Mono? Poly? (POSITION #03/18)

Kommentar: Liebt es sich mit mehreren besser und fortschrittlicher als zu zweit?

Die dauerhafte Kleinfamilie als Organisationsmodell des Privatlebens bietet der kapitalistischen Produktionsweise einige klare Vorteile: Der Staat kann die Verantwortung für einen Teil der Reproduktion der Arbeiterklasse (also z.B. die Zeugung, Erziehung oder Pflege) zurückstellen. Doch das Modell bröckelt schon länger. Absolute Monogamie wurde schon immer in Frage gestellt, zumindest in der Praxis. Scheidungen nehmen zu. Doch noch immer gilt das Ideal zu zweit zu Leben. Wenn nicht in der Ehe, dann in auf einander folgenden Langzeitbeziehungen (serielle Monogamie).

Polyamorie als Chance
Ergibt es nicht Sinn auch im Privaten nach Lösungen zu suchen, die uns nicht der Verwertung durch das Kapital unterwerfen? In der Geschichte gab es diese Möglichkeit vor allem für Männer. Ehebruch durch Frauen wurde und wird fast immer und überall wesentlich stärker bestraft. Diesem Umstand will das Konzept der Polyamorie („viele Lieben“) etwas entgegensetzen. Polyamorös zu leben bedeutet, es allen Beteiligten zu erlauben weitere Partnerschaften zusätzlich zur eigenen zu führen. Hiermit ist nicht nur Sex gemeint, sondern auch das Zulassen von romantischen Gefühlen und gegenseitiger Verantwortung. Vor allem studierte Linke erhoffen sich durch diese Lebensweise eine Alternative zur bürgerlichen Moral und eine Schwächung des Patriachats.
Monogamie ist nicht etwas Natürliches oder Gottgewolltes. Ob jung oder alt, die meisten Menschen entwickeln Zuneigung auch zu Menschen außerhalb der eigenen Beziehung. Monogamie bedeutet diese Gefühle nicht auszuleben. Polyamorie bietet die Chance, Freude am Glück der PartnerInnen zu finden, die sie mit anderen PartnerInnen haben.

Gleichberechtigtes Handeln
Polyamorie durchbricht aber nicht die Unfreiheiten der Ehe oder seriellen Monogamie. Sie baut auf der Annahme auf, dass alle Beteiligten gleichberechtigt handeln und entscheiden können. Das ist aber nicht immer der Fall. Durch Alter und Erfahrungen ergeben sich immer ungleiche Bedingungen. Diese führen dann oft, v.a. bei unterschiedlichen psychischen und finanziellen Ressourcen zu Machtgefällen. Das wird nicht weniger, wenn man auf Bedürfnisse Dritter oder sogar Vierter Rücksicht nehmen muss. Die oben erwähnte Freude kann auch in Eifersucht umschlagen. Der Aushandlungsprozess ist auf jeden Fall zeitintensiv. Die meisten erleben Polyamorie auch eher als eine Erfahrung und kommen dann wieder zur seriellen Monogamie zurück.
Sicherlich kann in dieser Art zu lieben sehr viel gewonnen werden. Aber Abhängigkeits- und Machtstrukturen sind deshalb nicht weg. Sexistische Rollenbilder können in poly-Beziehungen genauso gut weiter gepflegt werden. Auch dem Staat kann es egal sein, ob z.B. der leibliche Vater das Kind versorgt, oder eine der verschiedenen PartnerInnen. Polyamorie sorgt nicht für mehr Kitaplätze oder sonstige staatliche Verantwortung. Poly? Kann man machen. Muss man aber nicht.

[Fred, Bochum]

Dieser Artikel erschien in
POSITION #3/2018
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