„Dein Geld regiert die Welt!“ (POSITION #5/18)…

„Dein Geld regiert die Welt!“ (POSITION #5/18)
KRITIK DER KONSUMKRITIK – EIN KOMMENTAR.

Meine Freundin Anni* trinkt ihr Wasser aus der Glasflasche und lässt sich einen Coffee-to-go in ihren eigenen Becher füllen. Merten wäscht seine Wäsche neuerdings mit einer Waschkugel. Die hält bis zu fünf Jahre und ersetzt das Waschmittel. Das beinhaltet nämlich dieses Mikroplastik von dem neuerdings alle reden und verursacht viel Verpackungsmüll der am Ende in den Meeren landet. Lucas und Anna beziehen eine Grüne Kiste. Ein Landwirt aus der Region liefert ihnen damit regionales und saisonales Gemüse und Obst vor die Haustür. Lotte isst nur noch vegan, wegen der leidenden Tiere, der geschädigten Umwelt und der vielen Antibiotika in den Tierprodukten, die sie ihrem Körper nicht zuführen will. Fatih bittet darum, dass Freunde, die seinem Neugeborenen etwas zum Anziehen schenken wollen, darauf achten, dass die Sachen aus Bio-Baumwolle und ohne Kinderarbeit produziert worden sind. Lorenz sagt, dass er dieses Jahr nicht mehr ins Flugzeug steigen wird. Das nächste Mal, wenn er zu Besuch kommt, fährt er lieber 12 Stunden Zug. Nuri hat jetzt ein Fairphone, darin werden keine Metalle oder Rohstoffe verbaut, die zur Finanzierung von Bürgerkriegen beitragen. Carla hat ihr Konto bei der Deutschen Bank gekündigt und eines bei der GLS-Bank eröffnet. Die investieren nämlich nur in sinnvolle Projekte statt in Rüstung und Krieg.
Meine Freunde haben alle irgendwie recht. Sie erkennen, dass in dieser Welt ziemlich viel Scheiße passiert und wollen dabei nicht tatenlos zugucken. Was sie tun, nennt sich kritischer Konsum. Dahinter steckt die Vorstellung, das eigene Konsumverhalten nach möglichst ethischen, sozialen und ökologischen Kriterien auszurichten, um damit Wirtschaft und Politik zu beeinflussen. Oder zumindest nicht selber zu noch mehr Schaden beizutragen. Viele dieser Lösungen kosten mehr Zeit und manchmal auch mehr Geld. Ist es das wert und was verändern wir damit?

RUNDUM VERSORGT
Anfang Mai hatten die Deutschen die ihnen zustehenden natürlich verfügbaren Ressourcen für das Jahr 2018 bereits aufgebraucht. Würde die gesamte Weltbevölkerung so leben wie wir, bräuchte es drei Erden, um alle zu versorgen. Das ergaben Berechnungen des Global Footprint Network. „Dein Geld regiert die Welt!“ ist die Antwort der Theoretiker der Konsumkritik auf dieses Problem. Sie basiert – wie bspw. bei dem Ökonomen Niko Paech – auf der Annahme, unsere Gesellschaft leide an einer „wattierten Nonstop-Rundumversorgung“ und müsse nur lernen, sich zurückzunehmen. Was das für die Länder des globalen Südens bedeutet, die grade erst dabei sind, sich mühsam dem Lebensstandard anzunähern, der in den Ländern gelebt wird die sie unterdrücken oder unterdrückt haben, bleibt dabei unklar. Zudem scheint es, als vergäße Niko Paech, dass die Umweltschädlichkeit des eigenen Verhaltens und Konsums auch in unserer ach so weit entwickelten Gesellschaft maßgeblich von den individuellen finanziellen Mitteln abhängt. Die Ärmsten haben den kleinsten ökologischen Fußabdruck. Sie fliegen nicht, sie fahren kein Auto, sie kaufen sich nicht jedes Jahr ein neues Handy. Aber sie werden dafür kritisiert, dass ihr weniges Geld nicht in den Biosupermärkten verprassen und ihre T-Shirts nicht beim lokalen Bio-Fairtrade Klamottenlabel kaufen. Keine Frage: wir alle könnten Kleinigkeiten in unserem Alltag verändern, damit wir nicht noch mehr zur Vernichtung der Umwelt beitragen. In der Konsumkritik wird nur leider viel zu oft vergessen, dass wir und unser individueller Konsum gar nicht den größten Beitrag zu diesem Schaden leisten. Denn seien wir mal ehrlich: Ich kann gar nicht so viele Jutebeutel und Glasflaschen mit mir rumtragen, wie es bräuchte, um der Umweltverschmutzung entgegenzuwirken, die dadurch entsteht, dass die Industrie ihren Müll in die Gewässer kippt. Der dadurch entstandene Müllteppich im Nordpazifik, der Great Pacific Garbage Patch ist mit 1,6 Millionen Quadratkilometer vier Mal so groß wie die Fläche von Deutschland. Dieser Müll kommt zwar auch – aber nicht maßgeblich – von den vier Plastikstrohhalmen, die ich im Jahr verbrauche. Er kommt viel eher aus den Staaten, in denen bspw. deutsche Unternehmen billig für sich produzieren lassen. Zuhause polieren sie ihre Klimabilanzen für das Marketing auf und woanders in der Welt nehmen sie die massenhafte Produktion von Müll in Kauf, ohne dass es dort angemessene Entsorgungsstrukturen gäbe.

