Der Offene Brief an Alexis Tsipras (POSITION #01/18)

Post von der SDAJ 


Lieber Alexis, 
ganz Europa feierte dich 2015 wie einen Pop-Star. Eine Menge Menschen hatten viel Hoffnung in dich und deine Partei gesetzt. In den schlimmsten Krisenjahren, als die Kreditgeber Griechenland auspressten, da hätte keiner erwartet, dass schon bald ein vermeintlich progressiver Ministerpräsident Griechenland regieren würde. Endlich ein Land mit einer linken Mehrheit! Endlich jemand, der den Herrschenden so richtig einheizen wird, haben so viele gehofft. 

Mittlerweile ist die Maske gefallen, um Dich und deine Partei ist es ruhig geworden, denn ihr handelt ganz im Interesse der Herrschenden. Wurdet ihr gefügig gemacht oder hattet ihr doch nie ernsthaft vor, grundlegend alles zu ändern? 

Als Du die politische Bühne betratst, war ich selber 16 Jahre alt. Ich frage mich heute oft, was mein 16-jähriges Ich, was meine Freunde, die damals 16 waren, und auch was Dein 16-jähriges Ich, heute sagen würde zu dem, was Du treibst. Was wir sagen würden zur Sparpolitik, zu der „Gemeinsamen Sache“ mit den Nazis in Zypern, in der Ukraine, im Parlament und – verdammt noch mal – zur Einschränkung des Streikrechts! 

Geht’s eigentlich noch? Für einen Streikbeschluss sollen künftig mindestens 51 Prozent aller zahlenden Mitglieder zustimmen, die auch noch anwesend sein müssen. Das kannst‘e dir nicht ausdenken! Und warum? Um deinen Gläubigern, also der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds, gerecht zu werden. Die Antwort auf dein Streikverbot hast du schnell bekommen: Generalstreik in ganz Griechenland. Genau das ist es, was politische Veränderung bringt. 

Viele Linke in Deutschland sehen in dir und deiner „Radikalen Linkspartei“ immer noch ein Vorbild. Dabei beweist ihr doch, wohin es führt, wenn man seine Hoffnung einzig und alleine auf Parlamentarismus und Mosaik-Linke setzt: Privatisierung von Häfen und Flughäfen, fortlaufende Steuererhöhungen, Lohnkürzungen und massive Einschränkungen des Streikrechts. Sag mal, was ist eigentlich aus dem Austritt der NATO geworden, dem Versprechen, alle Auslandseinsätze zu beenden und die Militärausgaben radikal zu kürzen? Ich kann es dir beantworten: Nichts ist daraus geworden. Im Gegenteil. Neben den USA investiert kein anderer NATO-Staat so viel seiner eigenen Wirtschaftsleistung in Aufrüstung wie Griechenland.
Natürlich wirst du jetzt sagen, es läge an der besonderen Situation, dir seien die Hände gebunden, man müsse Kompromisse eingehen und man sei auf die EU-Gelder angewiesen. Denn das wird immer gesagt. Gleich ob in Griechenland oder auch dort in Deutschland, wo die Linkspartei mitregiert. Es wird so hingestellt, als sei es unveränderbar und man müsse sich anpassen und versuchen das Beste rauszuholen. Aber so ist es nicht, so war es nicht und so wird es auch nie sein. Auch die Grünen wollten einmal die Welt verändern, doch alle haben Sie die gleiche Entwicklung gemacht. 
Deshalb werden wir nicht verzagen, lieber Alexis, deshalb werden wir es selbst in die Hand nehmen. 

 

[Domi, Neumarkt]

& das Zeitungskollektiv

Dieser Artikel erschien in
POSITION #1/2018
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