In der Thüringer Provinz organisiert sich Widerstand (POSITION #06/16)

veröffentlicht am: 20 Dez, 2016

Interview mit einer Antifa-Gruppe aus der Arbeiterklasse

Vor ca. anderthalb Jahren hat sich mitten in der Thüringer Provinz eine Antifagruppe gegründet. Um zu erfahren, wie es dazu kam, haben wir mit Teddy gesprochen.

 

Position: Was hat Euch dazu bewegt in der Thüringer Provinz eine Antifa-Gruppe zu gründen und wie seid ihr dabei vorgegangen?

Teddy: Bei uns gab es lange keine Organisation für politische Jugendliche. Geändert hat sich das am 1. Mai 2015. Da haben die Hardcorefaschisten vom Dritten Weg eine Demo organisiert. Der Tag war eine riesige Niederlage für uns. Die extrem gewaltbereiten Faschisten konnten marschieren, mehrere Leute wurden ins Krankenhaus geprügelt und wir wurden Opfer massiver Polizeigewalt. Anstatt den Kopf in den Sand zu stecken, haben wir danach bei einem Auswertungstreffen offene Fragen gesammelt: Warum schützen die Bullen die Faschisten? Warum werden rechte Aufmärsche und Parteien nicht verboten? Wo kommen die ideologisch eigentlich her und warum sind sie anschlussfähig? Warum haben wir es trotz zahlenmäßiger Überlegenheit nicht geschafft die Faschisten zu stoppen? Um die Fragen zu beantworten haben wir uns zu regelmäßigen Bildungsabenden verabredet und uns mit Faschismustheorie, dem bürgerlichen Staat und dem Sozialismus als Alternativkonzept beschäftigt. Als Hauptproblem stand für uns fest, dass die Gegenproteste nicht von einer einheitlich handelnden Organisation geführt wurden. Deshalb gab es auch keinen Massenselbstschutz und viele von uns wurden verletzt. Wir haben also angefangen, uns zu organisieren und Leute, die allein oder zu zweit auf Demos waren, anzusprechen und ebenfalls zu schulen. Wichtig war für uns dabei immer, dass wir offen auftreten und nicht als schwarzer Block. Schließlich wollen wir ja mit Menschen reden – stark sind wir nur als Masse.

 

Position: Ihr arbeitet alle in der Produktion. Inwiefern beeinflusst euer berufliches Umfeld eure antifaschistische Arbeit?

Teddy: Nicht alle von uns arbeiten in der Produktion, aber fast. Auf Arbeit werden wir jeden Tag mit dem Kapitalismus und seinen Auswirkungen konfrontiert. Wir wissen was dieses System mit den Menschen macht und vor allem sprechen wir die selbe Sprache wie die Kollegen. Das ist in der linken Szene oft anders. Um die Arbeiter im Betrieb zu erreichen ist es aber wichtig, nicht von oben herab mit ihnen zu diskutieren. Zum Beispiel hat mir neulich unser Pförtner erzählt, dass er auf einer NPD-Demo gegen eine Flüchtlingsunterkunft war. Als ich ihn darauf angesprochen habe, dass er da mit Faschisten rumsteht hat er mich gefragt: „Da sind 400 Leute auf der Straße und das sind alles Nazis oder was?“. Dann den Moralischen zu spielen, nützt nicht viel. Du musst die Leute an ihren Interessen packen und über ihre ökonomische Situation reden, über Abstiegsängste und Ungerechtigkeit. Du musst fragen, ob sie denn ein Dach über dem Kopf haben, einer geregelten Beschäftigung nachgehen und in Frieden leben wollen. Dann kannst du darauf eingehen, dass Geflüchtete das genauso wollen, es also bis auf die Herkunft keinen Unterschied zwischen ihnen und dir gibt. Frag sie doch mal, ob, wenn irgendwann mal ein paar Geflüchtete mit in der Bude arbeiten und es zum Streik raus geht, dort die Standortleitung mit vorm Tor steht oder eher die neuen Kollegen.

 

Position: Das klingt, als ob ihr euren Arbeitsschwerpunkt im Betrieb seht. Schafft ihr es auch die Themen aus dem Betrieb mit eurem Kampf gegen Rechts zu verbinden?

