Erst kommt das Fressen, dann die Moral (POSITION #01/19)…

Ausgabe 1/2019, POSITION – Magazin der SDAJ

Erst kommt das Fressen, dann die Moral (POSITION #01/19)
LIKES-EXTRA: DIE VERFILMUNG VON BERT BRECHTS „DREIGROSCHENOPER”

Als Bert Brecht und Kurt Weill ihre Dreigroschenoper im Jahr 1928 in Berlin aufführen, brachten sie das erfolgreichste Theater bis zum Machtantritt der Nazis auf die Bühne. Warner Brothers und Tobis sicherten sich die Filmrechte und wollten Brechts Erfolg im Kino kommerzialisieren. Doch damit alles rund lief, schlossen die Filmproduzenten den Kommunisten Brecht von seinem eigenen Werk aus. Er sollte weder beim Drehbuch noch bei anderen Fragen mitreden dürfen, da er dem Film eine „ausgesprochen politische Tendenz“ verpassen wollte. Eigentlich nicht verwunderlich, schließlich hat das ganze Werk von Brecht eine ausgesprochen politische Tendenz.

MEHR ALS EINE GESCHICHTE
Was damals versäumt wurde, hat Joachim A. Lang mit einem „Macki Messer –Brechts Dreigroschenfilm“ nachgeholt. Der Film, der letztes Jahr in einigen Programmkinos lief bringt das Brecht’sche Theater auf die moderne Kinoleinwand. Doch nicht nur die Geschichte der Dreigroschenoper wird erzählt, auch die Geschichte von der ersten Verfilmung und Brechts Prozess gegen die Kinoproduzenten. Doch anders als zum Beispiel in der Verfilmung von Ginsbergs „Howl“, in der auch das Werk und der Gerichtsprozess um das Werk verfilmt wurden, werden die beiden Handlungen zur Dreigroschenoper miteinander erzählt. Brechts Leben, der Prozess im Gerichtssaal und die Dreigroschenoper auf der Bühne verschwimmen zu einem einzigen Erzählstrang, die Moral der Geschichte wird in der historischen Handlung erzählt, die Huren und Zuhälter bestimmen nicht nur die Unterwelt auf der Bühne. Regisseur Lang erzählt die Geschichten verständlich und bringt den Zuschauern Bert Brecht nahe, ohne dass diese sich vorher mit ihm auseinandergesetzt haben müssen. Lediglich die alte Sprache und die theaterartigen Szenen-Wechsel erfordern, sich auf die Handlung zu konzentrieren oder den Film danach mit Freunden zu diskutieren. Das ist aber auch eine der Stärken des Films: Erkenntnisse werden nicht vorgekaut, doch die Interpretationsmöglichkeiten sind nicht beliebig.

HOCHPOLITISCH UND AKTUELL
Nur ein Fakt wird komplett ausgelassen: Die Kommunisten werden im Film nur mit einer roten Fahne symbolisiert, aber nie beim Namen genannt.Vielleicht steckt dahinter der gleiche Mechanismus, wie beim Film „Pride“ (2014), in dem die kommunistische Aktivität der Hauptfigur nicht benannt wurde, um den Film trotzdem auf den Kinomarkt werfen zu können. Trotzdem hat der Film eine ausgesprochen politische Tendenz: Wer genau hinschaut wird aktuelle Fragen entdecken. Zum Beispiel ob die erstarkende Gruppe an AfD-Supportern nur dumme Kälber oder aber verlogene Henker sind. Außerdem ob der Faschismus eine Bedrohung für die Ordnung der Herrschenden ist oder ihr letzter Ausweg um ihre Herrschaft zu erhalten? So oder so gab es selten eine so eingängige Darstellung des Faschismus als terroristische Diktatur der aggressivsten Teile des Finanzkapitals.Durch die Handlung zieht sich außerdem ein roter Faden: Die Kritik der Spießermoral und die Entlarvung der Doppelmoral der Herrschenden. Gepaart mit der authentischen Musik von Max Raabe und mit der tollen Aufmachung und Besetzung ist der Film unbedingt sehenswert. Robert Stadlober glänzt in seiner Darstellung des Kurt Weill und Lars Eidinger verwandelt sich in einen überzeugenden Bert Brecht –und bleibt kein als Brecht verkleideter Charakterschauspieler.

[Mark, München]
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POSITION #1/2019
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