Die Umarmung der Welt (POSITION #02/18)

veröffentlicht am: 10 Jun, 2018

Aufs Lehrerpult mit Schernikaus „Kleinstadtnovelle“!

Sein Abi hatte er noch nicht in der Tasche, da legte Ronald M. Schernikau jedem und jeder in seiner Klasse seine „Kleinstadtnovelle“ auf den Tisch. Die Geschichte eines linken, schwulen Oberstufenschülers in der BRD Ende der 70er sollte jeder lesen. Schernikau zeigt in seinem Debütroman genauso scharfzüngig wie scharfsinnig den Alltag von Hauptfigur b. „scheißaufstehn scheißschule scheißleben“, heißt es gleich am Anfang. Aber b. und seine alleinerziehende Mutter, die als Krankenpflegerin arbeitet, zerbrechen nicht. Nicht daran, dass b. nicht den reaktionären Mustern entspricht, die von ihm eine Männlichkeit abverlangt, die ganz bestimmt nichts mit Homosexualität zu tun hat. Nicht an den restaurativen und prüden Lehrinhalten (Wie, Homo!? „Arterhaltung: null Punkte“, heißt es da) und autoritären Erziehmethoden in der Schule: „So, wie körperliche Prügel die Dummheit erzeugen, die sie vorgeben zu bekämpfen, ziehen Streß und Unmenschlichkeit Arbeitsmaschinen und Selbstvernichtungsroboter heran.“ Nicht an den Ausbeutungsverhältnissen und Hierarchien am Arbeitsplatz, einer Klinik.
Auch nicht, als b. mit einem Mitschüler schläft, dem die gesellschaftliche Antimoral so zusetzt, dass der das Geheimnis offenbart. Anstoß genug, b. vor ein Tribunal zu schleifen, um ihn der Schule zu verweisen. b. aber knickt nicht ein: „Ich habe leif umarmt, nur das. Die Umarmung der Welt blieb nicht aus. Ich werde mich nicht mehr von Leuten umhauen lassen, die ihre Geschichte haben wie ich. Ich werde zu lieben versuchen, immer wieder.“

Über den Autor
Ronald M. Schernikau war selber bekennend schwul und Kommunist. Mit 16 trat er DKP und SDAJ bei, später studierte er am Literaturinstitut in Leipzig und ließ sich, kurz vor der Konterrevolution, in die DDR einbürgern. Mit gerade einmal 31, starb er 1991 an den Folgen einer HIV-Infektion.
Sein Werk ist nicht nur geprägt von schriftstellerischem Talent, sondern strahlt immer wieder rationalen Optimismus aus und betont die Unvereinbarkeit eines guten Lebens mit dem Kapitalismus. Besonders die „Kleinstadtnovelle“ hebt am Beispiel des zentralen Schauplatzes, einer bundesdeutschen Schule, die Gemeinsamkeiten sich oft zersplitternder Einzelkämpfe hervor. Nicht der Kampf um die Befreiung und Gleichstellung aller Geschlechter, nicht der Kampf gegen Homophobie können allein siegen, ohne einen Kampf gegen die Herrschenden und Besitzenden. Genauso wie Antikapitalismus lahmt, wenn er nicht diese Kämpfe mitführt.

Die Aktualität des Buches
Diskriminierungen an unseren Schulen sind immer noch an der Tagesordnung. Letzten Herbst z.B. flog auf, dass ein Berufsschullehrer in Hannover SchülerInnen dazu zwang, den Hitlergruß zu zeigen. Er beleidigte sie rassistisch und sexistisch, drohte ihnen via Whatsapp: „Morgen gibt es einen Test, da werdet ihr richtig gefickt. Ich zeige euch, wo der Hammer hängt.“

[Ken, Hannover]

Dieser Artikel erschien in
POSITION #2/2018
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