VERÄNDERUNG BEWIRKT
Mit dem Boykott ist es ein bisschen so wie mit dem Streik. Er kann helfen und ist manchmal sogar notwendig, um an einer bestimmten Stelle die Situation zu verbessern. Das Konsumverhalten der Deutschen hat sich in den letzten Jahren verändert, nicht zuletzt wegen der Konsumkritik. Sie sind bereit mehr Geld für vermeintlich nachhaltige Produkte auszugeben. Der Effekt ist einerseits, dass sich das positiv auf die Umwelt und in einigen Fällen sogar auf die Arbeitsbedingungen der Produzenten auswirkt. Der Effekt des Boykotts ist andererseits, dass einige Unternehmen sich genötigt fühlen, nachhaltige Produkte anzubieten oder ihre Produktionspraktiken umzustellen aus Angst vor einem Imageschaden. Aber nicht etwa, weil sie jetzt plötzlich für Nachhaltigkeit eintreten. Sondern weil sie sonst ihre Zielgruppe verlieren würden. Oder aber weil sie eine Zielgruppe gewinnen wollen, die bereit ist, mehr Geld zu zahlen. Sie gehorchen den Gesetzen des Kapitalismus. Sie tun alles, um nicht der Konkurrenz gegen die anderen Unternehmen zu unterliegen.

GEWISSEN BERUHIGT
Man könnte denken, man würde durch den kritischen Konsum wenigstens nicht noch mehr Schaden anrichten. Tatsächlich bewegt man die Konzerne dazu, Produkte zur Befriedigung dieser neuen, nachhaltigen, grünen, ethisch korrekten Bedürfnisse zu entwickeln und zu verkaufen. Hat man diese Produkte ist man zufrieden. Man stabilisiert das System. Und vor allem macht man es alleine. Privat. Unorganisiert. Und mit gutem Gewissen. Die Probleme, vor denen wir in der Umweltpolitik stehen sind jedoch solche, die wir nur bewältigen können, wenn wir die herrschende Produktionsweise überwinden. Solange Unternehmen immer nur das machen was ihnen Profit bringt, weil sie sonst pleite gehen würden, werden sie die Umwelt zerstören. Erst wenn die Produktion daran gemessen wird, was gut für Mensch und Natur ist, wird sich das ändern und das ist im Kapitalismus unmöglich.

KAMPF ANGESAGT
Wir sollten jeden unterstützen, der erkannt hat, dass es so nicht weiter gehen kann. Wenn dazu der erste Schritt der Jutebeutel oder der Mehrwegbecher sind, dann ist das auch erstmal unterstützenswert. Wichtig ist nur, nicht im kritischen Konsum stehen zu bleiben, sondern stattdessen zum kämpferischen Handeln überzugehen. Denn solange der Kapitalismus nicht überwunden ist, sind alle Waren kapitalistisch produziert, auch der Mehrwegbecher und der Jutebeutel.

[Paula, Berlin]
* Die Geschichten meiner Freunde sind alle echt, ihre Namen nicht.

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Dieser Artikel erschien in
POSITION #5/2018
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