Der offene Brief (POSITION #02/18)

An Frank Bsirske, Vorsitzender von ver.di

 

Lieber Frank,

als Vorsitzender von Deutschlands zweitgrößter Gewerkschaft lässt es sich bestimmt gut leben. Üppiges Gehalt, Aufsichtsratsposten und regelmäßige Tuchfühlung mit den „Reichen und Schönen“ – schmeckt. Bei uns an der Basis des gewerkschaftlichen Kampfes sieht´s dagegen nicht so rosig aus. Ob nun als Lagerarbeiterin bei Amazon oder als Krankenpfleger am Bett, die Arbeitsbedingungen in den ver.di-Branchen sind schlecht, die Bezahlung mies, das Personal und die Ausstattung meistens ungenügend.

Vor allem die Situation in Deutschlands Krankenhäusern ist in letzter Zeit in den Fokus der öffentlichen Debatte gerückt – zurecht und dringend notwendig, immerhin fehlen laut ver.di mindestens 162.000 Krankenhausbeschäftigte, während Anforderungen, Patientenzahl und Krankenstand beständig steigen.

Gut, dass mit dem Vorreiter Charité im Krankenhausbereich endlich auch gewerkschaftlich etwas ins Rollen gekommen ist. In der bundesweiten Forderung nach einer Mindestpersonalbemessung und Entlastung in den Krankenhäusern steckte letzten Sommer jede Menge Potential, in mehreren großen Krankenhäusern liefen Auseinandersetzungen an und konnten Kolleginnen und Kollegen für den gewerkschaftlichen Kampf gewonnen werden.

Jetzt aber, im Frühjahr 2018, sieht die Lage anders aus. Statt einer bundesweiten gemeinsamen Kampagne erleben wir ein Auseinandersplittern der Kämpfe an den einzelnen Häusern, vor allem aber werden in großem Umfang die Bemühungen der Basis nach Kräften gedeckelt und Kräfte abgezogen. Was soll uns das sagen? Dass wir jetzt doch wieder darauf hoffen sollen, dass die GroKo schon ein nettes Gesetz für uns erlässt? Mit der SPD, die uns die Agenda 2010 beschert hat? Erst recht mit der Union, die nicht einmal so tut, als hätte sie für die Beschäftigten etwas übrig und die uns einen Jens Spahn als Gesundheitsminister vorsetzt?

Aber das ist uns ja auch nicht neu. Schon die Berliner Kolleginnen und Kollegen mussten es ja gegen euch als Gewerkschaftsführung durchsetzen, dass sie ihren Kampf fortführen konnten. Das, lieber Frank, ist ätzend. Von der eigenen Führung noch angeschmiert zu werden, wenn schon der Arbeitgeber an allen Ecken und Enden Knüppel zwischen die Beine wirft, das schwächt den Kampf und das Vertrauen in die Gewerkschaft. Dabei würde mehr Kampfesmut der ver.di gut zu Gesicht stehen. Wohin das Kuscheln der Gewerkschaftsführungen mit den großen Bossen führt, zeigen die überall schwierigen Verhältnisse ja wohl ausreichend.

Und es kann doch aus anders gehen: Zum Beispiel, wenn es, wie zum Beispiel in der letzten Tarifrunde im öffentlichen Dienst gelingt, bisher unbezahlte Azubis in den Gesundheitsberufen nach jahrelangem Engagement zumindest im Bereich TVöD endlich in den Tarifvertrag zu holen! Davon, lieber Frank, wollen wir mehr sehen!

[Jonas, Essen & das Zeitungskollektiv]

Dieser Artikel erschien in
POSITION #2/2018
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