5634567317_3098e84b92_o

Der „plötzliche“ Wohnungsmangel in Deutschland

Seit letztem Sommer wird wieder über Wohnungsmangel geredet. Der Grund dafür? Die Flüchtlinge, die untergebracht werden müssen. Seitdem steigen mancherorts die Mieten deutlich, und das löst bei vielen Angst aus.

Aber Wohnungsnot ist nichts Neues; die Wohnungslosigkeit steigt in der Bundesrepublik seit einigen Jahren. Dafür gibt es viele Gründe – in den Städten, in denen leicht Arbeit zu finden ist, sind die Mieten besonders hoch, Menschen, die von Hartz IV leben, finden keine Wohnung, die vom Jobcenter bezahlt wird, und die Lohnentwicklung lässt keinen Spielraum für höhere Mieten. Aber der wirkliche Grund für den Mangel an Wohnungen ist, dass es einen Wohnungsmarkt gibt.

Die Anhänger des Marktes behaupten, wenn die Nachfrage steigt, steigt auch das Angebot. Und wenn die Preise zu hoch würden, ginge die Nachfrage zurück, bis der Preis wieder stimmt. Nur – man kann nicht darauf verzichten, irgendwo zu wohnen. Selbst dann nicht, wenn die Miete zu hoch ist. Und die Anbieter auf dem Wohnungsmarkt haben kein wirkliches Interesse daran, dass die Mieten sinken. Sie wollen vor allem die höchste Rendite aus den Wohnungen ziehen.

Das war selbst in der Bundesrepublik nicht immer so. Nach dem zweiten Weltkrieg, als viele Städte schwer zerstört waren, überließ man es aus gutem Grund nicht den Gesetzen des Marktes, für neue Wohnungen zu sorgen. Es gab eine gesetzliche Mietobergrenze und Wohnungen wurden vor allem von gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften errichtet, die nicht das Ziel hatten, damit Gewinne zu machen.

Erst in den 1970er Jahren wurde die Miethöhe wieder freigegeben, und kurz danach wurde auch der gemeinnützige Wohnungsbau weitgehend aufgegeben. Inzwischen müssen selbst kommunale Wohnungsgesellschaften Gewinne erzielen, und die einzige übrig gebliebene Form nicht gewinnorientierten Wohnungsbaus sind die Genossenschaften. Mittlerweile gibt es hunderttausende Wohnungen zu wenig.

Das Ergebnis: in manchen Städten müssen ärmere Mieter die Hälfte ihres Einkommens für die Miete aufwenden, und in der reichen Bundesrepublik steigt die Wohnungslosigkeit. Kein Wunder, dass es vielen Menschen Angst macht, wenn neue Konkurrenz auf dem Wohnungsmarkt auftaucht.

Eine Angst, die es nicht geben müsste. Die Arbeiterbewegung hat immer darauf bestanden, dass Wohnen ein Menschenrecht ist; der soziale Wohnungsbau in der BRD war ebenso ein Ergebnis der Kämpfe um dieses Recht wie die günstigen Wohnungen in der DDR, wo eine Wohnung kaum mehr als 90 Mark im Monat kostete. Es ist eine politische Entscheidung, ob man Menschen dem Markt ausliefert, wenn es um das Dach über ihrem Kopf geht, und sie zu Konkurrenten gegeneinander macht, oder ob man sich bemüht, die Bedürfnisse der Menschen zu erfüllen. Auf der einen Seite in dieser Auseinandersetzung stehen der Staat und die großen Wohnungsunternehmen, auf der anderen Seite stehen die Mieter – ob mit oder ohne deutschen Pass.

Dagmar Henn, München

Dagmar war bis April 2014 in der Rekordmietenstadt München Stadträtin für die Partei die LINKE. Heute ist sie Mitglied in der DKP.

