Mensch und Natur im Kampf gegen die Multis (POSITION #05/18)

Wie die Großkonzerne unsere Welt vergiften am Beispiel des Nigerdeltas und Shell

Der Fluss schillert in allen Regenbogenfarben, während die Pflanzenwelt der Böschung rabenschwarz und abgestorben ist. Ein schwerer Ölgeruch liegt ständig in der Luft. An einigen Stellen besteht der Fluss nicht mehr aus Wasser, sondern nur noch aus Öl. Es handelt sich hierbei um das Nigerdelta, eine Region in Nigeria (Westafrika), in der der Fluss Niger in das Meer mündet. Seit Jahrzenten ist das Nigerdelta eine einzige Ölkatastrophe.

Wie kam es dazu?

Es gab eine Zeit im Nigerdelta, in der die Natur dort noch intakt war. Die Fischer konnten im Fluss für Nahrung für ihre Familien finden, man konnte dort baden oder auch einfach nur die Natur genießen. Doch dann wurde in der Region Erdöl gefunden – und damit wurden Ölgiganten wie Shell angelockt. So begann Shell 1956 mit der Erdölförderung. Mittlerweile liegen über 7000 km Pipelines im Nigerdelta, um das Öl zu befördern. Nahezu ständig läuft dabei auch Öl aus, sodass Millionen Tonnen Öl in den Fluss fließen. Eine regelmäßige Wartung der Rohre findet nicht statt und gefundene Öllecks werden wochen- und sogar monatelang nicht repariert. So kommt es zu täglichen Ölkatastrophen, die aber niemanden außerhalb Nigerias interessieren. Schließlich ist es viel spannender für die Medien, wenn durch ein einzelnes Ereignis eine Ölkatastrophe verursacht wird, wie etwa im Golf von Mexiko 2010, als wenn durch nicht ausreichend gewartete Rohre Tag für Tag, Jahrzehnt für Jahrzehnt, Öl in die Natur fließt.

Die Folgen für die Bewohner

Unter der Zerstörung des Ökosystems im Nigerdelta leiden vor allem die Bewohner, die am Fluss wohnen. Deren Lebenserwartung ist um 10 Jahre gesunken. Der Fluss war schon immer lebenswichtig für die Bevölkerung, doch nun ist das Wasser durch das Öl vergiftet. Die Menschen brauchen weiterhin Wasser zum Trinken, um sich zu waschen oder ihr Geschirr abzuspülen. Das alles müssen sie nun mit dem verpesteten Wasser machen. Wer das Glück hat, einen Fisch im Niger zu fangen, kann bei dessen Verzehr das Kerosin herausschmecken. Die Alternative: Hungern. Die Wälder um den Fluss herum sind von dem Öl verseucht und sterben ab, sodass auch deren Holz nicht mehr zum Bauen verwendet werden kann. Wenn das so weiter geht, werden nach und nach die Dörfer um den Niger herum aussterben.

Was hat Nigeria von der Ölförderung?

Als in den 1950ern das Erdöl im Nigerdelta gefunden wurde, war die Begeisterung groß: man erhoffte sich, dass dadurch das Land Niger erblühen würde. Doch falsch gedacht: heute ist Nigeria ärmer als in den 1960ern. Die Analphabetenrate liegt bei etwa 40 %, die Infrastruktur ist sehr schlecht und der Staat ist hoch verschuldet. Zwar kommen die Einnahmen des Staates Nigeria zu 80 % aus der Erdölproduktion, davon kommt aber nichts bei der Bevölkerung an. Die korrupte Regierung macht mit den Ölkonzernen gemeinsame Sache und kommt der Ölindustrie damit mehr entgegen als ihrer Bevölkerung. Nigeria ist so zwar der größte Ölproduzent Afrikas, seine Bevölkerung bekommt davon aber nichts zu spüren. Shell macht derweil enorme Gewinne durch das Erdöl.

Illegale Ölraffinerien für die Nigerianer

Das Erdöl ist in Nigeria für die Bewohner zu teuer, sodass ihnen selbst der Treibstoff fehlt. Deswegen gibt es versteckt in den Wäldern des Nigerdeltas von Nigerianern betriebene illegale Ölraffinerien. Diese sind so unsicher gebaut, dass jederzeit ein großes Feuer ausbrechen oder Explosionen entstehen können. Die verzweifelten Arbeiter gehen aber dieses lebensgefährliche Risiko ein, um überleben zu können. Sie zapfen hierfür von den Pipelines Öl ab, um es weiterverarbeiten zu können. Shell wirft ihnen deswegen vor, für 90 % des Öls im Nigerdelta verantwortlich zu sein und hat so die Sündenböcke für das eigenes Versagen gefunden. Denn darum dass die Pipelines nicht gewartet werden muss sich der Konzern so nicht kümmern.

Der Kampf um die Lebensgrundlagen

Im Nigerdelta gibt es auch Leute, die Widerstand gegen die Ölkonzerne leisten. Sie wollen ihre Familien und deren Lebensgrundlage, den Niger, schützen. Dazu greifen sie in ihrer Verzweiflung auch zu rabiaten Methoden. Täglich gibt es Entführungen, z.B. auch von Mitarbeitern der Ölkonzerne sowie Schießereien. Das hat die nigerianische Regierung dazu veranlasst, eine Spezialeinheit der Armee zum Schutz der Ölkonzerne zu bilden. Diese hat beispielsweise die Aufgabe, Vertreter und Mitarbeiter sicher zu eskortieren. Anstatt sich um die Belange der Bevölkerung zu kümmern, werden also die Interessen der Ölkonzerne geschützt. Mal wieder.

Der Kampf gegen Shell

Gegen Shell auf juristischem Wege vorzugehen ist wenig aussichtsreich. In Nigeria dauert ein Prozess mindesten zehn bis 15 Jahre, sodass die Kläger meistens vorher aufgeben. Daher hat Shell bisher auch kaum Entschädigungszahlungen erbracht und lässt die Betroffen mit den Schäden allein. Der Konzern kümmert sich erst recht nicht um die Säuberung des Flusses, die dieser bitter nötig hätte.

Wie die Großkonzerne unsere Welt vergiften

Das Nigerdelta ist nur eines von unzähligen Beispielen, wie unsere Umwelt für die Interessen der Großkonzerne zerstört wird. Es ist dabei egal, in welcher Region man sich dabei befindet – in allen kapitalistischen Gebieten finden sich solche Beispiele, etwa in Europa (siehe Kasten zur Dieselaffäre) oder in Amerika (siehe Kasten zu Peru). Wenn wir die Umwelt retten wollen, müssen wir etwas gegen diese systematische Zerstörung der Großkonzerne tun – und das geht nur, indem wir den Kapitalismus überwinden und selbst bestimmen, wie wir produzieren wollen.

[Anki, Nürnberg]

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Dieser Artikel erschien in
POSITION #5/2018
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