Raus aus der Volksgemeinschaft…

veröffentlicht am: 6 Aug, 2018

Raus aus der Volksgemeinschaft
Der Fall des Profi-Fußballers Mesut Özil

Mesut Özil war ein Star. Er war Nationalspieler des Jahres 2011, 2012, 2013, 2015, 2016 und bekam den Integrationsbambi 2010. Nun ist er gefallen und zurückgetreten. Denn ein Foto von ihm mit dem türkischen Präsidenten Erdogan machte seine Beliebtheit zunichte. Das Treffen mit dem Diktator wurde scharf in der Öffentlichkeit kritisiert. Als dann die deutsche Fußballmannschaft mit einem Vorrundenaus in der WM eine historische Niederlage erlitt, war die Karriere von Özil endgültig vorbei.
Ein Sündenbock musste her und die Wahl fiel auf Özil, den illoyalen Türken, denn Deutscher war er jetzt auf einmal nicht mehr. Özil erging es wie so vielen Fußballern mit Migrationshintergrund: Wenn sie gut spielen und sich korrekt verhalten sind sie Helden und Teil der Nation, wenn es mal nicht gut läuft, dann wars das und sie sind wieder die Migranten, Ausländer, Schwarzköpfe und Kanaken.

Die Doppelmoral hinter der Aufregung
Sicherlich, Özil ist keiner von uns, er ist ein Millionär. An seinen Treffen mit Erdogan gibt es nichts schönzureden. Özil traf sich bereits mehrmals mit Erdogan (2011, 2012, 2016), doch damals interessierte das schlichtweg niemanden. Dass jetzt ausgerechnet Vertreter des DFB oder der Bundesregierung die Moralkeule schwingen ist zynisch.
Fotos mit Erdogan sind für die Bundesregierung Peanuts. Merkel und Co. spielen in einer ganz anderen Liga: Politische Unterstützung für Erdogan, Verfolgung türkischer Oppositioneller in Deutschland oder Waffendeals. Auch Tausend Treffen zwischen Özil und Erdogan können nicht das Leid hervorbringen, das deutsche Panzer in Afrin und Flüchtlingsdeals zwischen deutscher und türkischen Regierung verursachen.

Gescheiterte Integration?
Auch der DFB ist keine moralische Instanz. Weltmeisterschaft 2022 im Sklavenhalterstaat Katar und ein Präsidenten Reinhard Grindel, der zuvor für die CDU im Bundestag saß. Özil hält ihm entgegen: „Von ihnen, Herr Grindel, bin ich enttäuscht, aber nicht überrascht. Als Sie 2004 im Bundestag saßen, behaupteten Sie, dass ‚Mulit-Kulti ein Mythos und eine Lebenslüge ist‘, während Sie gegen die doppelte Staatsbürgerschaft stimmten sowie gegen Strafe wegen Bestechung. Außerdem sagten Sie, dass die islamische Kultur in vielen deutschen Städten zu sehr Wurzeln geschlagen habe.“
Im Falle Özil sind es letztlich die gleichen Spaltungsmechanismen die uns und unsere migrantischen KollegInnen und MitschülerInnen immer wieder aufs Neue betreffen. Özil ist weniger ein bedauernswerter Einzelfall, sondern viel mehr Sinnbild für die heutigen Verhältnisse und den in Deutschland herrschenden Alltagsrassismus.

Gemeinsam gegen Rassismus
Dieser Rassismus, der in Deutsche und Ausländer einteilt und gegeneinander ausspielt sowie die Integration für tot erklärt hat, ist nicht neu und er ist auch seit mehreren Jahren bestens etabliert. Den Anfang machte 2010 ein Thilo Sarrazin (SPD) mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“. Sarrazins Thesen sind längst im Mainstream angekommen und sie bestimmen heutzutage in weiten Teilen die politische Diskussion.
Diese Hetze gilt es zu brechen, denn egal ob man seit einer oder zwanzig Generationen in Deutschland lebt: Mit seinen KollegInnen hat man weit mehr gemeinsame Interessen als man es mit den Herrschenden je haben könnte.

Leo und Mark, München

Dieser Text erschien in der aktuellen Ausgabe der Position dem Verbandsmagazin der SDAJ.

Source

Dieser Artikel erschien in
POSITION #3/2018
Im Archiv ansehen »
SDAJ Aachen
SDAJ Augsburg
SDAJ Bamberg
SDAJ Barsbüttel
SDAJ Berlin
SDAJ Blankenfelde-Mahlow
SDAJ Bochum
SDAJ Bonn
SDAJ Bremen-Oldenburg
SDAJ Cottbus
SDAJ Dresden
SDAJ Düsseldorf
SDAJ Essen
SDAJ Frankenberg
SDAJ Frankfurt
SDAJ Freiburg
SDAJ Gießen
SDAJ Göttingen
SDAJ Hamburg
SDAJ Hannover
SDAJ Karlsruhe
SDAJ Kassel
SDAJ Kiel
SDAJ Köln
SDAJ Landau
SDAJ Leipzig
SDAJ Limburg-Weilburg
SDAJ Lübeck Süd/Ost-Holstein
SDAJ Mainz
SDAJ Mannheim
SDAJ Marburg
SDAJ Mu?nster
SDAJ München
SDAJ Neumarkt
SDAJ Neuss
SDAJ Nürnberg
SDAJ Osnabrück
SDAJ Ostwestfalen-Lippe
SDAJ Rostock
SDAJ Schwerin
SDAJ Siegen
SDAJ Solingen
SDAJ Stralsund
SDAJ Stuttgart
SDAJ Trier
SDAJ Tübingen
SDAJ Ulm
SDAJ Witten
SDAJ Würzburg

POSITION #5/2019

mehr zum Thema

Die Legende vom „importierten Antisemitismus“

Die Legende vom „importierten Antisemitismus“

Die Bundesregierung ist sehr schnell dabei, realen und vermeintlichen Antisemitismus bei Pro-Palästina-Demos zu finden. Bei antisemitischen faschistischen Netzwerken und ihren Rekrutierungsbecken in Polizei-, Bundeswehr- und Geheimdienststrukturen tut sie sich...

mehr lesen
Ich krieg‘ die Krise!

Ich krieg‘ die Krise!

Die Scheiße ist Kapitalismus gemacht Da bekommt man doch das Kotzen. Obwohl die Wirtschaftskrise sich schon vor zwei Jahren anbahnte, der massive Stellenabbau bereits Ende 2019 angekündigt wurde und der Schrei der Herrschenden nach Kurzarbeit und Konjunkturpaket über...

mehr lesen
× Schreib uns!