erfasst wird. Doch auf meinem Stundenzettel werden meine Überstunden nicht aufgeschrieben. Meine Minusstunden hingegen schon. Dass ich in der Ausbildung gar keine Überstunden machen darf, interessiert das Unternehmen nicht, mein Dienst dauert jeden Tag ungefähr eine dreiviertel Stunde länger als ausgemacht. Und dann gibt’s noch Dienste von 12 Uhr mittags bis 10 Uhr abends und zwar ohne eine einzige Pause. Eigentlich bin ich hier ja keine Arbeitskraft, sondern eine Auszubildende. Doch in meiner Arbeit wird nichts erklärt und ich lerne nichts. Stattdessen sind wir überwiegend am Kellnern oder am Gäste betreuen. Hier bekommen wir hin und wieder ein bisschen Trinkgeld zugesteckt, doch ein wirklicher Trost ist das nicht. Nach zweieinhalb Jahren in der Ausbildung habe ich ganze 428 Euro Trinkgeld zusammengespart. Wenn ich das mit dem Trinkgeld meiner KollegInnen in meiner Berufsschulklasse vergleiche ist das nichts! Genauso wie meine Ausbildung.“

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Dieser Artikel erschien in
POSITION #1/2019
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