Working Wistleblower: Berichte, Interviews, Erfahrungen

Dieses Mal: Johanna (Erzieherin), Ronny (Bahn), Ajda (Zimmerei)


Übernahme in Zeitarbeit?

Der Personalchef im DB-Vorstand wird zum Jahresende ausgewechselt. Die Neubesetzung zu diesem Zeitpunkt soll der neuen Person auch genug Zeit geben, sich für die Kapitalisten-Seite auf die kommende Tarifrunde vorzubereiten. In der letzten Ausgabe haben wir an dieser Stelle schon über den Personalmangel bei der Deutschen Bahn (DB) berichtet. Wir haben uns darüber mit Ronny Nguyen (26) von der EVG-Jugend unterhalten. Er ist stellvertretender Konzern-Jugend- und Auszubildendenvertreter bei DB.

POSITION: Wie würdest du die aktuelle Übernahmesituation bei DB beschreiben?
Ronny: Im Winter haben 92,8% von 1.312 Auslernern ein Übernahmeangebot bekommen. Tatsächlich angenommen haben das aber nur 82,7% der Leute. Denn oft sind die Übernahmeangebote auch in andere Geschäftsfelder oder Regionen und oft Angebote bei DB-Zeitarbeit. Im Sommer letzen Jahres sind bei 1.289 Auslernern 123 Leute nicht in ihren Ausbildungsbetrieb übernommen worden. Davon gingen relativ Viele zu DB-Zeitarbeit oder haben dort ein Angebot bekommen. Maximal ein Viertel landet wirklich bei Zeitarbeit. Die meisten verlassen sogar den Konzern oder bewerben sich anderweitig im Konzern.

Ein Viertel derer, die nicht direkt übernommen werden, geht zu DB-Zeitarbeit?
Ronny: Ja, in einem Jahr sind mal etwa 34 Nachwuchskräfte, also i.d.R. Azubis, bei DB-Zeitarbeit gelandet. Dort sind sie bundesweit flexibel einsetzbar und bekommen einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Denn vielmals werden dort Nachwuchskräfte gesammelt, die nicht untergekommen sind, die sich aber trotzdem weiterhin im Konzern bewerben können. Bei DB-Zeitarbeit gehen Viele wieder zurück in ihr Geschäftsfeld oder kommen in ein anderes.

Als SDAJ positionieren wir uns grundsätzlich gegen Leiharbeit. Bringt DB-Zeitarbeit aus deiner Sicht keine Probleme für die Betroffenen mit sich sondern die Übernahme?
Ronny: Klar, es gibt auch Probleme. Zum Beispiel bei der Station- und Service-AG von der Bahn. Also bei den Leuten am Bahnhof, an der DB-Information usw. Die machen hier in Berlin Negativpresse. Da waren wir auch mit der JAV dran. Dort gab es folgende Situation: Den Auszubildenden wurde schon bei der Übernahme gesagt: Ok, du gehst zwar zu Zeitarbeit, aber wir brauchen dich wieder im Betrieb und kaufen dich dann über Zeitarbeit ein.
Dann hat man sie wieder am Bahnhof, wo sie ausgelernt wurden, über Zeitarbeit eingesetzt. Die verdienen dann mindestens 200 bzw. 300 Euro netto weniger als die Stammbelegschaft, haben weniger Urlaub, andere tarifliche Regelungen. Es heißt, sie sollen nach Möglichkeit (!) nach einem Jahr eine feste Stelle bekommen. Wir wissen aber, dass es teils auch bis zu zwei Jahre gedauert hat. Mir sind zum Glück keine anderen Fälle bekannt, wo das so krass läuft.

Also wo ist das gemeinsame Problem der Übernahmesituation bei der Bahn?
Ronny: Das Problem beginnt damit, dass die Personalplanung in den Betrieben nicht funktioniert. Man sieht immer wieder: Heute ist der Bedarf da, morgen wieder nicht und auf einmal sind die Auslerner alle weg und dann ist wieder Bedarf da. Das Problem sind also die intervallmäßigen Bedarfe, die nicht vernünftig geplant sind.

