Liefern am Limit (POSITION #03/18)

Ausgabe 3/2018, POSITION – Magazin der SDAJ

Orry (25) arbeitet als Fahrradkurier bei Deliveroo. Zusammen mit seinen Kollegen hat er einen Betriebsrat gegründet.

Ende letzten Sommer ist es dazu gekommen, dass wir kein Geld ausgezahlt bekommen haben. Es hieß, man würde uns gerne sofort den Lohn nachzahlen, aber leider müssten wir einen Monat warten, weil die Abrechnungsfirma strikte Strukturen hat und keine Ausnahmen macht. Wenn man dann darauf hingewiesen hat, dass man Miete zahlen muss, dann wurde lapidar gesagt, dass man nichts machen könne. Das haben wir als Fahrer eine Zeit lang mit uns machen lassen, dann ist es aber irgendwann doch eskaliert.
Man muss verstehen, dass wir zwei bis drei mal die Woche einen Platten haben und ein Rennrad braucht bestimmte Schläuche und Mäntel. Wenn du Pech hast und du zum Beispiel über Karneval fährst, dann gibst du 80 Euro die Woche für Schläuche und Mäntel aus, weil dir ständig Glassplitter reinkommen. Deliveroo hat gesagt, dass es unsere Verantwortung ist und nicht ihre. Dadurch haben wir aber einen enormen Gehaltsausfall.
Der Supergau war dann, als der Winter hier in Köln relativ früh gekommen ist. Es gab wieder überhaupt keine Winterklamotten. In einer Rundmail von Deliveroo hieß es, dass sie eine gute Nachricht für uns hätten, denn ab sofort könne man Winterequipment bei ihnen kaufen. Dann ist uns der Kragen geplatzt. Wir verdienen nur 9 Euro die Stunde, Trinkgeld ist auch nicht so geil, weil oft die Strecken zu lang sind und das Essen kalt beim Kunden ankommt, der dann auch abgefuckt ist. So kannst du nicht mal vom Trinkgeld leben. Ich hab mir privat dann Winterequipment für 350 Euro gekauft. Ich bräuchte eigentlich eine zweite Garnitur, die kann ich mir aber nicht leisten.
Wir haben uns beschwert, da hieß es immer nur, schreibt eine Mail an das Deliveroo-Hauptquartier in Berlin. Die haben uns einfach ignoriert. Ein Kollege von mir, Keno, hat dann WhatsApp-Gruppen eröffnet und paar Leute eingeladen. Wir haben viel diskutiert und dabei ist uns klar geworden, der große Knackpunkt ist, dass wir alle nur auf ein halbes Jahr befristet angestellt sind.
Im September haben wir uns dann im Stadtgarten auf ein paar Bier getroffen und Keno hat uns von der NGG (Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten) erzählt. Wir sind dann zur NGG gegangen, wir hatten dann die erste Wahlversammlung zur Abstimmung für eine Betriebsratswahl. Ein Mitglied aus dem Office versuchte uns einzuschüchtern, aber alle 30 anwesenden Fahrer haben dafür gestimmt. Der CEO von Deliveroo Deutschland hat auf „HipChat“, die damals noch für alle Mitarbeiter zugänglich war, versucht die Kontrolle an sich zu reißen. Zuerst hat er mit Anwälten gedroht. Sie entsorgen Schritt für Schritt die ihnen unangenehmen Mitarbeiter. Wir waren zu Beginn fünf Betriebsräte mit einem stellvertretenden Betriebsrat. Dann sind die befristeten Verträge meiner Kollegen ausgelaufen und sie mussten gehen. Aber alle Betriebsräte sind vor das Arbeitsgericht gegangen, um eine Entfristung ihrer Verträge einzuklagen. Wir haben aber vorausschauend agiert und haben ein paar Beschlüsse auf Vorrat gestapelt, sodass ich immer noch ein bisschen agieren und Deliveroo dazwischenfunken kann bei dem Versuch, demokratische Mitbestimmung auszuschalten.

Die ganzen Erfahrungen von Orry und seinen Kollegen kannst Du unter fb.com/liefernamlimit mitverfolgen. Der Text wurde zuerst in zwei Interviews vom Christoph mit Orry in der sozialistischen Wochenzeitung UZ (www.unsere-zeit.de) veröffentlicht.

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POSITION #3/2018
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POSITION #5/2019

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