No Fap?! (POSITION #03/18)

veröffentlicht am: 5 Aug, 2018

Hintergrund: Warum das Gerede von Verwahrlosung und Frühsexualisierung ein alter Hut ist

„No Fap“ – hinter diesem Slogan verbirgt sich ein Trend, der Jungs und junge Männer dazu begeistert, auf das Masturbieren zu verzichten. Denn wer nicht ständig hobelt, dessen Hormonhaushalt sei angeblich ausgeglichener und er wirke männlicher, gesünder und attraktiver. Es gibt Video-Blogs über „No FAP“ und Artikel in „Men‘s Health“ bis zu WELT.de und anderen Blättchen. Sie alle bewerben den Trend und verbreiten das Märchen vom harten Mann, der hart bleiben muss. Doch das ist nicht alles.
Ob Erzkonservative Eltern-Initiativen, die sich gegen sexuelle Aufklärung ihrer Kinder in der Schule wenden, oder (frei-)kirchliche Vereinigungen, die zusammen mit der AfD und Teilen von CDU/CSU einen angeblichen „Werteverfall“ beklagen und zurück in die 1950er-Jahre der Bundesrepublik wollen – das alles ist Alltag in diesem Land. Wir erleben ein Comeback reaktionärer Sexual- und Rollenvorstellungen.

Alter Wein in neuen Schläuchen
Woher kommen diese alten Vorstellungen, welches Interesse bringt sie heute wieder in die Öffentlichkeit? Dass sich die jeweils ältere Generation über die Sexualmoral der jüngeren Generation beklagt, ist nichts Neues. Schon 1850 z.B. wird das leidige Lied gesungen, wonach sich Unzucht, Onanie und Verwahrlosung ausbreiten würde. Weitere Beispiele gibt es für die kommenden 150 Jahre zuhauf. Diese Vorwürfe und Ansichten kamen aus dem Bürgertum und wurden später auch von staatlicher Seite befördert.
Dahinter steckt eine Argumentation, die immer die besonders benachteiligten Teile der Arbeiterklasse trifft. Denn über diese wird dann behauptet, dass sie jegliche Moral verloren hätten, wir wild durch die Gegend vögeln würden bzw. eben permanent masturbieren und dadurch (!) eine Gefahr für die öffentliche Ordnung darstellen würden. Vor allem aber werden mit solchen Vorurteilen ganze Bevölkerungsgruppen stigmatisiert. Besondern betroffen von solchen abwertenden Märchen sind junge Frauen, die selbst über ihre Sexualität bestimmen wollen. Damals wie heute gibt es für sämtliche Vorteile keine wissenschaftliche Grundlage. Doch die Schimpfwörter und Beleidigungen, die einer selbstbewussten Frau an den Kopf geworfen werden, gibt es weiterhin reichlich.

Teile und herrsche
Nach über 150 Jahren Angst- und Panikmache sind die Verhältnisse von Sodom und Gomorrah ausgeblieben. Sexualität spielt sich in Deutschland weiterhin vor allem in festen Partnerschaften ab. Pornographie ist kein Unterrichtsfach. Und Selbstbefriedigung ist und bleibt nichts schädlich.
Den Spießbürgern geht es gar nicht darum, sich der Realität zu stellen, sondern mithilfe des Tabu-Themas Sexualität Unsicherheiten auszunutzen und Stimmung gegen Ausgegrenzte zu machen. Sie werden damit entmenschlicht („wie die Kannikel“) und ihnen wird die Schuld für ihre soziale Lage selbst zugeschrieben.
Sexualität, Moral- und Rollenvorstellungen sind immer auch von den gesellschaftlichen Bedingungen geprägt. Die Verschärfung der kapitalistischen Konkurrenz und damit die Spaltungsmechanismen innerhalb unserer Klasse zeigen sich auch in solch reaktionären Vorstellungen. Der Kampf um das Ende von sexueller Diskriminierung und für eine befreite Sexualität muss sich auf allen Ebenen gegen das Konkurrenzverhältnis der Menschen zueinander richten.

[Flo, Kiel]

Dieser Artikel erschien in
POSITION #3/2018
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