Dieser Artikel erschien in
POSITION #1/2016
Im Archiv ansehen »
IDxpZnJhbWUgd2lkdGg9IjU2MCIgaGVpZ2h0PSIzMTUiIHNyYz0iaHR0cHM6Ly93d3cueW91dHViZS1ub2Nvb2tpZS5jb20vZW1iZWQvTk1IOGJwbDQ3V0kiIGZyYW1lYm9yZGVyPSIwIiBhbGxvdz0iYWNjZWxlcm9tZXRlcjsgYXV0b3BsYXk7IGVuY3J5cHRlZC1tZWRpYTsgZ3lyb3Njb3BlOyBwaWN0dXJlLWluLXBpY3R1cmUiIGFsbG93ZnVsbHNjcmVlbj48L2lmcmFtZT4=
SDAJ Aachen
SDAJ Augsburg
SDAJ Berlin
SDAJ Bochum
SDAJ Dortmund
SDAJ Dresden
SDAJ Düsseldorf
SDAJ Essen
SDAJ Frankfurt
SDAJ Gießen
SDAJ Göttingen
SDAJ Hamburg
SDAJ Hannover
SDAJ Kassel
SDAJ Kiel
SDAJ Köln
SDAJ Leipzig
SDAJ Lübeck Süd/Ost-Holstein
SDAJ Mainz
SDAJ Mannheim
SDAJ Marburg
SDAJ München
SDAJ Neumarkt
SDAJ Nürnberg
SDAJ Oldenburg-Bremen
SDAJ Osnabrück
SDAJ Ostwestfalen-Lippe
SDAJ Rostock
SDAJ Schwerin
SDAJ Siegen
SDAJ Solingen
SDAJ Stuttgart
SDAJ Trier
SDAJ Tübingen
SDAJ Ulm
SDAJ Witten
SDAJ Würzburg

POSITION #5/2019

mehr zum Thema

Das Ass im Ärmel der Automobilindustrie (POSITION #05/19)

Das Ass im Ärmel der Automobilindustrie (POSITION #05/19)

Bis 2022 sollen eine Millionen Elektroautos auf deutschen Straßen unterwegs sein, so das erklärte Ziel der Bundesregierung und damit deren Lösung der Klimakrise. Auf dem ersten Blick scheint dieses Vorhaben ja auch nicht schlecht zu sein, immerhin sind E-Autos leise...

Wir streiken, wenn uns keine Beachtung geschenkt wird (POSITION #05/19)

Wir streiken, wenn uns keine Beachtung geschenkt wird (POSITION #05/19)

Widerstand gegen katastrophale Zustände an Augsburger Schule Die Fachoberschule in Augsburg ist einer der größten Schulen in ganz Schwaben. Das Gebäude betreten jeden Tag um die 2000 Menschen aller Altersstufen. Dennoch ist die Schule ziemlich schlecht aufgestellt....

Marxistischer Spickzettel (POSITION #05/19)

Marxistischer Spickzettel (POSITION #05/19)

Die sogenannte „Soziale Marktwirtschaft“ Ob im SoWi-, Wirtschafts-, oder Politikunterricht: Immer wieder läuft uns der Begriff der „Sozialen Marktwirtschaft“ über den Weg. Voller Begeisterung erzählen uns die Bücher in der Schule genau wiedie Wirtschaftsexperten im...

Likes & Dislikes (POSITION #05/19)

Likes & Dislikes (POSITION #05/19)

Guten Morgen, Du Schöne  „Wir können uns eigentlich nicht wundern, dass in der sozialistischen Gesellschaft Konflikte ans Licht kommen, die jahrzehntelang im Dunkeln schmorten und Menschenleben vergifteten. Konflikte werden uns erst bewusst, wenn wir uns leisten...

Wessen Welt? (POSITION #05/19)

Wessen Welt? (POSITION #05/19)

Erneuter Terroranschlag von Faschisten In Halle gab es den nächsten Terroranschlag von Rechtsextremen. Natürlich waren alles Einzeltäter. Natürlich gab es auch vorher keine Anzeichen, sodass man dieses schreckliche Attentat nicht verhindern konnte. Der...

Lass uns über’s Ficken reden! (POSITION #05/19)

Lass uns über’s Ficken reden! (POSITION #05/19)

Kommentar: Arbeitsbedingungen und sexuelle Unlust Ausbeutung belastet auch das Sexualleben Wenn es um sexuelle Unlust, also das fehlende Verlangen bzw. Bedürfnis nach körperlichem Kontakt geht, müssen zunächst einige Dinge klargestellt werden. So gibt es bspw. eine...