Rechtsruck im Unterricht (POSITION #03/18)

Interview: Seit kurzem dürfen homosexuelle Paare in Deutschland heiraten, doch im bayerischen Unterricht ist kein Platz für die Akzeptanz von nicht-heterosexuellen Menschen

 

POSITION: In Bayern wurden die Richtlinien zur Sexualerziehung im Unterricht aktualisiert. Darum gab es große Konflikte, worum ging es?
Matthias: Die CSU wollte die veralteten Richtlinien an die heutige Zeit anpassen. Das war natürlich nicht der Bruch mit ihren Ansichten, aber ein Schritt nach vorne. Dagegen haben sich ultra-konservative Aktivisten zusammengetan. Nach dem Vorbild der Stuttgarter Demonstrationen „Demo für Alle“ von 2014 wollten sie in München Proteste organisieren. Dabei waren bekannte Gesichter, wie die Antifeministin Birgit Kelle. Doch die Aktionen hier sind ziemlich gefloppt, es ist kaum jemand mit ihnen auf die Straße gegangen.
In unserem Bündnis „Vielfalt statt Einfalt“ haben wir dagegen aufgeklärt und mobilisiert. Doch das Kultusministerium fand die Erzkonservativen gar nicht so schlimm und hat sich zum Austausch mit ihnen getroffen. Eigentlich nicht verwunderlich, schließlich sind die ja mehr das Publikum der CSU, als wir es sind.

Was ist dann aus den Richtlinien in Bayern geworden?
Matthias: Aufgrund des Drucks von Rechts wurden die Richtlinien dann mit einigen Änderungen verabschiedet. So ist nun nicht mehr vom Anspruch der ‚Akzeptanz‘ sexueller Vielfalt die Rede, sondern nur vom ‚Respekt‘ vor dieser. Nicht-Heterosexuelle MitschülerInnen und/oder andere Beziehungsformen, haben hier also nicht den gleichen Platz, ihre Erwähnung wird nur geduldet. Das ist schon bemerkenswert: Während hier kaum Leute dagegen auf der Straße waren (im Gegensatz zu Stuttgart und davor auch Paris), trifft sich das CSU-geführte Ministerium trotzdem mit denen und nimmt auf ihren Wunsch Änderungen vor.
Positiv am Unterricht geändert hat sich durch die Richtlinien aber eigentlich nichts. So muss zwar an jeder Schule ein/e Sexualbeauftragte/r bestimmt werden, doch die gibt es kaum. Auch sollen die Themen mehr im Unterricht behandelt werden, doch dazu bräuchte es passendes Unterrichtsmaterial. Das gibt es jedoch auch nicht. Also müssen sich LehrerInnen, die das anpacken wollen, durch viel Recherche ihre Materialien selber zusammenstellen.

Mal abgesehen von Bayern, ist Nicht-Heterosexualität heute in der Schule überhaupt noch ein Problem?
Matthias: Das kommt sehr aufs Umfeld an. Wir haben dazu einen Abend mit einer Mitautorin der Studie „Coming out – und dann…?“ organisiert. Die dort befragten Jugendlichen geben an, dass sie sich oft nicht trauen sich in der Schule zu outen. Denn sie haben Angst vor Mobbing oder davor, dass ihre sexuelle Orientierung überbetont wird. Fast die Hälfte der Befragten haben Diskriminierung im Bildungs- oder Arbeitskontext erlebt. Die Studie zeigt auch auf, dass in der Schule weiterhin „schwul“ ein beliebtes Schimpfwort ist, und Nicht-Heterosexualität im Unterricht meist nur in wertenden Zusammenhängen dargestellt wird, z.B. Schwul-sein zusammen mit dem Thema HIV/Aids. Für Konflikt- und Ausgrenzungserlebnisse müssen Lehrkräfte mehr sensibilisiert werden, das muss über die LehrerInnenausbildung laufen. Dazu sollten aber in Schulbüchern auch positive Bilder gesetzt werden, z.B. muss die Familie im Englisch-Buch doch nicht immer aus Mutter, Vater und Kind bestehen, oder?

Das Interview führte Mark, München

Dieser Artikel erschien in
POSITION #3/2018
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