„Da kriegt ihr richtig Stress!“ (POSITION #02/16)

veröffentlicht am: 30 Mrz, 2016

Die Unternehmerseite greift das Tarifgefüge an, die Belegschaft wehrt sich

Bei einer Betriebsratssitzung der Firma Vossloh Locomotives freuen sich die kämpferischen Vertreter. Der Vorsitzende erklärt den etwas gequält dreinblickenden Vertretern der Geschäftsführung – diesmal als Gegenseite adressiert, wo man sich sonst als Partner sah – dass man sich über ihren Vorstoß gegen die 35-Stunden-Woche freue. Jetzt bekäme der Gegner so richtig Stress. Jetzt würden sie fighten. Den gleichen Geist spürte man auf einer Mitarbeiterversammlung des Betriebsrates im Schwesterwerk. Dort sprach der Betriebsratsvorsitzende vor der Belegschaft, es sei nötig, jetzt den Organisationsgrad zu erhöhen um gemeinsam den Kampf gegen die Erhöhung der Stundenzahl aufzunehmen. Ohne zu zögern traten zwanzig MitarbeiterInnen der IG Metall bei.

Damit sich Betriebsräte so was trauen, braucht es, wie uns Johnny aus dem Werk sagt, eine lange, ausdauernde Vorbereitung. „Die Leute haben über lange Jahre einfach das Zutrauen in sich selbst, den Betriebsrat und die Gewerkschaft verloren.“ sagt er, um zu schlußfolgern: „deswegen müssen wir uns jetzt an kleinen Aktionen versuchen, die das Selbstvertrauen wieder aufbauen“. Er schlägt vor: „An sich reichen wirklich billige Varianten: für einen geforderten Getränkeautomat eine Unterschriftenliste“. Da geht man dann weg und sagt sich, jo, ich hab was getan, ich kann was tun. Aber solche Aktionen sind zäh. Gerade wenn man zu wenige organisierte KollegInnen im Betrieb hat.

„Gegenüber der Gegenseite hat mir der Betriebsrat immer der Rücken frei gehalten.“ sagt Johnny. Aber bei den Kämpfen, die jetzt kommen und auf die sich die KollegInnen vorbereiten müssen, reicht das nicht. Der Angriff auf das Tarifgefüge muss flächendeckend abgewehrt werden. Hierbei brauchen wir dann die Organisation in allen Abteilungen des Betriebes. „Wenn man sich da als junger Aktiver im Betrieb anhören muss, dass der Betriebsratsvorsitzende nicht mehr alleine in die Abteilung geht, dann ist das sehr unhilfreich.“

Johnny arbeitet in dem Betrieb seit dem Beginn seiner Ausbildung. Beinahe alleine macht er die JAV, und arbeitet auf unzähligen Ebenen in der Gewerkschaft. In der relativ kleinen Bude ist es, so erzählt er uns, noch möglich mit jedem einzelnen ins Gespräch zu kommen. Genau das müssen wir auch tun, sagt Johnny und erlärt: „Mir hören die KollegInnen schon zu, wenn ich was sage, und sie nehmen mich auch ernst. Immer wieder sagen sie mir: „Sag denen da oben mal,was hier los ist!“ Und er antwortet dann: „Sicher, da könnt ihr schwer von ausgehen, aber so lange ihr nicht selber, immer wieder, mit vier, fünf, sieben, zehn KollegInnen vor der Geschäftsführung für eure Interessen steht, können wir da auch nicht viel machen.“

Kurt, Hamburg

Dieser Artikel erschien in
POSITION #2/2016
Im Archiv ansehen »
SDAJ Aachen
SDAJ Augsburg
SDAJ Bamberg
SDAJ Barsbüttel
SDAJ Berlin
SDAJ Blankenfelde-Mahlow
SDAJ Bochum
SDAJ Bonn
SDAJ Bremen-Oldenburg
SDAJ Cottbus
SDAJ Dresden
SDAJ Düsseldorf
SDAJ Essen
SDAJ Frankenberg
SDAJ Frankfurt
SDAJ Freiburg
SDAJ Gießen
SDAJ Göttingen
SDAJ Hamburg
SDAJ Hannover
SDAJ Karlsruhe
SDAJ Kassel
SDAJ Kiel
SDAJ Köln
SDAJ Landau
SDAJ Leipzig
SDAJ Limburg-Weilburg
SDAJ Lübeck Süd/Ost-Holstein
SDAJ Mainz
SDAJ Mannheim
SDAJ Marburg
SDAJ Mu?nster
SDAJ München
SDAJ Neumarkt
SDAJ Neuss
SDAJ Nürnberg
SDAJ Osnabrück
SDAJ Ostwestfalen-Lippe
SDAJ Rostock
SDAJ Schwerin
SDAJ Siegen
SDAJ Solingen
SDAJ Stralsund
SDAJ Stuttgart
SDAJ Trier
SDAJ Tübingen
SDAJ Ulm
SDAJ Witten
SDAJ Würzburg

POSITION #5/2019

mehr zum Thema

Jungkandidat*innen zur Bundestagswahl: Andrea Hornung

Jungkandidat*innen zur Bundestagswahl: Andrea Hornung

Wer wirklich die Umwelt retten will, wählt KommunistInnen POSITION: Das Bundesverfassungsgericht hat gesagt, dass die Umwelt geschützt werden muss. Ist das Problem jetzt gelöst? Andrea: Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts ist ein positives Signal. Denn es stimmt,...

mehr lesen
Die Legende vom „importierten Antisemitismus“

Die Legende vom „importierten Antisemitismus“

Die Bundesregierung ist sehr schnell dabei, realen und vermeintlichen Antisemitismus bei Pro-Palästina-Demos zu finden. Bei antisemitischen faschistischen Netzwerken und ihren Rekrutierungsbecken in Polizei-, Bundeswehr- und Geheimdienststrukturen tut sie sich...

mehr lesen
× Schreib uns!