Das Interview führte Victor, Jena-Weimar


ErzieherInnen machen Dampf

Nach mehreren gescheiterten Tarifverhandlungen zur Angleichung der Gehälter an den TVöD (Tarifvertrag öffentlicher Dienst) zwischen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und der Kinder- und Jugendhilfe im Deutschen Roten Kreuz (DRK) organisierten sich rund 400 KollegInnen des Trägers zu einem Streiktag. Mit Erfolg: Seit dem 01. August 2017 gilt dort nun der erkämpfte Tarifvertrag, in dem die prozentuale Angleichung der Gehälter festgeschrieben ist.
Bereits zuvor folgten rund 200 ErzieherInnen, Eltern und UnterstützerInnen einem Aufruf der GEW und Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) zu einer Demonstration gegen die geplanten Reformen des Kindertagesförderungsgesetzes durch SPD und CDU.
Der Inhalt des Entwurfs bedeutet für zukünftige Auszubildende einen niedrigeren Abschluss sowie eine Anrechnung auf den Personalschlüssel während der Ausbildung.
Diese weitreichenden Veränderungen der letzten Monate führten zu Diskussionen unter den MitarbeiterInnen verschiedenster Einrichtungen in Rostock.
In den folgenden Monaten organisierte sich daraufhin die Belegschaft weiter und gründete eine Initiative zum Austausch über persönliche Arbeitsbedingungen und zu deren Verbesserung. Der Stammtisch für ErzieherInnen und andere PädagogenInnen trifft sich nun jeden Monat und zeigt, dass die gemeinsame Organisation ein politisches Bewusstsein entwickeln kann, um etwas gegen Missstände zu unternehmen. Dabei wird sichtbar, dass nur der gemeinsame Arbeitskampf an den Bedingungen etwas ändern kann.

Johanna (24) arbeitet in Rostock als Erzieherin. Dort fanden in den letzten Monaten verschiedene Arbeitskämpfe rund um die Thematik Bildung und Erziehung statt.


Dieser Artikel ist aus unserem Magazin POSITION, Ausgabe #4/17. Du kannst das Heft einzeln bestellen (1,70€) oder abonnieren (ab 10€/Jahr): position@sdaj.org
Dieser Artikel ist aus unserem Magazin POSITION, Ausgabe #4/17. Du kannst das Heft einzeln bestellen (1,70€) oder abonnieren (ab 10€/Jahr): position@sdaj.org

„Wem es hier nicht passt, der soll gehen“

Ich muss damit anfangen, dass die Arbeit in der Zimmerei wirklich schön ist. Die Arbeitsbedingungen sind es umso weniger. Ein paar Beispiele aus meinem Lehrbetrieb reichen, um das verständlich zu machen: Alle Angestellten arbeiten dort 45 Stunden pro Woche (plus Überstunden), bekommen aber nur 40 angerechnet und bezahlt. Die eine Stunde „Fahrtzeit“, die uns ungesetzlicherweise abgezogen wird, liegt wohl im „Betriebsinteresse“. Auch für unseren Urlaub mussten wir regelmäßig kämpfen und konnten trotzdem selten so viel nehmen, wie uns zusteht. Nebenbei wird von den Angestellten natürlich akkurate Arbeit erwartet, von der Chefetage aber nicht. So war ich z.B. einige Monate nicht krankenversichert, weil irgendwelche Briefe nicht weitergeleitet wurden. Und zur Abschlussprüfung wurde ich „versehentlich“ auch nicht angemeldet. Für uns Lehrlinge gab es insgesamt keinerlei Unterstützung. Weder wurde uns das nötige Werkzeug für die überbetriebliche Ausbildung zur Verfügung gestellt noch wurde uns Zeit für die Prüfungsvorbereitung eingeräumt. Und das Berichtsheftschreiben, das zur Arbeitszeit gehört, mussten wir in unserer Freizeit zu Hause erledigen. Außerdem wurde von Anfang an versucht, jede Form von Widerstand zu verhindern. Einem Kollegen wurde beispielsweise zur Einstellung mitgeteilt, dass es „hier noch nie einen Betriebsrat gab und auch nie einen geben wird“. Generell gilt also: Wem es hier nicht passt, der soll gehen.

Ajda (25) hat gerade ihre Ausbildung zur Zimmerin in einem Betrieb in Schopfheim beendet