Teddy: Ja, unser Schwerpunkt liegt im Betrieb, einfach weil wir dort jeden Tag acht Stunden verbringen. Uns ist es wichtig die Stellvertreterpolitik im Betrieb aufzubrechen. Wir müssen lernen für unsere Interessen selbst einzutreten. Dann können wir auch mit den Menschen darüber reden, dass der Faschismus die Interessen des Kapitals vertritt und nicht unsere. Deshalb sind wir auch in Interessenvertretungsstrukturen aktiv. Ganz konkret orientieren wir vor allem auf die Vertrauensleute. Als erstes muss man die Kollegen ja mal über ihre Rechte aufklären. Dafür brauchst du aber ihr Vertrauen: Wir wollen verlässliche und gute Kollegen sein. Ein guter Anknüpfungspunkt für Gespräche ist, dass viele Kollegen in der DDR aufgewachsen sind. Die haben also schon mal was vom Klasseninteresse des Faschismus gehört und können sich auch noch daran erinnern, dass am deutschen Faschismus vor allem das Kapital verdient hat, während Gewerkschafter und Kommunisten ermordet wurden. Eigentlich müssen wir an das Wissen nur wieder anknüpfen, es wiederholen und die Faschisten von heute entlarven. Ganz häufig greife ich auch einfach den Klatsch im Pausenraum auf. Da erzählt dann wieder mal ein Kollege, dass er vom Schwager seiner Tante dritten Grades gehört hat, dass im Einkaufszentrum eine Frau von Asylanten vergewaltigt wurde. Das ist natürlich Schwachsinn. Aber dann kann man darüber reden was eigentlich noch alles Schwachsinn ist. Genau dafür brauche ich aber den guten Stand bei den Kollegen, ansonsten hören die mir nicht zu. Ein anderes Thema das die Leute bewegt, ist die Frage von Krieg und Frieden. Ich stelle den Leuten dann häufig einfache Fragen wie: Wer verdient eigentlich am Krieg? Was für Interessen hast du? Welche Interessen haben Geflüchtete? Die Kollegen sind ja nicht dumm. Die verstehen schon, dass jeder in Frieden leben, ein Dach über dem Kopf, einen Job und Sicherheit haben will. Das geht natürlich nicht alles von heute auf morgen, aber wir stehen eine 8-Stunden Schicht mit den Kollegen am Band, wir haben also Zeit.

 

Position: Werden euch in eurer Arbeit Steine in den Weg gelegt? Wie geht ihr damit um?

Teddy: Naja, generell muss man erst mal feststellen, dass es in unserer Gesellschaft nicht einfach ist Menschen zu organisieren und zum Kampf um ihre Interessen zu bewegen. Von regelmäßigen verbindlichen Treffen will ich da noch gar nicht reden. Außerdem wird man im Bekanntenkreis schräg angeschaut wenn man sagt, dass man Politik macht. Wir mussten lernen, dass es wichtig ist, Verbindlichkeit einzufordern. Die Menschen, die mit uns Politik machen wollen, müssen es ernst meinen und sie müssen begreifen, dass sie auch eine Verantwortung gegenüber den anderen Mitgliedern der Gruppe haben.
Wir begreifen Faschismus als Ausdruck der Klassenherrschaft des Kapitals. Also kann auch nur die Arbeiterklasse den Faschismus wirklich bekämpfen. Deshalb arbeiten wir ja auch im Betrieb und in der Gewerkschaft. Uns ist es wichtig, dass wir als Gewerkschafter auch als Antifaschisten wahrgenommen werden, das wollen wir vor allem durch unser Handeln erreichen. Generell ist uns klar, dass wir mit unserer Politik überall anecken werden. Im Betrieb werden wir von der Geschäftsführung als Störenfriede wahrgenommen. Für uns ist Gewerkschaft eben mehr als Tarifverträge und Versicherungen. Gewerkschaften sind Organisationen unserer Klasse, die auf Kampf beruhen und der bürgerliche Erklärungsmuster nichts nützen. Daher predigen wir nicht Standortlogik, sondern internationale Solidarität und wir stellen die soziale Frage. Das tun wir aus Überzeugung und um uns von der Polemik der etablierten Parteien, sowie der Gewerkschaftsführung zu unterscheiden.

 

Das Interview führte David, Jena

Dieser Artikel erschien in
POSITION #6/2016
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